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Neurologie 1. März 2016

Wo und wann töten Menschen mit Schizophrenie?

Bei gesunden Männern sind Tatmotive für einen Mord häufig Eifersucht oder Streit unter Alkoholeinfluss. Menschen mit Schizophrenie töten meist aus wahnhafter Notwehr.

Studien belegen, dass Menschen mit Schizophrenie häufiger Tötungsdelikte begehen als Gesunde. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Relativ wenig ist bisher über die Tatumstände, den Tatablauf und das Nachtatverhalten dieser Täter bekannt. Ergebnisse einer Datenanalyse von Tatzeit und Tatort liefern jetzt erste Erkenntnisse.

Das Bild, das psychiatrische Laien von Schizophrenie haben, ist zum überwiegenden Teil von Filmen und Massenmedien geprägt. Die Reaktionen schwanken zwischen Angst und Mitleid. Ist der Schizophrene eine unberechenbare Bestie, die jederzeit und überall losschlagen kann oder aber ein wehrloses Opfer der Gesellschaft? Beides stimmt wohl nicht.

Es gibt aber sehr wohl Stigmatisierung und Exklusion. Genauso ist es eine durch viele Studien belegte Tatsache, dass Menschen mit Schizophrenie häufiger Tötungsdelikte begehen als Gesunde. Die Ursachen dafür sind vielfältig und reichen von höheren Raten von komorbidem Alkohol- und Drogenmissbrauch bis zu psychotischen Symptomen wie systematisiertem Verfolgungswahn, wahnhaften Personenverkennungen, imperativen Stimmen oder Willensbeeinflussungserlebnissen. Relativ wenig ist über die Tatumstände, den Tatablauf und das Nachtatverhalten dieser Täter bekannt, Faktoren, die bei gesunden Mördern in das Forschungsgebiet der Kriminologie, Kriminalpsychologie und der Gerichtsmedizin fallen und in der forensischen Psychiatrie bisher nur wenig untersucht wurden.

Seit Anfang 2015 ist die Aufarbeitung dieses Problemfeldes ein Forschungsschwerpunkt in der Justizanstalt Göllersdorf, in der schuldunfähige Gewalttäter behandelt werden. Die Justizanstalt wurde 1985 eröffnet und verfügt über 137 Betten. Im Laufe der Jahre entstand ein großer, auf Explorationen, Falldarstellungen, psychiatrische und gerichtsmedizinische Gutachten sowie Polizeiberichte basierender Datenpool. Für die Untersuchung der Tötungsdelikte wurden folgende Daten standardisiert erfasst: soziale, familiäre, forensische und klinische Anamnese, der schizophrene Subtyp und die Psychopathologie zum Tatzeitpunkt, Tatort und -zeit, Tatmotiv, Tatablauf und Nachtatverhalten. Es konnten 98 Datensätze von an Schizophrenie leidenden Männern, die Tötungsdelikte begangen hatten, ausgewertet werden.

Tatzeit: Winter und Frühling

Der statistische Zusammenhang zwischen Monat oder Jahreszeit und Anzahl der Tötungsdelikte von Gesunden war Gegenstand zahlreicher kriminologischer Studien. Diese Untersuchungen erbrachten keine eindeutigen interpretierbaren Ergebnisse. In unserem Sample fand sich eine auffällige Verteilung (Abb. 1).

Die meisten Morde, 67,2 Prozent, wurden in den Winter- und Frühlingsmonaten bzw. in der ersten Jahreshälfte begangen, im Sommer und im Herbst sinkt die Rate auf 32,8 Prozent. Ähnlich wie bei der saisonalen Verteilung von Suiziden mit einem Gipfel im Frühling und Frühsommer lässt sich über die Gründe nur spekulieren, da über die Chronobiologie aggressiver Verhaltensweisen wenig bekannt ist.

