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Neue Erkenntnisse in der Interaktion von Schmerz und Psyche bringen Studien, u. a. aus Österreich.
 
Psychiatrie und Psychotherapie 4. September 2015

Die richtige Antwort auf ihre Höllenqualen

Expertenbericht:Antipsychotika können Schmerzpatienten helfen, ein Restless-Legs-Syndrom aber verschlimmern.

Psychiatrische Komorbiditäten bei chronischen Schmerzen spielen eine wichtige Rolle. Die Diagnosebereiche sind: psychosoziale Beeinträchtigung, Depressivität, Ängstlichkeit/Hypochondrische Ängste, Schlafstörungen, Somatisierung, Traumatisierung, Sexuelle Funktionsstörungen, Substanzprobleme und Suizidalität.

Zur Entwicklung chronischer Schmerzen gibt es eine Reihe empirisch fundierter Modelle, wie zum Beispiel: operante Modelle, respondente Modelle, kognitiv-behaviorale Modelle und psychobiologisches Modelle. Eine aktuelle Querschnittsstudie (Vossen et al., 2015), die chronische Rückenschmerz-Patienten untersuchte kommt, im Vergleich zu gesunden Kontrollen, zu dem Schluss, dass Habituation möglicherweise ein Schlüsselmechanismus im Übergangsprozess zu chronischen Schmerzen sein kann. Zukünftige Studien mit einem Längsschnitt-Design sind erforderlich, um diese Befunde zu bestätigen.

Vietri et al. (2015) fanden bei Personen mit Depressionen und Schmerzen höhere Depressionswerte, niedrigere gesundheitsbezogene Lebensqualität, mehr Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte und eine höhere psychosoziale Beeinträchtigung. Diese Daten zeigen auf, wie wichtig es ist bei depressiven Patienten das Vorhandensein von Depression zu prüfen und in der Behandlung sowohl die physischen und emotionalen Symptome dieser Patienten zu berücksichtigen.

Umgekehrt ist Schmerz bei Patienten auf somatischen Stationen möglicherweise ein Prädiktor für Angst- und Depressionssymptomatik. Freidl et al. (2015) untersuchten 290 Patienten auf nicht-psychiatrischen Stationen hinsichtlich Schmerz-Symptomen und führten anschließend ein strukturiertes psychiatrisches Interview durch. Patienten mit Affektiven- oder Angststörungen hatten signifikant häufiger 3 oder mehr schmerzhafte Symptome (63 % vs. 28 %). Ein Cutoff-Wert von ≥3 Schmerzsymptomen hatte eine Sensitivität von 63,1 Prozent und eine Spezifität von 71,7 Prozent für Affektive- oder Angststörungen. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass mehr als 3 Schmerzsymptome ein wichtiges „Screeningtool für psychische Störungen“ auf somatischen Stationen sein können.

Chatterjee et al. (2015) bestätigen die Befunde von Aigner et al. (2015), dass Patienten mit anhaltender somatoformer Schmerzstörung häufig unter Restless-Legs-Syndrom (RLS) leiden. Die aktuelle Studie berichtet in ihrer Kohorte eine Häufigkeit von 29 Prozent, Aigner et al. (2007) in ihrer Kohorte 42 Prozent. Dieser Symptomenbereich ist insofern von besonderer Bedeutung, da Antipsychotika Schmerzen bessern können, wie die aktualisierte Meta-Analyse von Seidl et al. (2013) zeigt, aber RLS durch Antipsychotika verschlimmert werden können. Die klinische Untersuchung auf RLS kann hier möglicherweise einen Anhalt bieten, ob bei therapierefraktären Schmerzen Antipsychotika sinnvoll eingesetzt werden können oder nicht.

Eine aktuelle Meta-Analyse (Afari et al., 2014) bestätigt, dass Funktionelle somatische Syndrome (Fibromyalgie, chronic widespread pain, chronische Müdigkeit, temporomandibuläre Störung, Reizdarmsyndrom) mit Traumaexposition und Postraumatischer Belastungsstörung verbunden sind. Personen, die eine Trauma-Exposition berichtet, hatten 2,7-faches (95 % CI = 2,27-3,10) Risiko, ein funktionelle somatische Syndrom zu haben. Die Ergebnisse stehen im Einklang mit der Hypothese, dass traumatische Ereignisse mit einer erhöhten Prävalenz von funktionellen somatischen Syndromen assoziiert sind. Dies ist ein Auszug neuer Erkenntnisse aus jüngerer Zeit, die aus Sicht der Psychiatrie für die Diagnostik und Therapie von Patienten mit Schmerzen besonders wichtig sind.

Dr. Martin Aigner ist an der Abteilung für Erwachsenenpsychiatrie der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Tulln, tätig.

 

Martin Aigner, Ärzte Woche 37/2015

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