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Die Impfkampagne punktet mit impactstarker Außenwerbung, wie z.B. hier im Wiener Museumsquartier.
© Stacy Barnett / shutterstock

 
Infektiologie 24. Jänner 2014

Kampf den Masern

Neue Masernausbrüche seit Weihnachten! Die Gefahr bei überstandener Krankheit ist, dass man die nach wie vor virulente Gefahr unterschätzt.

Während Indien dieser Tage von einem „monumentalen Wendepunkt“ spricht, weil mit einer massiven Impfkampagne die Ausrottung der Kinderlähmung gelungen ist (Indien ist poliofrei), zeigen sich heimische Gesundheitspolitiker besorgt: Masern sind im Vormarsch, und das, obwohl sich Österreich gemäß den Zielen der WHO verpflichtet hat, Masern und Röteln bis zum Jahr 2015 zu eliminieren.

Um die dafür notwendige Erhöhung der Durchimpfungsrate für MMR (Masern-Mumps-Röteln) von 95 Prozent in Österreich zu erreichen, startete das Bundesministerium für Gesundheit am 11. Jänner, dem Österreichischen Impftag, die Kampagne „Masern sind kein Kinderspiel!“.

„Ein Akt der Solidarität“

Mit der Kampagne soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass Masern eine hoch ansteckende Krankheit sind, die sowohl für Kinder als auch Jugendliche und Erwachsene schwerwiegende Folgen haben kann. „Wir haben nach wie vor Fälle in Österreich, bei denen Kinder in der Folge von einem Masernausbruch gestorben sind. Die Erkrankung und mögliche Folgeschäden sind also keineswegs harmlos. Wir wären außerdem in der Lage, mit dem Impfstoff, den wir haben, diese Kinder zu schützen“, sagt Alois Stöger, Bundesminister für Gesundheit, zum Auftakt der Kampagne. „Impfen ist ein Akt der Solidarität, denn kleine Kinder, Schwangere oder manche Erwachsene dürfen nicht geimpft werden. Sie brauchen den Schutz der anderen, die sogenannte Herdenimmunität“, so Stöger weiter. Da der Mensch der einzige Wirt ist, kann eine konsequent hohe Durchimpfungsrate der Bevölkerung von 95 Prozent die Virusübertragung stoppen und der Masernvirus ausgerottet werden. In einigen Regionen der Welt, wie zum Beispiel in Nord- und Südamerika, ist dies bereits gelungen.

Kostenlose Impfung auch für Erwachsene

Österreich hat erreicht, Pocken oder die Kinderlähmung mithilfe einer hohen Durchimpfungsrate aus der Welt zu schaffen. Daher hofft Stöger auch in puncto Masern auf die Mithilfe der Bevölkerung und der Ärzte. „Seit 2012 gibt es den Aktionsplan zur Eliminierung von Masern und wir haben sichergestellt, dass Erwachsene bis zum 45 Lebensjahr, die in der Regel nicht geimpft sind, diese Impfung kostenlos nachholen können“, betont der Minister. Seit Sommer 2011 werden MMR-Impfstoffe für Nachholimpfungen von Personen bis zum Alter von 45 Jahren kostenfrei angeboten. Die Altersgrenze von 45 Jahren wurde gewählt, da Personen höheren Alters wegen der weiten Verbreitung der Krankheit in der Regel in der Kindheit oder Jugend erkrankt waren und somit bereits immun sind. Die Kosten für die Impfungen werden vom Bundesministerium für Gesundheit, den Sozialversicherungsträgern und den Ländern getragen.

Nicht schockieren, sondern informieren

Mit der Kampagne will das Gesundheitsministerium in erster Linie informieren und aufklären: „Wir wollen niemanden mit Horrorszenarien schockieren“, betont Sektionsleiterin Dr. Pamela Rendi-Wagner, MSc. Aus Umfragen weiß die Impfexpertin, dass großer Aufholbedarf bei der Durchimpfung besteht, gleichzeitig aber auch die Verunsicherung groß ist. „Und diese Unsicherheit führt zu Skepsis, die wiederum zu weniger Impfungen und zum erhöhten Ausbruch der Krankheit führt. Zudem wird das Hauptaugenmerk gerne auf mögliche Impfschäden gelegt, das führt zusätzlich zu Verunsicherung“, beschreibt Rendi-Wagner die Spirale.

Die Wahrnehmung von Masern als eine der gefährlichsten Viruserkrankungen ist aus dem Fokus verschwunden, da seit vielen Jahren erfolgreiche Impfprogramme dazu geführt haben, dass es tatsächlich weniger Masernfälle gibt – ein Trend, der sich leider umzukehren scheint, denn allein seit Jahresanfang gibt es fünf gemeldete Masernfälle in Österreich und die Masernvirusaktivität sowie die Gefährlichkeit in Europa steigen an. Allein in Bulgarien wurden seit 2010 22.000 Masernfälle gemeldet.

Hochinfektiöse Erkrankung

„Wir haben in Österreich seit dem Jahr 2002 etwa 1.000 klinische Fälle. Nach WHO-Angaben sind jedoch die Dunkelziffer und das Underreporting hoch, sodass eine Multiplikation mit dem Faktor zehn die wahre Häufigkeit der Erkrankung angibt“, ist Rendi-Wagner überzeugt. Demnach würden in Österreich geschätzte 10.000 Masernerkrankungen zu verzeichnen sein. Im selben Zeitraum sind hierzulande immerhin 16 Kindern an einer subakut sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE), der tödlichen Spätfolge von Masern, gestorben.

Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit, sondern eine hochansteckende virale Infektionskrankheit, gekennzeichnet durch Fieber, Entzündung der oberen Atemwege und einen typischen Ausschlag. In 20 Prozent der Fälle gehen Masern mit Komplikationen einher, wie zum Beispiel einer Mittelohrentzündung, Bronchitis oder Lungenentzündung, einer postinfektiösen Masernenzephalitis oder einer subakut sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE). Insbesondere bei schweren Komplikationen können Masern tödlich enden.

Die Masern, eine der ansteckendsten Krankheiten überhaupt, werden nur durch infizierte und akut erkrankte Menschen übertragen. Ein Kontakt mit dem Virus führt in 100 Prozent der Fälle zu einer Ansteckung. Die Übertragung erfolgt durch eine Tröpfcheninfektion, entweder aerogen durch das Einatmen infektiöser Exspirationströpfchen oder Tröpfchenkerne (Husten, Niesen) oder durch Kontakt mit infektiösen Sekreten aus Nase oder Rachen der infizierten Person. „Die Inkubationszeit beträgt rund zwölf Tage. Das Heimtückische ist, dass die infizierte Person bereits vier Tage vor dem Ausbruch des Ausschlages die Krankheit an andere Menschen übertragen kann“, erklärte Rendi-Wagner. Besonders gefährdet sind Säuglinge, die vor dem elften Lebensmonat nicht geimpft werden können. Zehn von 100 Betroffenen müssen aufgrund von Komplikationen durch zusätzlich auftretende Infektionen ins Krankenhaus. Spätfolgen können fünf bis acht Jahre nach der Erkrankung auftreten und entstehen umso häufiger, je früher die Erkrankung ausgebrochen ist.

Zu späte zweite Impfung

Masern- und Rötelnerkrankungen sind durch Impfung vermeidbar. Die Masernimpfung erfolgt in Form einer Kombinationsimpfung gegen Masern-Mumps-Röteln (MMR). 1998 wurde in Österreich unter Gesundheitsministerin Eleonora Hostasch das Gratisimpfprogramm für Kinder eingeführt. Seither haben alle Kinder bis zum vollendeten 15. Lebensjahr Anspruch auf bestimmte kostenfreie Impfung, unter anderem gegen Masern, Mumps und Röteln. Die Impfung im Rahmen des Kinderimpfkonzepts erfolgt bei Kindern bis zum sechsten Lebensjahr bei Ärzten für Allgemeinmedizin und Kinderärzten sowie in den öffentlichen Impfstellen und in den Gesundheitszentren der Sozialversicherungen. Ältere Kinder werden auch im Rahmen von Schulimpfaktionen geimpft.

Der Lebendimpfstoff ist grundsätzlich gut verträglich, bei 15 Prozent der Geimpften wurde als Impfreaktion leichtes Fieber unter 38 Grad beobachtet. Bei 5 Prozent kann es zu einem leichten Impfausschlag kommen, der bis zu zwölf Tage nach der Impfung auftreten kann. „Die Reaktionen sind aber harmlos im Gegensatz zur Erkrankung selbst“, so Rendi-Wagner. Schwere Komplikationen sind nach Ansicht der Expertin selten, in Österreich wurden in den letzten vierzehn Jahren zumindest keine anerkannten Impfschäden aufgrund einer MMR-Impfung dokumentiert.

Der Grund, warum Österreich das WHO-Ziel dennoch nicht erreicht, ist der späte Impfzeitpunkt. Am besten wäre es, mit dem vollendeten zweiten Lebensjahr beide erforderlichen Impfdosen abgeschlossen zu haben, die meisten Kinder erhalten die zweite Impfung aber erst mit Schuleintritt. Österreich weist im Vergleich mit den Ländern der europäischen Region der WHO relativ geringe Durchimpfungsraten für die erste und vor allem für die zweite Dosis der MMR-Impfung bei den Zweijährigen auf. Laut nationaler Impfstatistik liegt die Durchimpfungsrate bei den zweijährigen Kindern in Abhängigkeit vom Geburtenjahrgang (1998 bis 2009) zwischen 63 und 81 Prozent für zwei Dosen (MMR 1 und 2). „Von all jenen, die einmal geimpft sind, haben etwa 5 Prozent keinen Schutz, der erst bei der zweiten Impfung voll aufrecht ist“, ergänzt Rendi-Wagner.

Kampagne für „Mittelschicht“

Die Impfkampagne zielt im Wesentlichen auf die urbane, gebildete Mittelschicht ab und wird zwei Monate lang laufen. Sie „punktet“ vor allem mit aufmerksamkeitsstarker Außenwerbung. So wird etwa das Leopoldmuseum im Wiener Museumsquartier „Masern bekommen“, indem eine Projektion mit roten Leuchtpunkten mit dem Slogan „Wir schielen auf Euch“ impactstark auf das Thema aufmerksam macht. Folder und Plakate werden in Verteilaktionen in Wien und Salzburg an die Zielgruppe verteilt. Ein Video-Spot wird auf Youtube und den Infoscreens aller Landeshauptstädte gesendet. Informationseinschaltungen in Print- und Online-Medien sowie der Versand von Infomaterialien an Allgemeinmediziner, Kinderfachärzte und Fachärzte für Frauenheilkunde und Geburtshilfe sowie an Kindergärten in ganz Österreich ergänzen das Programm. Die Website www.keinemasern.at bietet online aktuelle Informationen.

R. Haiden, Ärzte Woche 5/2014

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