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Onkologie 23. März 2015

Ein ASS im Ärmel

Acetylsalicylsäure entwickelt sich zum Wundermittel der Prävention.

Sie wird seit über hundert Jahren als Schmerzmittel eingesetzt. In niedriger Dosierung beugt Acetylsalicylsäure auch der Entstehung von Herz-Kreislauferkrankungen vor. Zahlreiche Studien machen immer deutlicher, dass sie darüber hinaus zur Prävention von Darm-, Magen-, Speiseröhren- und Bauchspeicheldrüsenkrebs herangezogen werden könnte.

Die ersten Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Acetylsalicylsäure (ASS) und einem reduzierten Darmkrebsrisiko wurden bereits 1988 publiziert. In einer 2014 veröffentlichen Studie konnten der Mathematiker Prof. Dr. Jack Cuzick, London, und seine Ko-Autoren zeigen, dass der Schutz vor Karzinomen und Infarkten den potenziellen Schaden durch Blutungen im Gehirn und Magen-Darm-Trakt überwiegt (Cuzick et al.: Ann Oncol 2014, 26: 47–57).

Genauer: Wenn eine Person mit durchschnittlichem Erkrankungsrisiko zwischen dem 50. und 65. Lebensjahr über einen Zeitraum von zehn Jahren ASS verabreicht bekommt, könnte das relative Risiko einer Krebserkrankung, eines Myokardinfarktes und eines Insultes über eine Periode von 15 Jahren um etwa sieben Prozent (Frauen) und neun Prozent (Männer) gesenkt werden. Außerdem könnte die langfristige ASS-Einnahme eine insgesamt vierprozentige relative Risikoreduktion der Mortalität über eine Periode von 20 Jahren erzielen.

Die krebspräventiven Effekte zeigen sich erst nach mindestens fünf Jahren täglicher Einnahme von ASS, bleiben aber zum Teil über mehrere Jahre nach Absetzen einer langfristig durchgeführten Prophylaxe erhalten. Es treten keine Wirkunterschiede zwischen einer niedrigen und der analgetischen Dosierung von ASS auf. Höhere ASS-Dosierungen scheinen also keinen zusätzlichen Nutzen zu bringen, bergen aber ein erhöhtes Nebenwirkungsrisiko.

Nutzen überwiegt Risiken

Größtes Risiko einer Behandlung mit ASS sind Blutungen. Allerdings, so Cuzick, stünden Nutzen und unerwünschte Nebenwirkungen einer vorbeugenden Medikation mit ASS etwa im Verhältnis von 8:1.

„Wenn man Krebsprävention nur von der Warte der Volksgesundheit aus betrachtet, ist der wichtigste Faktor, auf den man sich konzentrieren sollte, das Rauchen zu kontrollieren. Die zweitwichtigste Maßnahme wäre, ein Baby-Aspirin zu nehmen“, so Cuzick. Die Vorteile des Baby-Aspirins sind vergleichbar mit den Benefits einer Kontrolle der Fettleibigkeit. „Aspirin sollte ein großer Teil jedes Krebspräventionsprogramms sein.“ So könnte etwa die Prävention mit ASS die Mortalitätsraten bei kolorektalen Karzinomen, Magen- und Speiseröhrenkrebs signifikant senken. In Österreich ließen sich pro Jahr 441 frühzeitige Todesfälle vermeiden, in Europa über 50.000.

Ein Baby-Aspirin ab 50

Konkret empfiehlt Cuzick: Sowohl Männer als auch Frauen zwischen 50 und 65 Jahren sollten täglich ein Baby-Aspirin mit 100 mg Acetylsalicylsäure einnehmen. Von dieser Empfehlung ausgenommen seien lediglich Personen mit hohem Blutungsrisiko. Hier sind die wichtigsten Gruppen: Diabetiker, Patienten, die Blutverdünnungsmittel brauchen, und Menschen mit Bluthochdruck. Letztere sollten zuerst ihren Blutdruck kontrollieren, bevor sie ASS einsetzen.

Ein weiterer Risikofaktor für das Auftreten von Blutungen scheint das Vorhandensein einer Helicobacter-pylori-Infektion zu sein. Zukünftige Studien sollen daher Personen mit einem erhöhten Blutungsrisiko identifizieren und untersuchen, wie wirksam Helicobacter pylori-Screenings und eine Eradikationstherapie vor dem Start der ASS-Einnahme sind.

Mögliche Wirkmechanismen der Chemoprävention

Eine Besonderheit der Acetylsalicylsäure ist, dass sie zwei aktive Gruppen enthält: Die reaktive Acetyl-Gruppe bewirkt durch Acetylierung verschiedenster Strukturen lang anhaltende biologische Effekte. „Ursprünglich dachte man, dass die wesentliche Wirkung der Acetylsalicylsäure auf dem Salicylat beruht“, erklärt Prof. Dr. Karsten Schrör, ehem. Direktor des Instituts für Pharmakologie und klinische Pharmakologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. „Das ist nicht ganz falsch, da tatsächlich eine Wirkung nachweisbar ist. Aber in der Praxis ist die Dosierung, in der heute ASS verwendet wird, nicht mehr ausreichend für die Bildung effektiver Mengen von Salicylaten. Das heißt, wir können davon ausgehen, dass alle relevanten Wirkungen auf einer Acetylierung beruhen.“

Auf die Frage, wie ASS genau wirkt, gibt es aber noch keine eindeutige Antwort. Insgesamt tragen vermutlich mehrere Wirkansätze zu den anti-onkogenen Effekten in der Prävention bei. Interaktionen mit COX-1 und COX-2 erscheinen als die wahrscheinlichsten Wirkmechanismen.

Quelle: Pressegespräch anlässlich des Gerot-Lannach Scientific Roundtable „Neue Erkenntnisse über die Wirkung von Acetylsalicylsäure in der Darmkrebsprävention.“ Wien, 13. März 2015

Tanja Fabsits, Ärzte Woche 13/2015

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