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Besser als Lebensmittel zu verteufeln wäre, eine bewegungsfreundliche Infrastruktur zu schaffen.
 
Allgemeinmedizin 14. Juni 2014

Böse Lebensmittel gibt es nicht

Die Dämonisierung von vermeintlich ungesunden Lebensmitteln verfehlt ihre Wirkung, denn Verbote machen sie nur besonders attraktiv.

Weder Werbeverbote noch Preiserhöhungen noch die Besteuerung fett-, zucker- und salzreicher Lebensmittel können das Ernährungsverhalten nachhaltig beeinflussen. Investitionen in „gute Gewohnheiten“ könnten eventuell effektiver sein als moralisierende Ansätze.

Im Kampf gegen Übergewicht und Fettsucht forderte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) jüngst länderübergreifend strengere Regeln und Gesetze: Unter anderem sollen fett-, zucker- und salzreiche Lebensmittel besteuert werden. Auch Werbeverbote sind im Gespräch. Welche wissenschaftlichen Beweise gibt es dafür, dass die Diskreditierung einzelner Lebensmittel zu einer Gesellschaft frei von Gewichtsproblemen und Zivilisationskrankheiten führt? Das forum. ernährung heute (f.eh) stellt die Frage nach dem Sinn und Unsinn moralisierender und restriktiver gesundheitspolitischer Ansätze.

Mit dem Feuer spielt man nicht

Die Zuschreibung von „gut“ und „böse“ ist generell trügerisch. Das lässt bereits der autoritäre Erziehungsstil im Struwwelpeter, einem der bekanntesten Kinderbücher, vermuten und trifft auch beim Essen zu. „Psychologisch betrachtet bewirkt die Dämonisierung von vermeintlich ungesunden Lebensmitteln nämlich nicht den gewünschten Verzicht, sondern macht diese besonders attraktiv. Die Überschreitung des Verbots wird zum Genuss“, so der deutsche Psychologe Christoph Klotter.

„Der Zweck heiligt die Mittel nicht. Wissenschaftliche Beweise und Erfahrungen, dass steuerliche Maßnahmen, Warnhinweise oder Werbeverbote das Ernährungsverhalten in eine gewünschte Richtung beeinflussen, fehlen bis heute“, sagt Marlies Gruber, Wissenschaftliche Leiterin des f.eh. So wurde die 2012 in Dänemark eingeführte Fettsteuer mangels Effektivität bereits nach einem Jahr wieder aufgelassen. Einer US-amerikanischen Studie zufolge müsste sich der Preis unerwünschter Lebensmittel um 20 % erhöhen, damit sich deren Konsum merkbar reduziert. Politisch schwer durchsetzbar, benachteiligt ein Preissprung in dieser Größenordnung doch Menschen mit niedrigem Einkommen besonders stark und schränkt dazu die Wahlfreiheit und Selbstbestimmung der und des Einzelnen in einer liberalen Gesellschaft ein.

„Förderlich könnten hingegen finanzielle Anreize sein: So führte eine Preisreduktion um 50 % bei Obst und Gemüse in einer kanadischen High-School zu einer Verkaufssteigerung von 400 % bei Obst und zu 200 % bei Karotten“, so Gruber.

Du bist nicht nur, was du isst

„Die Gründe für eine übermäßige Gewichtszunahme sind so vielfältig wie das Leben. Bei allen Wechselwirkungen und Einflüssen lassen sich jedoch lediglich zwei direkte Parameter ausmachen: die Energiebilanz und biologische Faktoren“, erklärt Gruber. Sie bezieht sich dabei auf ein 2013 veröffentlichtes Ursache-Wirkungs-Modell (http://bit.ly/1kpux5m) des Max-Rubner-Instituts in Deutschland, das das komplexe Entstehen von Übergewicht und Adipositas veranschaulicht.

Biologische Faktoren wie die Gene, der Hormonhaushalt, das Alter und das Geschlecht können wir nicht wirklich beeinflussen. Der zweite direkte Faktor, die Energiebilanz, variiert wiederum aufgrund einer Reihe von Einflüssen. So spiegeln zum Beispiel veränderte Essgewohnheiten und geringe körperliche Aktivität den gesellschaftlichen Wandel.

Es wird nicht mehr gegessen, aber die Bewegung fehlt

Ein Vergleich des Wiener Ernährungsberichts 1994 mit dem Österreichischen Ernährungsbericht 2012 zeigt, dass die Österreicher seit zwei Jahrzehnten täglich nahezu gleich viele Kalorien aufnehmen. Was sich dramatisch verändert hat: Kinder, Jugendliche und Erwachsene verbringen ihre Zeit heute in einem besorgniserregenden Ausmaß körperlich inaktiv und drosseln so ihren Energieverbrauch.

„Breite Hüften und ein runder Bauch haben deshalb wenig mit zu viel Zucker oder Fett im Essen zu tun – im Gegenteil. In einer ausgewogenen Ernährung hat jedes Lebensmittel und jedes Getränk einen Platz“, sagt Gruber. Denn es gibt weder „gute“ noch „böse“ Lebensmittel, diese Einteilung lässt sich seriös nicht treffen. Wesentlich sind die langfristigen Essgewohnheiten. Wer mit Maß und Ziel genießt und Bewegung in den Alltag bringt, bleibt eher von überschüssigen Kilos verschont.

„Prävention ist letztlich nur erfolgreich, wenn Übergewicht und Adipositas als mehrdimensionalem Zusammenspiel Rechnung getragen wird“, so Gruber. „Würden sich die Menschen mehr bewegen, wäre das Phänomen Adipositas bald keines mehr. Die Niederlande haben eine der niedrigsten Adipositasraten in Europa, weil viele Menschen das Fahrrad als wichtigstes Transportmittel nutzen“, so Wim Saris, Professor für Humanernährung an der Maastricht Universität. Investitionen in eine bewegungsfreundliche Infrastruktur seien effektiver, als kurzfristig einträgliche Steuern und moralisierende Ansätze in der Ernährungsinformation.

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