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Kolumne Nebenwirkungen 21. August 2014

NebenWirkungen: Vom Tourist zum Erwerbstätigen

Nach dem Sommer verwandeln sich braun gebrannte Urlauber rasch wieder in blasse berufstätige Wesen.

Nun kehren also die Urlauber von ihren wunderschönen Plätzen, fernab der schönen Heimat, wieder an ihre angestammten Plätze, fernab der Erholung, zurück. Aus der undefinierbaren Masse von Touristen, die den Ferienflieger verlassen, bilden sich, langsam aber sicher, wieder die definierbaren beruflichen Untergruppen. Und standen noch Arzt, Patient, Bäcker und Polizist gemeinsam in der Badehose am All-Inclusive-Buffet, um einander die besten Häppchen der Nachspeisenplatte wegzuschnappen, so trennt sich nun die Spreu vom Weizen. Nun ziehen die Ärzte und die Bäcker ihre weißen Kittel über, die Patienten nehmen in den Wartezimmern des Landes Platz und die Polizisten nehmen die Betreuung ihrer Ampeln wieder auf.

Nachdem sich alle bemüht haben, in den Sommermonaten brav dem Klischee des typischen Urlaubers zu entsprechen – mit Töffler, Stringtanga und nacktem Oberkörper in die türkischen Moscheen zu schlapfen, sich in den Märkten mit landestypischen handgemachten Anhängern aus Taiwan zu behängen oder die deutschen Nachbarn im Bewerb um die schnellste Okkupation der ersten Sonnenliegenreihe mit einem Handtuch zu schlagen – bemühen sich die Heimgekehrten nun wieder dem typischen Klischee ihres Berufsstandes gerecht zu werden.

Die Polizisten mutieren zu jenen hinterlistigen Zeitgenossen, die arglosen Autofahrern hinter Büschen auflauern, um sie der Geschwindigkeitsübertretung zu überführen; die Ärzte zu jenen hinterlistigen Zeitgenossen, die arglosen Patienten hinter Befunden auflauern, um sie der Cholesterinübertretung zu überführen, und die Patienten zu jenen hinterlistigen Zeitgenossen, die eine Menge kriminelle Energien darin stecken, perfide Strategien zu entwickeln, wie man weder bei der Geschwindigkeit noch beim Cholesterin erwischt wird. Nur die Bäcker werden ihrem Klischee gerecht, wie fleißige Bienen früh aufzustehen und dennoch gut gelaunt hinter der Vitrine die Menschheit mit Nahrung zu versorgen.

In ein paar Monaten werden die Vertreter dieser Berufsgruppen ihr ganz persönliches, standestypisches Burnout entwickeln. Die Brötchen werden kleiner und der freundliche Gesichtsausdruck hinter der Vitrine schwindet, das Abmahnen der Temposünder macht bei Weitem nicht mehr so viel Freude, selbst das Aufdecken von Ernährungssünden mittels Laborparametern, die schwarz auf weiß die Ernährungssünder Lügen strafen, verliert seinen Reiz. Und nicht einmal die Patienten zeigen sonderliches Engagement, die Zigarettenpackung vor den Ärzten zu verstecken.

Spätestens dann wird es Zeit, sich wieder gemeinsam in eine homogene Masse von Urlaubern zu vermengen, damit daraus erneut Energie für das Aufrechterhalten der Klischees geschöpft werden kann.

Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.peter-teutscher.at, Ärzte Woche 29/34/2014

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