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Frauen werden misstrauisch

Die Debatte um das Brustkrebsscreening löst nun auch Zweifel an anderen Krebsfrüherkennungsprogrammen aus.

Jede vierte Frau empfindet ein Brustkrebsscreening als beruhigend und besorgniserregend zugleich. Die aktuelle Kontroverse um den Nutzen von Brustkrebsscreening-Programmen verstärkt den Zwiespalt der Gefühle. Sie schmälert das Vertrauen vieler Frauen in diese Früherkennungsmaßnahme und lässt sie auch an der Sinnhaftigkeit anderer Krebsscreenings zweifeln.

Die aktuelle, vom dänischen Cochrane-Zentrum angestoßene Debatte über Nutzen und Wirksamkeit von bevölkerungsbasierten Brustkrebsscreening-Programmen scheint zwar nur wenige Frauen erreicht zu haben, konnte diese dafür aber eindeutig verunsichern. Das ergeben zwei französische Studien, die auf dem Europäischen Krebskongress ESMO in Madrid diskutiert wurden.

Grundlage der Arbeiten war eine Befragung von 405 Frauen zwischen 40 und 75 Jahren ohne Krebsvorgeschichte drei Monate nach Beginn der Kontroverse über nationale Brustkrebsscreening-Programme. Die Auswertung zeigte, dass nur 17 Prozent von der laufenden Diskussion gehört hatte. Wie Studienautor Dr. Jérôme Viguier berichtete, hat sich jedoch die Sicht auf das Screening bei diesen Frauen verändert: Sie gaben zu acht Prozent an, künftig seltener zur Mammografie zu gehen. Als besonders bedauerlich hob Viguier hervor, „dass neun Prozent zudem erklärten, die Kontroverse würde ihre Teilnahme an anderen Krebs-Früherkennungsprogrammen beeinflussen.“

Sehr häufig haben Frauen ambivalente Gefühle, wenn es um Brustkrebsfrüherkennung geht: Sie wollen zwar auf Nummer sicher gehen, gleichzeitig fürchten sie sich davor. In der Studiengruppe fanden nur 57 Prozent der Frauen, die von der Debatte gehörte hatten, ein Brustkrebsscreening eher beruhigend als besorgniserregend, die nicht-informierten Frauen schätzten dagegen zu 77 Prozent das Screening als etwas Beruhigendes ein. Dieser Trend färbt auch ab auf die Bewertung anderer Screenings ab wie Darmkrebsfrüherkennung (56 % vs. 70 % positive Einschätzung) und Gebärmutterhalskrebs-Früherkennung (59 % vs. 72 %). Viguier sieht das als „beträchtlichen Kollateralschaden“.

„Einzig sinnvoller Weg“

„Aus medizinischer Sicht kann niemand ernsthaft gegen Mammascreenings sein. Wer sich darauf einschießt, bringt den Frauen Nachteile”, kommentiert Dr. Friedrich Vorbeck, Obmann der Bundesfachgruppe Radiologie der Österreichischen Ärztekammer (Wien) diese Ergebnisse. „Früherkennung ist preiswert und wirksam. Sie führt beim Brustkrebs zu einer hohen 5-Jahres-Überlebensrate und Heilungsrate. Ein metastasierendes Mammakarzinom ist onkologisch nicht heilbar, deshalb ist die frühzeitige Operation der einzige sinnvolle Weg. Das infrage zu stellen ist nur dann legitim, wenn es etwas Besseres gibt.”

In den USA zum Beispiel treten sowohl die American Cancer Society als auch die American Society of Radiology für jährliche Brustkrebsscreening ab 40 Jahren ein. Vorbeck: „Das hat damit zu tun, dass die Fachgesellschaften in den USA nicht der Gesundheitspolitik verpflichtet sind. Die American Cancer Society ist außerdem keine radiologische Fachgesellschaft, sie verfolgt in Hinblick auf Mamma Screenings keine Eigeninteressen.”

Eine weitere Auswertung der französischen Studie ergab: Jede vierte Frau findet Brustkrebsscreenings beruhigend und besorgniserregend zugleich. Aufgrund der jüngsten Medienberichterstattung schlägt das Pendel bei den Frauen, die sich mit der aktuellen Brustkrebsscreening-Debatte befasst haben, nun eher in Richtung Sorge aus. Drei Viertel gaben an, durch das Brustkrebsscreening beruhigt zu sein, gleichzeitig hatten 39 Prozent davor Angst. „Interessanterweise war die Rate der Frauen, die gleichzeitig Beruhigung und Angst zu Protokoll gaben, mit fast 26 Prozent sehr hoch“, sagte dazu Studienautor Prof. Dr. François Eisinger. Diese Zwiespältigkeit kam mit 15 Prozent seltener vor in der Gruppe der Frauen, die über die Debatte Bescheid wussten. Bei der Subgruppe der Frauen, die von der Cochrane-Debatte nichts mitbekommen hatten, hatten 28 Prozent widerstreitende Gefühle. Frauen, an denen die Debatte unbemerkt vorüber gegangen war, erwarteten sich auch einen höheren Nutzen vom Screening.

Eisinger: „Bei der Kommunikation rund um das Brustkrebsscreening sollte den potenziell ambivalenten Gefühlen der Frauen Rechnung getragen werden. Eine dezenter geführte Debatte wäre der Sache sicher dienlicher gewesen.

Quellen: ESMO 2014; Abstract 1365P; Viguier et al.: Breast cancer screening controversy: Impact on other cancer screening programs

ESMO 2014; Abstract 1363P; Eisinger et al.: Screening for breast cancer. Fear and reassurance: impact of the recent controversy

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