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Kinder- und Jugendheilkunde 27. September 2013

51. Jahrestagung der ÖGKJ, Innsbruck

Gespräch mit dem Tagungspräsidenten, Prof. Dr. Jörg-Ingolf Stein

Hat Ihre Tagung ein Hauptthema?

Stein: Die heurige Jahrestagung hat einen Schwerpunkt mit Jugendmedizin und Sport. Das hat sich einerseits ergeben durch den Tagungsort Innsbruck als Gastgeber der ersten Winter-Jugendolympiade, und folgt dem derzeitigen Fokus unserer Gesellschaft auf die Jugendmedizin.
Die Jugendlichen werden in ihrem wichtigen und schwierigen Lebensabschnitt von uns betreut. Das ist neben der medizinischen auch eine besondere Herausforderung für unser Bemühen um eine ganzheitliche Sicht und Betreuung.

Wie ist Ihre Tagung strukturiert? Konkret: Wird es Parallelveranstaltungen geben?

Stein: Ja, auch heuer gibt es Parallelveranstaltungen. Ohne solche ist es gar nicht mehr möglich ein attraktives Programm für unsere Kolleginnen und Kollegen zu gestalten. Wir haben allerdings die Zahl beschränkt und den Fokus auf übergreifende Themen gelegt, sodass mehrere Arbeitsgruppen in einer Wissenschaftlichen Sitzung gemeinsam auftreten.

Welche Highlights erwarten die Teilnehmer?

Stein: Neben den schon traditionellen gemeinsamen Tagungen mit den Gesellschaften für Kinder- und Jugendchirurgie und Prä- und Perinataler Medizin haben wir nach einer Pause wieder parallel die Tagung des Bundesverbandes der Kinderkrankenpflege und, ganz besonders, zum ersten Mal die Gesellschaft für Humangenetik mit einer gemeinsamen Sitzung eingebunden. Das ist einerseits eine Herausforderung an die Kolleginnen und Kollegen andererseits auch ein Zeichen der Vielfältigkeit 51. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, 26.-28. September, Congress Innsbruck Gespräch mit dem Tagungspräsidenten, Univ.-Prof. Dr. Jörg-Ingolf Stein unserer Tätigkeit und der Multidisziplinarität. Gespannt sind wir auch auf die Eröffnung, bei der wir die Verbindung von „Geist“ und „Körper“ auf eine besondere Art vermitteln wollen.

Es ist wieder eine gemeinsame Tagung, die Gesellschaften für Kinder- und Jugendchirurgie und Prä- und Perinatale Medizin haben sich mit der ÖGKJ zu einer Tagung  zusammengeschlossen. Welche Vorteile verspricht man sich von einer solchen gemeinsamen Tagung?

Stein: Diese Fachgesellschaften arbeiten auch im „täglichen Leben“ zusammen, da sie einen sehr wichtigen Lebensabschnitt – im Falle der Prä- und Perinatalen Gesellschaft die Geburt - zwar von verschiedenen Aspekten aus, aber eben doch gemeinsam - betreuen. Dieser Bereich hat sich in den letzten Jahren wie schon zuvor weiter entwickelt und stößt immer wieder an Grenzen, die zu überschreiten früher nicht für möglich gehalten wurden. Nur das Zusammenwirken der Expertise beider Fachgesellschaften ermöglicht die erfolgreiche Behandlung extremer Frühgeborener mit niedriger Morbidität. Mit der Kinderchirurgie verbindet uns natürlich ebenfalls der gemeinsame Patient. Auch hier geht die Behandlung Hand in Hand, und wie überall, selbst in der hochspezialisierten „organspezifischen Chirurgie“ wie z.B. der Herzchirurgie ist das Krankheitsspektrum dem Lebensalter entsprechend sehr variabel und herausfordernd und bedarf der altersgerechten umfassenden Betreuung.

Woran arbeiten Sie und Ihr Team derzeit?

Stein: Wir alle bemühen uns, im jeweiligen Spezialgebiet die internationale Entwicklung mitzumachen und damit auch national kompetitiv zu sein. Die Vielfalt der Kinder- und Jugendheilkunde macht es unmöglich, sich auf ein Thema zu konzentrieren, selbst in meinem Fach der Kinderkardiologie gibt es weiter spezialisierte Bereiche, für die eine weitergehende Expertise nötig ist. Ein Ziel bei uns ist, beispielsweise angeborene Herzfehler mit Implantaten zu behandeln, die vom Körper abgebaut werden und damit ein Art Selbstheilung induzieren. Allen gemeinsam ist jedenfalls auch das Bemühen neben dem nötigen Spezialbereich – z.B. dem angeborenen Herzfehler- den Patienten als Person und in seinem Umfeld zu sehen, und danach die Behandlung auszurichten.

Hat sich das Spektrum der Krankheiten, weswegen ein Kinderarzt konsultiert wird, in den letzten hundert Jahren in Mitteleuropa geändert?

