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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 8. März 2016

Glänzende Oberflächen

Wie man aus einem Entlein ein geliftetes Entlein macht.

In einer Zeit, in der es theoretisch möglich ist, dass ein österreichischer Präsident Richard Lugner auf einen amtierenden US-Präsidenten Donald Trump treffen könnte, stellt man sich natürlich die weltpolitische einzig relevante Frage: Wird das Recht auf Botox in den Verfassungsrang gehoben?

Wer meint, die inneren Werte würden erst durch eine Verbesserung der äußeren Werte relevant, hat verschiedene Möglichkeiten, diese zu modifizieren: Haare schneiden (Friseur), Bart schneiden (Barbier), Nägel schneiden (medizinisches Fußpflegeinstitut, Nagelstudio im Einkaufscenter – oder Allgemeinmediziner mit viel Tagesfreizeit), Körperhaare entfernen (Waxing-Studio neben dem Nagelstudio im Einkaufscenter – oder Dermatologe mit Laser und viel Tagesfreizeit) bzw. Risse und Unebenheiten überspachteln lassen (Kosmetikstudio neben dem Waxing-Studio neben dem Nagelstudio im Einkaufscenter – oder trotz Ärztemangel arbeitsloser Jungmediziner, der auf Kosmetiker umgeschult hat).

Die Herrn Lugner und Trump müssen wohl etwas tiefer in die Kosmetiktöpfchen greifen, um für ihre Wähler, zumindest nach außen hin, zu glänzen. Die plastische Chirurgie bietet eine Reihe von Oberflächenkorrekturen an, von einfachen Lidstraffungen über eine Brustvergrößerung um sieben Körbchengrößen (und noch ein paar mehr bei Frauen) bis hin zur beliebten und verbreiteten Praxis, sich mit dem brandgefährlichen Gift des Bakteriums Clostridium botulinum vom Arzt seines Vertrauens freiwillig ein paar Muskeln lähmen zu lassen. Wird bei einem Eingriff noch dazu ein Stückchen vom Glutaeus maximus ins Gesicht verpflanzt, so kann es durchaus sein, dass man den Hintern anspannen muss, wenn man lächeln will. Dafür bekommt der Begriff „Beckenbodentraining“ eine völlig neue Bedeutung.

Obwohl die Menschheit zwecks Mode schon immer an sich herumgebastelt hat, werden die Personen, die sich offensichtlich solchen Eingriffen unterziehen, immer auch ein wenig belächelt. Die Kommentare in den asozialen Medien reichen von „die hat’s nötig!“, bis hin zu „die hätte es nötig!“ – Man kann es also ohnehin niemandem recht machen. Auch die Kirche sieht es nicht gerne, wenn ein Halbgott an der Schöpfung des Ganzgottes herumpfuscht. Bei einer Tagung im Vatikan wurden vergangenes Jahr die schönheitschirurgischen Eingriffe als „Burka aus Fleisch“ bezeichnet. Mit dieser gelungenen Aussage wurden, mit einem einzigen Streich, plastische Chirurgen, operierte Personen, die muslimische Welt und die Vegetarier gleichermaßen vor den Kopf gestoßen.

Ist man trotz Generalsanierung und komplettem Umbau noch immer nicht zufrieden, so sollte man daran denken, seine Seele unterspritzen zu lassen. Oder man betrachtet mal ernsthaft jene Mitmenschen, die, weit weg vom modischen Idealbild, unbekümmert durch die Welt schreiten und dabei dennoch irgendwie glücklich aussehen. Manche von ihnen sind auch schon Präsidenten geworden. Und das waren nicht unbedingt die Schlechtesten

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