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© Stadtarchälogie (2)
Grabbeigaben: Ohrringe u. Kette aus awarischen Glasperlen.

Gürtel mit Renaissancemotiven (Grabung St. Bartholomäus-Platz).

 
Leben 5. Juli 2016

Stein auf Brustbein bannt Wiedergänger

Archäologen legen Gräber aus dem „dunklen“ 9. Jahrhundert in Wien frei. Sie erzählen von den Ängsten unserer Vorgänger.

Die ehemals vor Wien gelegene Ortschaft Hernals gilt als archäologisches Hoffnungsgebiet. Die Ausgrabungsbefunde, vom Frühmittelalter bis in die Neuzeit, liegen nunmehr in Buchform vor.

Über Wien im 9. Jahrhundert ist bislang kaum etwas bekannt. Die Archäologen können derzeit nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob man es überhaupt mit einer längerfristigen Siedlung zu tun habe, die auch im 10. Jahrhundert Bestand hatte. Hintergrund: Wien lag damals an der Grenze zwischen dem ostfränkischen und ungarischen Herrschaftsbereich. In der Raffelstetter Zollordnung (902/906) ist Mautern am Ausgang der Wachau als letzte Abgabestelle angeführt. Im Wiener Raum muss man zu dieser Zeit mit ungarischen Machtstrukturen rechnen.

Laut Auskunft von Mag. Ingeborg Gaisbauer, Stadtarchäologie Wien, liegen bislang nur einige Fundobjekte (zumeist Keramik) aus dem 1. Bezirk und die Bestattungen in Hernals vor. Ob und wo im näheren Umfeld dieser Bestattungen in der Steinergasse eine Siedlung existiert haben mag, sei derzeit unklar.

Klarer ist die nachrömische Nutzung der antiken Hinterlassenschaften. Ob nun der germanische Volksstamm der „Langobarden“ im 6. Jahrhundert oder „ethnisch“ nicht genauer zuordenbare Menschen des frühen 9. Jahrhunderts, eines ist ihnen in ihrer Auseinandersetzung mit römischen Ruinen gemein: Nicht die Lebenden wählen diese Baureste als Wohnstatt, sondern die Toten werden hier einquartiert. Doch wer waren diese Menschen, wie fühlten sie?

Die Ausgrabung gewähren einen Blick in diese ferne Zeit. Zwei in Hernals entdeckte römische Ziegelbrennöfen gaben nachrömische Gräber frei. Im ersten Grab lag eine 25 bis 35 Jahre alte, 1,54 m große Frau mit Ohrringen und Perlenkette. Auf der Brust war ein schwerer Stein platziert, auch ihre rechte Augenhöhle war mit einem Stein versehen. Beides könnte ein Indiz für einen Bannritus bezüglich Wiedergängertums sein, sagt Dr. Martin Mosser. So wurden Menschen mit schweren Erkrankungen als Wiedergänger gefürchtet. Mehr Infos über die Wiener Vergangenheit vom Frühmittelalter bis zur Renaissance bietet der Band „Hernals“ aus der Reihe „Wien Archäologisch“ (Preis 21,90 Euro, ISBN 978-3-85161-153-3).

Martin Burger, Ärzte Woche 27/2016

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