zur Navigation zum Inhalt
Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 26. April 2016

Medizinische Schmähkritik

Wieder einmal ist die Satire selbst in den Fokus der Satire gerückt.

Der deutsche Satiriker Jan Böhmermann, der den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan unter anderem der erotischen Liebe mit Weidetieren bezichtigt hat, spaltet die Gemüter. Seine Replik auf die Beschneidung der Satirefreiheit beschäftigt Diplomaten, Gerichte und deutsche Kanzlerinnen. Natürlich – das war von Böhmermann auch beabsichtigt – endet die Freiheit dort, wo man eine Person persönlich diffamiert, selbst wenn man die Diffamierung zuvor ankündigt und selbst wenn der Diffamierte selbst ein Großmeister der Diffamierung ist.

Würde ich nun schreiben: „Erdogan, du Zipf**!“, so wäre das natürlich fern jeder Satire, da es sich nicht auf ein reales anatomisches Korrelat bezieht, sondern schlicht und ergreifend beleidigend ist. Daher dürfte so ein Satz auch niemals abgedruckt werden, selbst nicht, um zu erklären, dass man einen solchen Satz niemals abdrucken hätte dürfen. Um sich rechtlich abzusichern, wurde zudem hier der kluge Schachzug des doppelten „*“ gewählt, sodass man das Wort sowohl als „Zipfel“ verstehen kann, also eine zu verurteilende Beleidigung, aber auch als „Zipfer“, also ein „Urtyp“ im positiven Sinn.

Im Fall von Erdogan käme zumindest in Deutschland zusätzlich noch der Tatbestand der Majestätsbeleidigung hinzu, sodass ich ihn niemals als „Zipfel“ bezeichnen würde, zumal ich ihn persönlich gar nicht kenne und ich ihn auch nicht für sonderlich majestätisch halte. Allerdings möchte ich mir auch verbitten, von Erdogan mit „Tekal, du Zipfel!“ adressiert zu werden. Neben der persönlichen Beleidigung käme hier zwar nicht die Majestätsbeleidigung, sehr wohl aber die Halbgottes-Lästerung hinzu. Das wird teuer.

Die Sache mit der Meinungsfreiheit ist sowieso nicht ganz das Unsrige: Im medizinischen Betrieb wird so viel hinter vorgehaltener Hand gesprochen, wie zu Metternichs Zeiten. Was im Krankenhausbetrieb so alles verbockt wird, kehrt man geflissentlich unter den Tisch, um die Patienten nicht zu beunruhigen. Wer seinen Dienstgeber verbal ans Bein pinkelt, muss damit rechnen, dass sein Vertrag nicht verlängert wird, ungeachtet der medizinischen Qualitäten. Wer lautstark seine Meinung über Impfungen äußert, muss mit einer beruflichen Exekution rechnen. Eine hübsche Selbstzensur der medizinischen Welt, an der Herr Erdogan seine helle Freude hätte. Die „Schmähkritik“, also die persönliche Beleidigung, die weniger beim Schmäh, sondern eher bei der Schmähung liegt, ist etwas, das zum Portfolio eines Arztes gehört. Das Schimpfen auf die Kollegenschaft hat Tradition. Man prangert lauthals das stümperhafte Vorgehen des vorbehandelnden Mediziners an und gratuliert den Patienten, nur durch ein Wunder die Behandlungsversuche anderer Ärzte überlebt zu haben. Das alles hat zwar durchaus medizinisch-folkloristischen Charakter, macht die Welt aber, genauso, wie lautstarke Despoten, um keinen Deut besser.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben