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© KatarzynaBialasiewicz / Getty Images / iStock
Antipsychotika sind bei Schizophrenie nicht alles: Ärzte sollten bei den Betroffenen auch das erhöhte Diabetesrisiko im Auge haben.
 
Neurologie 16. August 2017

Der Geist geht voran

Schizophrenie. Patienten mit beginnender Psychose zeigen häufig Zeichen einer Glukoseintoleranz und Insulinresistenz. Offenbar erhöht bereits die Erkrankung das Diabetesrisiko und nicht erst die Therapie, wie Forscher jetzt herausgefunden haben.

Patienten mit Schizophrenie sterben häufig jung – in den USA etwa 30 Jahre früher als die übrige Bevölkerung, für Europa deuten Studien auf eine 15 Jahre kürzere Lebenszeit. Über die Gründe für diese Exzessmortalität wird viel diskutiert, so setzen vor allem kardiovaskuläre Erkrankungen dem Leben der Patienten ein vorzeitiges Ende.

Da Psychosekranke viel rauchen, sich eher wenig bewegen und dazu tendieren, seltener ärztliche Hilfe aufzusuchen, kann ein solches Verhalten ein Teil des Problems erklären, doch offenbar sind noch andere Faktoren entscheidend. So deuten einige Studien auf eine gestörte Glukosehomöostase vom Beginn der Erkrankung an – also noch bevor die Patienten Antipsychotika erhalten.

Glukosetoleranz häufig gestört

Psychiater und Neurowissenschaftler um Dr. Toby Pillinger vom King’s College in London haben geschaut, ob sich solche Effekte konsistent in Studien nachweisen lassen ( Toby Pillinger et al., JAMA Psychiatry. 2017; 74: 261 ). Dazu fassten sie die Daten von 16 Fall-Kontroll-Studien mit 731 Patienten und 614 Kontrollpersonen ohne Psychose in einer Metaanalyse zusammen.

Alle Patienten hatten einen ersten Psychoseschub oder befanden sich im Prodromalstadium und waren mit Ausnahme von drei Studien therapienaiv. Die Kontrollpersonen hatten ein vergleichbares Alter und Geschlecht, außerdem rauchten sie ähnlich häufig.

Wie sich zeigte, waren Nüchternglukosewerte bei den Patienten signifikant höher als bei den Kontrollpersonen. Der Unterschied erwies sich jedoch über alle Studien gemittelt als gering, die Forscher um Pillinger berechneten eine Effektstärke (Hedges g) von 0,2. Werte bis 0,5 gelten als klein, zwischen 0,5 und 0,8 als moderat und darüber als groß.

Wurden die drei Studien ausgeschlossen, in denen die Patienten bis zu zwei Wochen Antipsychotika bekommen hatten, änderte dies wenig am Ergebnis (Hedges g = 0,3). Auch Studien, die Ernährung und körperliche Aktivität berücksichtigten, fanden bei den Psychosepatienten signifikant erhöhte Nüchternglukosewerte. In Studien, die auch den BMI mit einschlossen, verschwand jedoch die Signifikanz.

Erhöhte Insulinresistenz

In vier der Studien unterzogen sich die Teilnehmer einem oralen Glukosetoleranztest. Auch dabei waren bei den Psychosepatienten die Glukosespiegel signifikant erhöht, und die Effektstärke lag mit einem Hedges g von 0,6 im moderaten Bereich.

Allerdings gab es eine recht hohe Heterogenität: Eine Studie fand überhaupt keine Unterschiede, in den übrigen drei Studien lagen die Effektstärken zwischen 0,4 und 1,1.

Die Nüchtern-Insulin-Konzentration bestimmten die Studienärzte in elf der Untersuchungen. Sie fanden im Mittel bei den Patienten deutlich höhere Werte als in den Kontrollgruppen, die Effektstärke betrug 0,4. Wurden die drei Studien mit Pharmakotherapie ausgeschlossen, änderte sich kaum etwas am Ergebnis (Hedges g = 0,5). Das Resultat blieb auch bestehen, wenn der BMI in die Berechnungen mit einfloss.

In zehn Studien ermittelten die Ärzte die Insulinresistenz mittels HOMA-IR. Dabei ergaben sich ebenfalls erhöhte Werte bei den Psychosekranken und Prodromalpatienten; das Hedges g wurde mit 0,35 beziffert, ohne die Studien mit Antipsychotikatherapie lag der Wert bei 0,44. Auch führte die Adjustierung für den BMI und die ethnische Zugehörigkeit zu keinen größeren Änderungen.

Schließlich wurde in vier der Studien der HbA1c-Wert ermittelt. Hier konnten die Wissenschaftler um Pillinger jedoch keine signifikanten Differenzen zwischen Patienten und Kontrollpersonen entdecken.

Alles ungesunder Lebenswandel?

Das Ergebnis der Analyse spreche doch sehr dafür, dass die Glukosehomöostase bereits zum Beginn einer Psychose gestört sei, schreiben die Forscher. Dadurch lasse sich die hohe Diabetesrate bei chronisch Schizophreniekranken gut erklären.

Weniger klar ist jedoch, wie viel der Lebensstil und wie viel genetische Faktoren beitragen. In vielen der Studien sind Lebensstilfaktoren nicht erfasst worden, dort wo der BMI berücksichtigt wurde, schwächte sich die Effektstärke mal ab, mal nicht.

Pillinger und Mitarbeiter gehen davon aus, dass Patienten im frühen Psychosestadium bereits ungesünder leben und damit ihre Glukosehomöostase beeinträchtigen, auf der anderen Seite spreche aber auch viel für einen gemeinsamen Hintergrund von Schizophrenie und Diabetes.

Schizophrenie und Diabetes mit gemeinsamem Hintergrund?

So ließ sich bei Personen, die während oder kurz nach der chinesischen (1959–61) und holländischen (1944–45) Hungersnot zur Welt kamen, im späteren Leben eine erhöhte Inzidenz von Schizophrenie sowie Glukoseintoleranz nachweisen.

Erhöhte Stress- und Kortisolspiegel gehen ebenfalls mit einem gesteigerten Risiko für Schizophrenie und Diabetes einher, schließlich gebe es auch gemeinsame genetische Prädispositionen. So erkranken Verwandte von Schizophreniepatienten vermehrt an Typ-2-Diabetes, schreiben die Forscher um Pillinger.

Unabhängig von den Ursachen sollten Ärzte jedoch die erhöhte Diabetesgefahr bei Psychosepatienten vor Augen haben und die Therapie so wählen, dass diese das Risiko nicht übermäßig steigert. Zudem wäre eine Patientenedukation ratsam, die auf mehr Bewegung und gesunde Ernährung Wert legt, geben die Autoren der Metaanalyse zu bedenken.

Die Effektstärke

- Effektstärke bezeichnet bei Experimenten das Ausmaß der Wirkung eines experimentellen Faktors. Damit wird die praktische Relevanz statistisch signifikanter Ergebnissen verdeutlicht.

- Die Maßzahl Hedges g ist dabei nach dem US-Mathematiker Prof. Dr. Larry Heges von der Northwestern University im US-Staat Illinois benannt. Der Experte für Statistik hat die Formel zur Ermittlung der Zahl entwickelt.

- Hedges-g-Werte bis 0,5 gelten als kleiner Effekt, zwischen 0,5 und 0,8 als moderater Effekt und Werte über 0,8 als großer Effekt.

Thomas Müller

, Ärzte Woche 24/2017

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