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Mag. Sandra Pitzl, Klinische- und Gesundheitspsychologin sowie Notfallpsychologin,fachliche Leiterindes AKUTteams Nieder-österreich.privat

   

Den jüngsten Opfern müssen die Psychologen Sicherheit vermitteln.
(c) AKUTteam (4)

 

Sind Kinder involviert, erfordert das von den Helfern große Sensibilität.

 

Verunglückt ein Mensch, erleiden seine Angehörigen oft einen Schock. Das AKUTteam NÖ leistet hier rasche Hilfe.

 

 

Auch Erwachsene fühlen sich nach einem belastenden Ereignis hilflos.

 
Psychiatrie und Psychotherapie 22. November 2016

Hiobs Gegenspieler

Expertenbericht. Wenn Menschen Opfer eines Unfalls werden, Gewalt erfahren oder einen nahen Angehörigen verlieren, reißt es ihnen buchstäblich den Boden unter den Füßen weg. In Niederösterreich erhalten Betroffene Hilfe vom AKUTteam.

Ereignisse wie der plötzliche Tod eines Angehörigen, das Erleben eines schweren Unfalls oder eines Überfalls können Menschen von einer Sekunde auf die andere aus der Bahn werfen. Sie überfordern Betroffene oft so sehr, dass ihre herkömmliche Strategien, mit denen sie gewohnt sind, Krisen zu meistern, nicht mehr greifen. Plötzlich fühlen sie sich hilflos und haben keine Kontrolle mehr über die Situation. Verlieren Menschen einen Angehörigen, können auch professionelle Helfer ihnen den Schmerz nicht nehmen. Trotzdem werden die Begleitung und Unterstützung, wie sie in Niederösterreich das AKUTteam anbietet, von Angehörigen meist als sehr entlastend erlebt.

Bei Katastrophen oder anderen belastenden Ereignissen gehört es inzwischen zum internationalen Standard, dass betroffenen Personen und Gruppen psychosoziale Betreuung durch Kriseninterventionsteams angeboten wird. Die professionellen Helfer unterstützen sie etwa bei der Überbringung von Todesnachrichten, bei Verabschiedungen, bei der ersten Stabilisierung und der weiteren Bewältigung des Ereignisses.

Rasche und kostenlose Hilfe

Vielen Betroffenen hilft das nach dem ersten Schock, mit dem Geschehnis und dessen Folgen einigermaßen umzugehen. Es kann aber auch sein, dass die Ereignisse von so starker Intensität sind, dass eine längerfristige Betreuung durch psychosoziale Fachkräfte notwendig wird.

Das AKUTteam Niederösterreich arbeitet im Netzwerk der Rettungsorganisationen und bietet für Menschen in akuten Krisensituationen eine rasche und kostenlose psychosoziale Betreuung durch Fachkräfte in ganz Niederösterreich. Das AKUTteam wurde 2001 als Projekt der NÖ-Landesakademie gegründet und hat in der Notfallversorgung der niederösterreichischen Bevölkerung in den 15 Jahren seines Bestehens einen festen Platz eingenommen. Ein Team von Sozialarbeitern, Psychologen, Psychotherapeuten und Ärzten mit psychotherapeutischer Zusatzausbildung ist rund um die Uhr einsatzbereit, um in Krisensituationen professionelle Begleitung zu leisten. Die Betreuung vor Ort kann bis zu sechs Stunden (in ei-nem Termin oder aufgeteilt auf mehrere), im Bedarfsfall auch längere Zeit in Anspruch genommen werden, die Kosten trägt das Land Niederösterreich.

Genauso wie die Teams der mobilen Krisenintervention in den Rettungsorganisationen kann auch das AKUTteam im Notfall rund um die Uhr über Notruf 144 alarmiert werden, wo anhand eines strukturierten Alarmierungsschemas die erforderlichen Ressourcen bedarfsgerecht eingesetzt werden.

Die geschulten Laienhelfer, die den Kriseninterventionsteams der Rettungsdienste angehören, sind vor allem für rasche Interventionen vor Ort am Tag des Ereignisses und im Anschluss an Rettungseinsätze zuständig. Zu ihren Aufgaben gehört es beispielsweise, die Polizei bei der Überbringung von Todesnachrichten zu unterstützen, die Betroffenen zu stabilisieren und praktisch zu unterstützen. Es geht in erster Linie darum, die eigenen Kräfte von Betroffenen zu mobilisieren und das soziale Netzwerk zu aktivieren und dass von einem akuten Ereignis betroffene Menschen in einer solchen Situation nicht alleine sind.

Eine fachliche Betreuung durch Einsatzkräfte des AKUTteams ist besonders bei Suiziden, Suizidversuchen und Suizidandrohungen, Notfällen, bei denen Kinder beteiligt sind, Gewaltdelikten und einer drohenden Eskalation (z. B. bei geplanten Kindesabnahmen durch die Kinder- und Jugendhilfe) erforderlich. Diese Betreuung kann direkt nach einem Ereignis oder auch Tage und Wochen später angefordert werden. Je nach Anlass werden daher die Kriseninterventionsteams der Rettungsdienste, das AKUTteam Niederösterreich oder beide gleichzeitig alarmiert. Bei seelsorgerischem Bedarf kann auch die Notfallseelsorge angefordert werden.

Wird das AKUTteam alarmiert, so ist der Journaldienst – durchgängig besetzt mit ausgebildeten Sozialarbeitern – die erste Anlaufstelle. Der Dienst nimmt die Anrufe entgegen und koordiniert die Einsätze. Er bleibt auch danach Ansprechpartner für etwaige Fragen, vor allem wenn es um die Organisation und Sicherung von grundlegenden Bedürfnissen geht.

Für die mobile Betreuung vor Ort hat das AKUTteam fünf regionale Teams aus Psychologen und Psychotherapeuten mit entsprechender Notfallausbildung, die anhand von Bereitschaftslisten regional je nach Bedarf und Anfrage zum Einsatzort geschickt werden. Welches Team wohin fährt, hängt sowohl von der Anfahrtstrecke als auch von den jeweiligen Spezialisierungen der Einsatzkräfte ab, etwa wenn es um Kinder- und Jugendliche geht oder wenn man vor Ort eine Psychologin für weibliche Gewaltopfer benötigt.

Im vergangenen Jahr wurde das AKUTteam insgesamt 783 Mal alarmiert, am häufigsten (bei jedem dritten Anruf) von Angehörigen oder Betroffenen nach einem Suizid oder Suizidversuch. Die Gefahr einer Traumatisierung ist bei Angehörigen nach einem Suizid besonders hoch, da oft viele Fragen offen bleiben und nicht selten massive Schuldgefühle auftreten. In Hinblick auf den Umgang mit suizidalen Menschen sind eine Betreuung im Sinne fachlicher Präventionsarbeit, eine lückenlose fachliche Weiterbetreuung bzw. Weitervermittlung sowie eine Anbindung an längerfristige psychologische oder psychotherapeutische Angebote wichtig.

Auch durch Menschen verursachte traumatische Gewalterfahrungen führen in hohem Maße zu schweren Belastungsreaktionen und längerfristigen Folgen, die eine rasche fachliche Hilfe erfordern. Gerade in diesen Fällen ist eine Anbindung an spezialisierte Opferschutzinstitutionen wie beispielsweise Kinderschutzzentren, Gewaltschutzzentren oder dem Weißen Ring sinnvoll.

Aktivierung von Ressourcen

Grundsätzlich ist jedes Ereignis, das Menschen aus dem Alltag reißt und ihnen plötzlich den Boden unter den Füßen wegzieht, ein potenziell traumatisches Ereignis. Dabei reagieren Menschen auch aufgrund ihrer Lebenssituation und Lebenserfahrung sehr unterschiedlich.

Die Methoden der Akutbetreuung orientieren sich prinzipiell immer an den Bedürfnissen der Betroffenen. Ein wichtiges Element dabei ist die Aktivierung und Mobilisierung von Ressourcen, sowohl die der Betroffenen selbst als auch die ihres Umfelds. Ein wesentlicher Teil sind auch Informationsvermittlung und die praktische sowie psychologische Hilfe in den ersten Tagen und Wochen nach dem Ereignis, um mit der Überflutung von Gefühlen, Bildern und anderen Eindrücken sowie körperlichen Reaktionen wie beispielsweise Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten oder schreckhaftem Verhalten zurechtzukommen.

Wenn bei einem Notfall Kinder involviert sind, haben Eltern und andere Erwachsene oft Sorge, dass sie etwas falsch machen könnten, zumal wenn es um Sterben und Tod geht. Vor allem wenn Eltern selbst betroffen sind, ist es wichtig, den Kindern Sicherheit zu vermitteln und ihnen altersgerecht dabei zu helfen, das belastende Ereignis zu verstehen, einzuordnen und zu verarbeiten.

Psychotherapie und Trauergruppe

Oberstes Ziel jeder Intervention ist, die Betroffenen so zu stärken, dass sie die anstehenden Aufgaben und Belastungen aus eigener Kraft bewältigen. In vielen Fällen vermittelt das AKUTteam sie nach Ende der eigenen Betreuung zu einer mittel- oder langfristigen Weiterbehandlung an Psychotherapeuten oder spezielle Einrichtungen wie Trauergruppen.

Durch ihre Arbeit schließen die Fachkräfte des AKUTteams in Niederösterreich die Lücke zwischen der peritraumatischen Versorgung am Vorfallstag und einer möglicherweise erforderlichen mittelfristigen Weiterbetreuung durch spezialisierte Fachkräfte und Einrichtungen. Detaillierte Informationen sowie Fallbeispiele aus der praktischen Arbeit des Teams finden Sie im Internet unter www.akutteam.at.

Sandra Pitzl

, Ärzte Woche 47/2016

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