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Ziel ist es, die Begeisterung während des Studiums ins Berufsleben mitzunehmen.

 
Gesundheitspolitik 26. September 2016

Karrierechancen am Zukunftsmarkt Gesundheit

ÖVP-Gesundheitssprecher Dr. Erwin Rasinger im Interview über den nur scheinbaren Widerspruch zwischen Ärztemangel und Ärztedichte, den zunehmenden Bedarf an Jungmedizinern, die mangelhafte Qualität vieler Ausbildungsplätze und die zukünftige Rolle des Hausarztes.

„In Summe betrachtet, kann das Gesundheitswesen bzw. die Gesundheitswirtschaft mit Sicherheit sowohl als Jobmotor der Gegenwart als auch der Zukunft gesehen werden“, so lautet die Quintessenz von Dr. Erwin Rasinger, mit der sein vor Kurzem publizierter Report „Jobchancen Gesundheitswesen“ abschließt. Als „zentrale Ursachen für das Wachstum im Gesundheitswesen“ werden demografische Veränderungen, die Verbesserung der medizinischen Leistungen, verstärktes Gesundheitsbewusstsein sowie ein wachsender Betreuungs- und Pflegebedarf in Krankenhäusern, Senioreneinrichtungen und in der Hauskrankenpflege genannt.

Auf den knapp 30 Seiten davor beschreibt Rasinger den Status quo auf Basis umfassenden Datenmaterials, stellt Vergleiche mit den Nachbarländern an und rechnet daraus Zukunftspotenziale für Gesundheitsberufe in den einzelnen Branchen – vom Spitalswesen über den ambulanten und Reha-Bereich, die Pflege bis hin zu Life Science und Medizinprodukten – hoch.

Sie haben eine Arbeit über Jobchancen im Gesundheitswesen publiziert: Wenn wir dabei auf die ärztlichen Berufsbilder fokussieren: Warum sollte ein Maturant heute ein Studium der Humanmedizin beginnen?

Rasinger:Im Vergleich zu anderen Berufen sind die Aussichten für Ärzte nach wie vor sehr gut. Und der Bedarf an Ärzten wird auch in Zukunft weiter steigen. Die Gründe dafür liegen auf dem Tisch: Die Bevölkerung wird immer älter, allein seit 1970 ist die Lebenserwartung um elf Jahre gestiegen, die Diagnose- und Therapiemöglichkeiten werden immer besser, die juristischen Anforderungen steigen ebenso immer höher wie die individuellen Patientenerwartungen.

Einem besonders von der Standesvertretung immer wieder als Gefahrenpotenzial gezeichneten zunehmenden Ärztemangel steht die zweithöchste Ärztedichte in Europa gegenüber: Je nach Sichtweise wird argumentiert und mit Statistiken belegt: Gibt es aus Sicht des Gesundheitspolitikers noch genug Ärzte, um in absehbarer Zukunft die medizinische Versorgung in Österreich sicherzustellen?

Rasinger: Wir haben mehr als ausreichend Studierende und wir hätten demnach auch genügend Ärzte, würden nicht allzu viele derzeit ihr Glück im Ausland suchen, weil dort die Ausbildung als deutlich besser wahrgenommen wird. Aber auch die Wertschätzung gegenüber den Jungmedizinern ist im Ausland höher, sie bekommen viel mehr das Gefühl vermittelt, gebraucht zu werden und wichtiger Teil des gesamten Teams zu sein. Das ist in Österreich leider oft nicht der Fall. Mit entsprechenden Maßnahmen in der Ausbildung kann der Sog ins Ausland zwar abgeschwächt werden, der Abwerbe-Druck wird aber in jedem Fall hoch bleiben, weil Deutschland, die Schweiz und England nach wie vor zu wenige Ärzte ausbilden.

Wenden wir uns der längerfristigen Perspektive zu: Gibt es auch noch genug Studien- bzw. Ausbildungsplätze in Österreich, um den langfristigen Bedarf zu decken?

