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© Maja Suslin/dpa
Die scheue Schöne: Zoë bezauberte Stockholm und Zuhörer weltweit mit „Loin d’ici“, ihrem Gesang und Auftreten. Realitätsflucht? Na und.
 
Allgemeinmedizin 17. Mai 2016

Hier heilt die Stimme: Sing wo und was du willst

Klingt banal, hat aber große Wirkung.

Das Wettsingen in Stockholm hat in guten Momenten entzückt. Doch Gesang kann mehr, er spendet traumatisierten Menschen Trost.

„We Are One“ heißt der Song, der auf einen Aufruf der Kinder-Krebs-Hilfe-Organisationen hin entstanden ist. 900.000 Kinder und Jugendliche luden im vergangenen Februar ihre Version des Refrains hoch. Musikalisch ist das Lied zwar belanglos, aber angesichts der zugrunde liegenden Schicksale, die man beim Anblick der kleinen Sänger erahnen kann, bekommt man als Zuhörer eine Gänsehaut ( child4child.com/ ).

Singen heilt, Lachen ist gesund? „Heile, heile Gänschen, es ist bald wieder gut ...“, lässt der gelernte Arzt Dr. Eckart von Hirschhausen sein Publikum singen. Ein Ohrwurm ohne jede Botschaft? Für den Kabarettisten ist der Song „hoch intelligent komponierte psychosomatische Grundversorgung“: Ein Mensch, der leidet, brauche Zuwendung, er braucht das Gefühl, dass ihm jemand wohlwollend über den Kopf streicht – heile, heile Gänschen eben – eine Botschaft, die gut tut.

Hilfreich ist Gesang etwa bei der Arbeit mit Traumatisierten, schreibt Ingrid Hilgers in der Zeitschrift Heilberufe (04/2016). Der Mensch versuche in der Regel, traumatische Situationen zu verdrängen. Im Alter werde dieser Schutzmechanismus mitunter brüchig, dann verhält sich die Person plötzlich merkwürdig, wird unruhig oder aggressiv.

Menschen in Panik müssten emotional und auf der Beziehungsebene angesprochen werden, damit sie sich verstanden fühlen. Das Entscheidende in solch einer Situation sei, dass man die Erlebnisse, die das Verhalten des Betroffenen auslösen, nicht verniedliche, sondern ihm das Gefühl gebe, dass er nicht allein gelassen werde. „Man muss die Betroffenen im Schlimmen abholen.“ Das könne sich verbal äußern, indem man dem anderen sage, dass man bei ihm bleibe und auf ihn aufpasse. Eine Teilnehmerin habe auf einer Fortbildung nicht glauben wollen, dass das funktioniere, aber beim nächsten Treffen ihren Irrtum eingeräumt. „Was so banal klingt, hat häufig eine große Wirkung“, sagt Baer. Manche älteren Menschen lassen sich aber auch über Sinneskontakt erreichen: über Blickkontakt, Handhalten oder Singen. Es sei wichtig, Trost zu spenden, Trost, den viele Ältere nicht erhalten haben, weil sie im Alltag funktionieren mussten, aber auch, weil es nicht üblich war, über den seelischen Schmerz zu sprechen.

MB/APAmed/ÄZ, Ärzte Woche 20/2016

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