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Dr. Ronny TekalMedizin-Kabarettist
 
Leben 28. Februar 2017

Tinder für Ärzte und Patienten

NebenWirkungen

Wie jeder Topf per App seinen Deckel findet.

Seit einigen Generationen lernen Menschen ihre Liebsten nicht nur in der freien Wildbahn, sondern auch über Partnervermittlungsagenturen bzw. ein kryptisch gestaltetes Inserat kennen (Rüstiger 64j. Obermedizinalrat i. R., wohlhabend aber geizig und wenig humorv., sucht auf diesem Weg Gefährtin f. div. Aktivitäten, z. B. wandern, Oper od. Kopulation auf freiwill. Basis. Bei gegenseitiger Sympathie ev. Hochzeit denkbar, Ehevertrag erforderl. Chiffre #).

So manchem Paar ist es peinlich zuzugeben, sich auf diesem Weg gefunden zu haben, sodass man im Bekanntenkreis eine etwas romantischere Geschichte zum Besten gibt. Eine Geschichte, die mehr das Schicksal walten denn die Anzeige schalten lässt.

Mittlerweile scheint es jedoch gar nicht so unüblich zu sein, sich professionell verkuppeln zu lassen. Singles mit Niveau suchen Singles mit Geld und hängen das durchaus an die große Glocke. Fast schon hip ist es, sich über Dating-Apps direkt kurzzuschließen. Das ist zum einen meist kostenlos, zum anderen können vorab bereits jedwede Zweifel ausgeschlossen werden, worum es beim ersten Treffen gehen soll. Bei Tinder und Co. muss nicht mehr um den heißen Brei herumgeredet werden (für den Fall, dass man beim Date im Restaurant tatsächlich auch Brei bestellt hat). Man weiß woran man ist, da man bereits zuvor am Handy, mit einem kurzen Wischen über das Display, eine Vorauswahl treffen konnte. Das ist gleichermaßen simpel wie genial, wie auch ein ganz klein wenig unromantisch (was einen brünstigen Obermedizinalrat allerdings nicht sonderlich stört).

Die Verkupplung zweier Menschen ist so einfach, dass man sich überlegen sollte, das System auch beruflich zu nutzen. Arbeitnehmer suchen Arbeitgeber; Mieter ihre Vermieter – und Patienten ihre Ärzte.

Da sich schon im Vorfeld feststellen lässt, ob die beiden zusammen passen, können unangenehme Situationen, wie wir sie heute kennen, vermieden werden: Wenn etwa ein Mann mit Prostatabeschwerden beim Gynäkologen, eine Person mit Klaustrophobie beim Radiologen oder ein Patient mit einem Leiden, das man nicht gleich von außen sieht, beim Orthopäden landet.

Solche Peinlichkeiten erspart man sich künftig. Die Patienten suchen sich die Ärzte nach Fachgebiet, Kassenvertrag, Spezialisierung und Aussehen aus. Findet der Mediziner den Patienten ebenso anziehend, was Krankheitsbild, Compliance, private Krankenversicherung oder zu erwartende geruchliche Komponente anbelangt, so werden die Kontaktdaten freigegeben und die beiden können sich zu einem ersten Treffen in der Ordination verabreden.

Für jede Form der modernen Partnerschaft führt dann nicht mehr der Zufall Regie, sondern ein Algorithmus, der die passenden Teile findet und verbindet. Und was das Smartphone zusammengefügt hat, soll der Mensch bekanntlich nicht trennen.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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