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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 21. September 2015

NebenWirkungen: Rollatoren aus dem Baumarkt

Die Medizinbranche bekommt Konkurrenz vom Wald-und-Wiesen-Handel. Und ist nur wenig amused.

Die Konkurrenz schläft nicht. Das mussten wir Ärzte schon schmerzlich erfahren, als die lieben Apotheker begannen, in unseren Gewässern zu fischen und mit Blutdruckmessungen, Cholesterintests oder fundierten medizinischen Beratungen à la „trinken Sie mehr!“ im Prinzip dasselbe anzubieten, wie unsereiner. Nun müssen auch die Apotheker diese Erfahrung machen. Das böse Internet wirbt mit „Kolästerin-Senka und Bodentz-Pille billiga bei seriose Versandhandl!“ auf seriös wirkenden Webseiten und so manche unbedarfte Patienten erliegen der günstigen Verlockung.

Dass auch die Medizinbedarfs-Branche in den sauren Apfel beißen muss, war abzusehen. Seit einiger Zeit bieten Lebensmittel-Diskontketten immer wieder Heilbehelfe feil. Von Gehstöcken über Badewannen-Einstiegshilfen bis hin zu Rollatoren reicht die Palette. Meistens deckt sich die Zielgruppe und greift neben dem preisreduzierten Sixpack gleich auch zum Rollator, mit dem man das Bier auch gleich transportieren kann.

Die Häme war groß, als man im deutschen Aldi Nord eine Rückrufaktion durchführen musste, da die verkauften Rollatoren mit einer vergrößerten Sturzgefahr einhergingen. So pilgerten die Betroffenen mitsamt ihren defekten Gestellen wieder in die Geschäfte und nutzen ein letztes Mal die Möglichkeit, die nun leeren Bierflaschen zum Leergutautomaten zu Karren. Es war jedoch klar, dass bei einem solchen Preis die Qualität mangelhaft sein müsse – war es von all jenen Fachhändlern zu vernehmen, die dasselbe Gerät unter einem anderen Namen im Sortiment hatten.

Bereits vor einigen Jahren brachte der Discounter mit der Aldi-Pille die Pharmazeuten zur Weißglut. Auch hier handelte es sich um ein auf die Kundschaft zugeschnittenes Präparat. Das Karminativum gegen Sodbrennen und Völlegefühl war genau richtig, um im Regal neben die XXL-Familien-Lasagne geparkt zu werden. Vielleicht könnte das Missverständnis des Begriffes „Aldi-Pille“ aber auch Pate bei einer Reihe von Kindern gestanden haben, die neun Monate nach dem Release des Produktes zur Welt kamen.

Auf jeden Fall war die Aufregung in Apothekerkreisen groß. Denn ein Medizinprodukt einfach so über den Ladentisch gehen zu lassen sei unverantwortlich, so die Pharmazeuten, die dieses Mittelchen zwar meist ebenso kommentarlos verscherbeln, aber immerhin fachlich fundiert kommentarlos.

Auch die Baumärkte haben neuerdings auf die steigende Anzahl älterer Menschen reagiert und bieten Gehbehelfe an. Die kann man auch brauchen, wenn man jahrzehntelang am Wochenende am Wochenendhaus herumgeschraubt hat.

Der Vorteil für Mitarbeiter von Baumärkten: Bei Kunden, die Rollatoren benötigen, besteht eine gute Chance, sich zeitgerecht vor einer lästigen Frage hinter einem Regal verstecken zu können.

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