Kriminologische Untersuchungen aus Nordamerika an gesunden Tätern zeigen, dass Tötungsdelikte mit einem Anteil von 60 bis 80 Prozent vorwiegend an Wochenenden begangen werden. Auch in deutschen Studien wurde übereinstimmend eine erhöhte Zahl von Tötungsdelikten an Wochenenden festgestellt. Eine Auswertung der Morde in Hamburg von 1950 bis 1967 erbrachte, dass 47 Prozent aller Tötungsdelikte zwischen Freitag und Sonntag verübt wurden. Die Opfer waren eher Fremde, häufig standen Täter und Opfer unter Alkoholeinfluss. Die Tötung des Intimpartners lag mit 41 Prozent über dem zu erwartenden Wert. Ein davon abweichendes Muster zeigt sich bei den Tötungsdelikten schizophrener Männer (Abb. 2). Die meisten Morde, 75,5 Prozent, ereigneten sich zwar am Wochenende, aber auch am Wochenanfang, jedoch waren in diesen Tagen vor allem Verwandte und Freunde die bevorzugten Opfer. Die Tötungen von (Ex-)Partnern und von Fremden verteilte sich deutlich gleichmäßiger über die Woche. Als Ursache wäre denkbar, dass an diesen Tagen besonders häufig innerfamiliäre Konflikte auftraten, da 83 Prozent der Kranken keiner Arbeit nachgingen.

Kriminologischen Studien über die tageszeitliche Verteilung von Tötungsdelikten von gesunden Mördern erbrachten robuste, mehrfach replizierte Ergebnisse. Die ganz überwiegende Zahl der Morde ereignet sich zwischen 20 und 4 Uhr. Wiederum zeigt sich bei den Tötungsdelikten schizophrener Männer ein davon deutlich abweichendes, nahezu inverses Verteilungsmuster (Abb. 3).

Nur 22,4 Prozent der Tötungsdelikte ereignen sich zwischen 21 und 8 Uhr, die überwiegende Zahl der Morde passiert untertags mit einem deutlichen Gipfel in den frühen Nachmittagsstunden. Die üblichen Konstellationen, die bei den Tötungen gesunder Männer zu finden sind (sexuelle Eifersucht oder Streit unter Alkoholeinfluss), spielen bei schizophrenen Männern kaum eine Rolle. Das stärkste und häufigste Motiv ist die wahnhafte Notwehr. Die fatale Begegnung mit dem wahnhaften Verfolger ereignet sich offensichtlich häufiger untertags als in der Nacht.

Tatort Wohnung

Die meisten Menschen verbringen einen Großteil ihrer Zeit in ihrer Wohnung und am Arbeitsplatz. In der Hamburger Studie fanden 11,4 Prozent aller Tötungsdelikte am Arbeitsplatz statt. Die Wohnung nimmt mit 70 Prozent einen größeren Raum ein. Bei der Auswertung der Daten unserer Untersuchung finden sich vergleichbare Ergebnisse (Abb. 4).

60,2 Prozent der Tötungsdelikte der schizophrenen Männer finden in der eigenen Wohnung oder der Wohnung des Opfers statt, lediglich 38,8 Prozent im öffentlichen Raum, nur zwei davon am Arbeitsplatz. Es besteht ein Zusammenhang zwischen dem Tatort und der Täter-Opfer-Beziehung. Die Mehrzahl der Tötungen, die sich in der eigenen Wohnung oder der Wohnung des Opfers ereignet, betrifft (Ex-)Partner und Verwandte, Fremde werden fast ausschließlich im öffentlichen Raum umgebracht, Taten an Freunden und Bekannten verteilen sich auf den privaten bzw. öffentlichen Raum.

Prof. Dr. Thomas Stompe ist an der Abteilung für Sozialpsychiatrie am AKH Wien tätig und leitet das Institut für interkulturelle Medizin und Migrationsforschung.

Tatmonat der Tötungsdelikte von schizophren Erkrankten

Wochentag der Tötungsdelikte von schizophren Erkrankten

Tageszeit der Tötungsdelikte von schizophren Erkrankten

Tatort der Tötungsdelikte von schizophren Erkrankten (N=98)

Tipp: „Terrorismus und Radikalisierung

Am 20. Mai findet im Hörsaalzentrum des AKH Wien die 10. Wiener Frühjahrstagung für Forensische Psychiatrie statt. Im Fokus stehen der radikalisierte Mensch und die Ängste, die er in der Gesellschaft auslöst. Das Forum bietet eine besondere Gelegenheit, sich dem Thema wissenschaftlich anzunähern, gänzlich ohne Hysterie. Weitere Infos und Online-Anmeldung unter www.ce-management.com.

Thomas Stompe, Ärzte Woche 9/2016

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