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Prof. Dr. Gerald Gartlehner
 
Gesundheitspolitik 14. November 2016

„Leute decken sich mit Präparaten ein, die eigentlich überhaupt nichts bringen“

3 Fragen, 3 Antworten

Prof. Gartlehner stimmt dem schottischen Epidemiologen Sir Muir Gray zu, der sinngemäß sagt, dass sauberes Wissen im 21. Jahrhundert für die Gesundheit der Bevölkerung ähnlich wichtig sei wie sauberes Wasser im 19. Jahrhundert. An der Donau-Universität Krems leitet Gartlehner das Department für Evidenzbasierte Medizin.

Warum halten sich gerade Ernährungsmythen so hartnäckig, liegt es an der kontroversen Studienlage, oder sind die Boulevard-Medien schuld?

Gartlehner: Manche Dinge klingen einfach gut und entwickeln ein Eigenleben. Es stimmt schon, dass wir ein stressiges Leben haben und uns nicht immer gut ernähren. Aber der falsche Schluss daraus, dass wir Multivitaminpräparate zu uns nehmen sollen, der ist nicht auszurotten.

Warum lässt man den Menschen nicht diesen letzten Rest Aberglauben? Gibt es belegbare Schädigungen der Gesundheit?

Gartlehner: Es gibt Studien die zeigen, dass einzelne Vitamine in sehr hoher Dosierung krebserregend sein können. Bei Vitamin E gibt es dazu Studien, aber es geht natürlich auch um informierte Entscheidungen. Leute nehmen Geld in die Hand, um sich mit diesen Präparaten einzudecken, die eigentlich überhaupt nichts bringen. Manche Mythen sind außerdem industriegesteuert, da geht es nur ums Geld.

Die Hälfte der Österreicher hat laut Studien eine mangelhafte Gesundheitskompetenz, hat also Probleme, Gesundheitsinformationen zu finden, sie zu interpretieren und anzuwenden – woran liegt das?

Gartlehner:Es gibt dafür mehrere Ursachen. Ein Problem ist, dass es hierzulande kein großes Institut gibt. In Skandinavien gibt es das „Norwegian Knowledge Institute for the Health Services„ (Anm. d. Red.: www.kunnskapssenteret.no/en/frontpage ), das öffentlich finanziert ist und für die norwegische Bevölkerung Gesundheitsinformation in der Landessprache zusammenfasst. Auch in Holland gibt es ähnliche Institute.

Das ist etwas, das hierzulande in der Verantwortung des Bundes liegt. Wir haben das aber nicht. Das ist ein Schritt, den wir noch gehen müssen, um die Gesundheitskompetenz anzuheben. Es sind auch sehr viele Ärzte betroffen. Die ärztliche Weiterbildung ist zu einem schönen Anteil industriefinanziert, das birgt die Gefahr, dass Ärzte beeinflusst werden.

Martin Krenek-Burger, Ärzte Woche 46/2016

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