Rasinger: Es gibt mehr als genug Studienplätze. Zudem kommen laufend neue an Privatuniversitäten hinzu. Im Vergleich zu den USA etwa bilden wir dreimal so viele Ärzte aus. Die entscheidende Frage ist vielmehr: Sind die Ausbildungsplätze auch inhaltlich gut? Eine Gefahr, die ich sehe, ist die Tatsache, dass wir immer mehr Rumpfspitäler haben, wo etwa für die Allgemeinmediziner-Ausbildung gar nicht mehr alle erforderlichen Fächer angeboten werden können. Verringerte Arbeitszeiten und Bettenverdichtung erhöhen zudem die Stresssituation für die angestellten Ärzte im Versorgungsalltag, Ausbildung wird vor diesem Hintergrund oftmals zum Luxus. Dabei müsste allen klar sein: Eine gute Ausbildung ist nicht nur für die Zukunft des einzelnen Arztes entscheidend, sondern für unsere Medizin insgesamt.

Bleiben wir noch kurz bei der langfristigen Perspektive: Wie viele aktive Ärzte wird es in den unterschiedlichen Bereichen 2030 geben müssen, um den dann zu erwartenden Bedarf zu decken?

Rasinger: Ich schätze, dass wir in den nächsten 15 Jahren rund 25 bis 30 Prozent mehr Ärzte brauchen werden. Insbesondere im niedergelassenen Bereich, verstärkt auch in der Vorsorge und Rehabilitation oder in der Medizintechnik wird der Bedarf massiv wachsen. Aber auch die Spitäler werden trotz reduzierter Bettenzahlen mehr Ärzte brauchen.

Sie sind selbst praktizierender Hausarzt: Die politischen Verhandlungen zum neuen PHC-Gesetz entwickeln sich offenbar zur „Never-Ending-Story“: Jeder Verhandlungspartner schiebt dem anderen den Schwarzen Peter zu – es geht nichts weiter. Vom politisch definierten, ohnehin wenig ambitionierten Ziel, wonach bis Ende 2016 zumindest ein Prozent der Bevölkerung in PHC-Zentren versorgt werden sollen, sind wir meilenweit entfernt. Wie muss aus Ihrer Sicht die Primärversorgung 2030 in Österreich aussehen? Und welche politischen Weichenstellungen müssen dafür jetzt gesetzt werden?

Rasinger: Die ÖVP ist klar für den Vorrang des bewährten Hausarztmodells, das wir mit der SPÖ auch im Regierungsprogramm ganz klar vereinbart haben. Wir wollen auch in Zukunft in möglichst vielen Gemeinden den wohnortnahen, persönlich betreuenden Hausarzt haben. Wir glauben, dass das in Österreich – ebenso wie übrigens in Deutschland und der Schweiz – bewährte Hausarztmodell insgesamt persönlicher und auch billiger ist und den Patienten viele Wege erspart. Teile der SPÖ und der Krankenkassen sehen im Gegensatz dazu die Zukunft in Zentren. Ich halte dieses finnisch/niederländische Modell allerdings für nicht besser als unser bestehendes. Wir brauchen allerdings dringend eine Aufwertung des Hausarztes, um Jungmediziner überhaupt für diesen Berufsweg zu interessieren. Niedrige Honorare im Kassenbereich, dafür aber enorm viel Bürokratie lässt viele Junge vor diesem an sich schönen Beruf zurückschrecken. Zudem wird die Ausbildung in den Spitälern oft lieblos durchgeführt. Wir sollten uns daher erfolgreiche Hausarztmodelle wie etwa das deutsche Baden-Württemberger Modell als Vorbild nehmen.

Ein Argument der PHC-Befürworter ist die zunehmende Notwendigkeit, die Vernetzung und Kooperationen der niedergelassenen Ärzte auch mit anderen Gesundheitsberufen zu forcieren. Das könne, so die Befürworter, in strukturierten PHC-Formen besser sichergestellt werden als in rein informellen Kooperationsmodellen. Spricht da nicht einiges dafür? Läuft die Zeit der Einzelkämpfer nicht tatsächlich langsam ab?

Rasinger: Wir haben nichts dagegen, dass Hausärzte auf freiwilliger Basis mit anderen Gesundheitsberufen in Zentren zusammenarbeiten. Generell geht der Trend im Gesundheitswesen ganz sicher in Richtung verstärkter Zusammenarbeit aller Gesundheitsberufe. Koordiniert sollen solche Kooperationen aber von den Hausärzten werden. Was wir keinesfalls wollen, ist, dass durch Einzelverträge das Monopol der Kassen noch stärker wird, als es jetzt ohnehin schon ist und die niedergelassenen Ärzte der Willkür der Sozialversicherung ausgeliefert werden.

Volkmar Weilguni im Gespräch mit Dr. Erwin Rasinger

, Ärzte Woche 39/2016

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