Stein: Die Anforderungen an die heutigen Kinderärztinnen und Kinderärzte haben natürlich weiterhin die Sorge um das Kind gemeinsam, sind aber völlig gewandelt. Zunächst galt es, die ersten Lebenstage und Wochen zu überleben und dann hoffentlich auch noch bis zum „Schulalter“ zu kommen, auch wenn natürlich nicht alle die Schule besuchten. Die Säuglings- und Kindersterblichkeit war sehr hoch und bei den „kinderreichen“ Familien überlebten oft nur die Hälfte der Neugeborenen.
Die Ursachen wie mangelnde Hygiene, schlechte Ernährung und Infektionskrankheiten, sowie fehlende Behandlungsmöglichkeiten,
die über die Naturheilkunde hinausgehen, um nur einige zu nennen, sind im 21. Jahrhundert natürlich nicht mehr gegeben. Heute sind die Herausforderungen eher mit dem „Überangebot“ der   ohlstandsgesellschaft verbunden, und dem Vertrauen, teilweise sogar der Forderung, dass es ohnehin für jede Krankheit, oder auch nur jedes Symptom eine Heilung, sprich ein Medikament gibt. Das ist natürlich auch häufig wahr, da der immense Fortschritt der Medizin gepaart mit der Entwicklung der Gesellschaft ein sehr hohes Niveau der Gesundheit der Gesamtbevölkerung erreicht hat. Wesentlich beigetragen haben dazu neben dem immer gerne zitierten Penicillin auch die Impfungen
und die Verfügbarkeit der Gesundheitseinrichtungen für alle!
Mit dem Geburtenrückgang und der äußerst niedrigen Säuglingssterblichkeit rückt nun die Lebensqualität des einzelnen Kindes in den Vordergrund, und die Frage wie das „Über“angebot richtig zu nutzen. Übergewichtige Kinder- und Jugendliche sind keine Seltenheit
mehr und zählen ebenso wie die Abhängigkeit von den modernen
Medien bzw. elektronischen Geräten bzw. der Umgang mit diesen zu den neuen Herausforderungen. Die frühere Mangelernährung ist nun der Über- und Fehlernährung gewichen, die körperliche Ausbeutung einer Überhäufung mit „Spielen“, allein ohne eigene körperliche Aktivität, gewichen. Daneben gibt es natürlich Krankheiten die früher unbekannt waren, wie alle Krebs-, Herz- oder die vielen seltenen Erkrankungen oder "orphan diseases". Und natürlich kommen der banale Schnupfen und Durchfall noch vor, stellen aber bei uns üblicherweise keine Lebensbedrohung mehr dar.

Gibt es Ihrer Meinung nach Gebiete der Pädiatrie, die einer Förderung bedürfen?

Stein: Neben den schon erwähnten „seltenen Krankheiten“ ist die soziale Pädiatrie und die Prävention besonders wichtig. Der dringendste Bedarf besteht da bei der Kinder- und Jugendpsychosomatik und natürlich Kinder- und Jugendpsychiatrie. Gerade diese Bereiche sind erstens für jede ganzheitliche Betreuung essentiell und jede Form der Hilfe, Prävention und Therapie hat einen enormen und unbezahlbaren Einfluss auf das gesamte weitere Leben und somit auch für die Gesellschaft. Es ist offensichtlich und nachgewiesen auch ein wirtschaftlicher Vorteil, wenn die entsprechenden Symptome rechtzeitig erkannt und fachkompetent behandelt werden. Das gilt natürlich für alle anderen Krankheiten auch, nur dadurch werden die große Mehrheit zu selbständigen Mitgliedern der Gesellschaft und keine perspektivlosen „Dauerpatienten“. Daher auch unser Fokus auf die Jugendmedizin.

Wie viele Teilnehmer erwarten Sie?

Stein: Üblicherweise kommen 500 bis 600 Personen zur Jahrestagung, und wir hoffen natürlich, dass wir diese Zahl auch in Innsbruck im Jahr nach der hervorragend besuchten Jubiläumstagung in Salzburg erreichen.

Was wünschen Sie sich, und was wünschen Sie den Teilnehmern Ihrer Tagung?

Stein: Ich wünsche mir, dass die Tagung wie geplant in einer offenen, freundlichen Atmosphäre abläuft und einige wesentliche Aspekte der Kinder-und Jugendheilkunde heraushebt, sie wissenschaftlich
hochstehend präsentiert und intensiv und kritisch auf ihre Praxistauglichkeit hin diskutiert. Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hoffe ich auf eine informative Veranstaltung bei der, bei aller notwendigen Fokussierung der Themen, die Vielfalt des Faches selbst und der anderen Fachgesellschaften soweit präsentiert wird, dass sie bis zum Schluss bleiben und bereichert und teils bestätigt teils mit neuen Ideen nach Hause fahren. Daneben soll die Tagung auch den informellen und freundschaftlichen Begegnungen ausreichend Platz geben.

Das Gespräch führte R. Höhl

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