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In der Tragikomödie „Honig im Kopf“ spielt Dieter Hallervorden (hier mit Emma Schweiger) sehr einfühlsam einen Alzheimer-Patienten.
 
Neurologie 21. Oktober 2016

Verständnis für Demenz schafft Nähe zum Menschen

Wer an Demenz leidet, verliert die Kontrolle über sein Leben. Krisen gehören für ihn zum Alltag. Im Notfall sind oft Polizisten ihre ersten Ansprechpartner. Eine Schulung bereitet Beamte auf den Umgang mit den Patienten vor.

46.8 Millionen Menschen sind weltweit von Demenz betroffen, und diese Zahl wird sich Schätzungen zufolge alle 20 Jahre verdoppeln. Aufgrund dieser dramatischen Entwicklung besteht dringender Handlungsbedarf auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Weltweit haben Länder wie England, Frankreich, Schottland und Australien bereits nationale Pläne zu den künftigen Herausforderungen infolge dieser Entwicklung initiiert, im vergangenen Jahr hat auch Österreich ein Handlungspapier zum Thema Alzheimer vorgelegt.

Früherkennung und Re-Integration

Die wichtigsten Ziele der meisten Demenzstrategien sind die Früherkennung und die Re-Integration von Personen mit Demenz in die Gesellschaft. Studien konnten zeigen, dass die Früherkennung der Krankheit wesentlich zur Verhinderung einer raschen Institutionalisierung Betroffener beiträgt. Sie hilft Patienten und ihren Angehörigen vor allem, die Krankheit in ihr Leben zu integrieren, früh Zugang zur Therapie zu erhalten, Krisen zu verhindern und vorausschauend eine Pflege zu planen. Die Entstigmatisierung der Betroffenen spielt beim Erreichen dieser Ziele eine zentrale Rolle.

Mangelndes Wissen über das Wesen demenzieller Erkrankungen und die speziellen Bedürfnisse Betroffener trägt wesentlich zur Stigmatisierung der Patienten bei. Daher werden seit geraumer Zeit Vertreter verschiedener Berufsgruppen, die häufig Umgang mit Demenzpatienten haben, geschult und unterstützt, damit sie Verständnis für die Betroffenen entwickeln. In besonderem Maße gilt dies für Polizisten, die für Demenzkranke und deren Angehörigen in Krisensituationen oft die ersten Ansprechpartner sind.

Immer häufiger sehen sich Polizisten vor die Aufgabe gestellt, kritische Situationen mit Demenzkranken zu entschärfen. Sowohl ihr Wissen über das Krankheitsbild als auch ihre Kommunikations-Kompetenz helfen ihnen dabei, Eskalationen zu vermeiden, die für alle Beteiligten belastend sind und ihren eigenen berufsbedingten Stress erhöhen.

Die wissenschaftliche Datenlage in diesem Bereich ist noch recht dünn. Ein US-amerikanisches Projekt konnte immerhin zeigen, dass Suchaktionen umso erfolgreicher sind, wenn Polizisten wissen, dass es sich bei dem oder der Vermissten um eine Person mit Demenz handelt. Daher haben einige Bundesstaaten in den USA verpflichtende Ausbildungsprogramme für Polizisten ins Leben gerufen. Die Steigerung ihrer Kompetenz wurde dabei als protektiver Faktor ausgewiesen.

Handlungsleitfaden entwickelt

Um spezielle Berufsgruppen auf den Umgang mit Demenzpatienten vorzubereiten, wurde ein Handlungsleitfaden entwickelt, der in verschiedenen Situationen greift und tatsächlich dann zur Verfügung steht, wenn er akut gebraucht wird. Die Anweisungen sollten leicht verständlich, zielgruppenspezifisch und in den Alltag integrierbar sein, darüber hinaus auch ansprechend und kurzweilig gestaltet. Das wichtigste Ziel eines solchen Lernprogramms ist die Vermittlung einer wertschätzenden Grundhaltung gegenüber Menschen mit Demenz.

Internetbasierte Lernprogramme bieten sich für ein derartiges Bedarfsprofil an. Aus diesem Grund wurde in dem Projekt „Einsatz Demenz“ (Auer et al., 2016) eine ökonomisch vertretbare und zeitsparende E-Learning-Lösung angestrebt, die Polizisten in ihrem Alltag zur Verfügung steht.

E-Learning via Intranet

Auf Basis von Gruppendiskussionen, an denen auch spätere Nutzer des Handlungsleitfadens teilnahmen, entwickelte man drei Lernmodule, in die verschiedene Medien (etwa Alzheimer-Filme wie „Honig im Kopf“) und interaktive Elemente eingebaut wurden. Darüber hinaus stellte man den Teilnehmern Hintergrund-Texte zur Verfügung. Die Lernmodule stehen Polizisten im Intranet zur Verfügung. Modul 1 widmet sich der Vermittlung der medizinischen Grundlagen der Erkrankung, Modul 2 informiert über Grundprinzipien der deeskalierenden Kommunikation.

Hierzu wurde die Merkhilfe „ROBI“ entwickelt, ein Akronym für Ruhe ausstrahlen, Organisation des Teams, Beobachten des Verhaltens beteiligter Personen und Interaktion am Ende des Prozesses. Vor allem soll Demenzpatienten auf diese Weise Zeit gegeben werden, sich in die Situation einzufinden (Prinzip der verzögerten Handlung).

Im Modul 3 („Menschen mit Demenz verstehen“) werden Filmszenen, die Demenzpatienten zeigen, analysiert und Handlungsmuster interaktiv durchgespielt.

Rückmeldungen durchweg positiv

Für die Evaluierung wurde ein Fragebogen entwickelt, der folgende Bereiche berücksichtigt: Benutzerfreundlichkeit, Praxistauglichkeit, Kompetenzsteigerung, Nachhaltigkeit und didaktische Aufbereitung.

Das Programm wurde bisher von 221 Polizisten absolviert, die durchschnittliche Lerndauer betrug 5,53 Stunden. 23 Polizisten füllten bis zur Beendigung des Projektes einen Evaluierungsfragebogen aus, die Rückmeldungen waren durchweg positiv. In der Gesamtbewertung gaben 78 % der Polizisten an, sehr zufrieden mit dem Programm gewesen zu sein, 20 % waren zufrieden und 2 % eher unzufrieden. Positiv hervorgehoben wurden der Einsatz spannender Medien und die kontinuierliche Einsetzbarkeit der Module.

 Prof. Dr. Stefanie Auer ist am Department für Klinische Neurowissenschaften und Präventionsmedizin der Donau-Universität Krems tätig.

Stefanie Auer

, Ärzte Woche 43/2016

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