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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 15. Juni 2015

Ein Platz für Asylanten und Fremdenfeinde

Aus aktuellem Anlass ausnahmsweise eine positive Kolumne, die das gemeinsame Miteinander im Krankenhaus lobpreist.

Angesicht einer gesellschaftspolitischen Situation, die zumindest zum Nachdenken anregt, wenn es um Menschenwürde oder die Aufnahme von Flüchtlingen in der mutmaßlichen 5-Sterne-Anlage Europa geht, bin ich stolz, einem Berufsstand angehören zu dürfen, der moralisch und ethisch hohe Ansprüche stellt: nämlich dem der Kabarettisten.

Und – ja, zugegeben – auch dem der Ärzte. Auch wenn so manche Kollegen die Nase rümpfen, wenn ihnen ein Patient nicht zu Gesicht steht, weil er zu dick, zu süchtig, zu riechend, zu uneinsichtig oder zu fordernd ist; im Großen und Ganzen kennt die Behandlung keine Ausgrenzung. Und auch wenn man natürlich lieber von einem freundlich lächelnden Mediziner therapiert werden will, nimmt man auch eine Spritze von einem Arzt mit gerümpfter Nase in Kauf.

Während meiner Ausbildung im katholischen Ordenskrankenhaus behandelten wir Muslime, Atheisten, Satanisten, betagte Personen, die den Holocaust überlebt oder ihn angezettelt hatten, inländische, ausländische und auch ausländerfeindliche Menschen, betuchtere Patienten (in Einbettzimmern), weniger betuchte Patienten (in Sechsbettzimmern), aber alle wurden in das gleiche Röntgen geschoben, die Ärmeren mussten sich nicht mit fünf anderen Armen den Röntgentisch teilen, ja sie bekamen sogar das gleiche Essen und so ich mich erinnern kann, auch die gleiche Leibschüssel wie die Reichen. Alle, aber wirklich alle wurden früh morgens, meist noch vor Sonnenaufgang mit einem „Guten Morgen, gut geschlafen?“ geweckt und mehr oder minder sanft für die tägliche Spitalsroutine präpariert.

Nicht, dass alles so prächtig laufen würde im Krankenhaus. Dass es keine Zweiklassenmedizin geben würde. Wenn dies so wäre, hätte diese Kolumne keine Existenzberechtigung mehr! Nein, ein Spital ist einfach schräg! Aber auf eine ganz schräge Art doch auch liebenswert. Vielleicht liegt es daran, dass verletzte, verwundete oder erkrankte Menschen plötzlich als Individuen wahrgenommen werden. Dann kommt der menschliche Beschützerinstinkt zu tragen. Es wäre zu hoffen, dass man künftig nicht darauf warten muss. Vielleicht schafft es die Gesellschaft ja mal, auch gesunde Menschen als Menschen und nicht als Zumutung zu sehen.

Und das Spital als gesellschaftliches Vorbild? Tatsächlich herrscht eine bewundernswerte Toleranz in der Medizin, da man Patienten mit Leberversagen behandelt, gleich ob es sich um eine Neonazi-Leber, eine Mohammed-Karikaturisten-Leber oder eine IS-Kämpfer-Leber handelt. Manchmal schießt man dabei jedoch übers Ziel, sodass die Toleranz in Ignoranz umschlägt und man nur mehr die „Leber von Zimmer 212“ zur Kenntnis nimmt, ohne die „Person von Zimmer 212“ dahinter wahrzunehmen. Aber ich will ja nicht kleinlich sein und diesmal die Medizin nur lobpreisen.

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