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Sein Credo: „Niemand hat was von Fachwissen, wenn er die Wand zum Patienten nicht durchbrechen kann.“
© Martin Burger (7)

Seine Liebe zur Sprache: „Ich mag es, wenn Menschen versuchen, akzentfrei zu sprechen.“

Seine Requisiten: Dr. Omar Sarsamblättert für den Fotografen im „Pschyrembel“.

Seine Eltern: „Anfangs haben sie gesagt, Musik sei nichts für mich, das hat mich motiviert.“

Seine Mehrfachbegabung: „Ich spiele jedes Instrument, das es gibt, aber schlecht – und mit Freude.“

© picture-alliance / Copyright TOP

Was Rolando Villazón macht, macht er mit vollem Einsatz: So wie 2010 bei einem Besuch als Rote Nasen Clown auf der Kinderstation im Wiener Donauspital. Dort ist auch Dr. Sarsam tätig. „Ich spreche immer mit den kleinen Patienten, egal wie alt sie sind. Und ich trete mit ihnen in Kontakt, in körperlichen Kontakt.“ PRESS Austria

Seine Poesie: „Mein Vater hat versucht, mich ausschließlich mit Metaphern und Parabeln zu erziehen.“

 
Leben 29. Februar 2016

GEWINNSPIEL: Bloß nicht lächeln

Senden Sie eine E-Mail mit Ihrer Adresse und dem Betreff „Medizin-Kabarett“ an   und nehmen Sie an der Verlosung von 2 x 2 Karten für das Programm „Diagnose: Arzt“ mit Omar Sarsam (Regie: Michaela Obertscheider) im Kabarett Niedermair am 19. April 2016, um 19.30 Uhr in der Lenaugasse 1a, 1080 Wien teil.

Einsendeschluss ist der 31. März 2016, 10.00 Uhr.

Weitere Informationen zum Auftritt und Kartenbestellungen unter: www.niedermair.at

Der Arzt und Kabarettist Dr. Omar Sarsam über halb fertige Badezimmer, Polit-Raps und Clowns. „Was ich zum Lustigsein brauche? Das Publikum! Ich kann kein Kabarett-Programm auf ein leeres Blatt Papier schreiben.“ Das sagt der Kinderchirurg Dr. Omar Sarsam über sein neues Proramm „Diagnose: Arzt“.

Das Kabarett ist ihm passiert: „Immer wenn ich versucht habe, etwas ernst zu spielen, musste ich schmunzeln – und das Publikum auch“. Da hat er die ernste Rolle gleich gelassen und sich aufs – nur scheinbar leichte – Humorfach verlegt. Omar Sarsam steht seit mehr als zehn Jahren auf der Bühne, vor allem im Kabarett Niedermair, wo sein aktuelles Stück „Diagnose: Arzt“ zu sehen ist. Er war aber auch schon auf Ö3 zu hören: Gemeinsam mit dem „lieben“ Marc Bernhuber landete er 2010 mit „Disco! Disco! Party! Party“ einen Überraschungshit in den heimischen Charts. Plattenverträge wären möglich gewesen, aber es ging und geht Omar Sarsam schon auch um die Leichtigkeit. „Wir haben uns sehr bewusst dagegen entschieden, weil das diesen unschuldigen Charakter der Kleinkunst zerstört hätte“.

Ziemlich viel Musik bietet das neue Sarsam-Programm, der Programmtitel „Diagnose: Arzt“ führt eher in die Irre. Das Medizinische auf der Bühne beschränkt sich auf den weißen Kittel und einen Pschyrembel. „Die Medizin ist die Inspiration, aus der die Nummern entstehen, sie wird aber eher gestreift, ohne dass man dadurch medizinisch gebildeter aus dem Programm herausgeht.“

Warmes Wasser

Wie ist das mit den Ideen? Entweder auf der Bühne oder „es passiert immer unter der Dusche. Es ist wirklich so, ich stell mich unter die Dusche, und mir fällt was ein. Ich muss dann immer wieder raus, das aufschreiben. Ich wundere mich, dass meine Frau noch zu mir steht, wir haben jetzt auch eine Wohnung mit einem zweiten Badezimmer, das noch nicht fertig ist. Sie drängt mich dazu, es schnell fertigzustellen.“ Es ist nicht so, dass Sarsam duscht, um sich inspirieren zu lassen, aber so lange die Quelle nicht versiegt, sucht er sie auf. „Ich habe eine total trockene Haut.“

Wer jetzt immer noch nicht weiß, was ihn erwartet, kann sich ja den Balkanpop-Hit der Discoparty-Brothers auf Youtube zu Gemüte führen. Die Lyrics zum Mitsingen: „Meine Frau hat mich verlassen/schade/Party! Licht ist gut für Augen/Seife aber nicht/Disco! I‘m a Disco Boy in a Disco World!“ Sarsams Taktik: „Ich hoffe und glaube, es ist ein positiver Humor, ein völlig sinnloser Humor, sehr viel Nonsense und Trash. Ich weiß, dass ich mit manchen Sachen die Welt nicht besser machen kann, aber erträglicher.“

Apropos: Wie lustig sind die heimischen Politiker? Nicht sehr, denn zumindest in Sarsams Programmen tauchen sie nie auf. Und das aus gutem Grund: „Ich bin bekannt dafür, nie etwas politisch Polarisierendes zu sagen, aber auch nicht zu denken.“ Wie darf man sich das vorstellen? „Es ist schon schwer sich als Kabarettist in der jetzigen politischen Situation hervorzuheben. Es ist wahnsinnig viel Humor, der da passiert.“ Interessanter Zugang. Sarsam, einschränkend: „Zumindest muss man es so nehmen, dann wird es auch ein bisschen leichter.“

Was denkt sich ein Kabarettist, wenn er sich den „Good Men[sch] Rap“ von H C Strache feat. M C Blue reinzieht? „Sich heute über einen Politiker lustig zu machen, der in einem Lied unglaublich schlecht rappt, ist fast unmöglich. Denn eigentlich kann man das nicht schlechter machen. Auf der Bühne muss man es ja übertreiben, aber das kann ich nicht weiterdrehen, die nehmen uns unseren Beruf weg. Die Politiker sollen im Parlament am Ring bleiben und das Niedermair nur durch die Publikumstür betreten.“

Omar Sarsam erklimmt nun die Probebühne im Niedermair, wo er jede Ecke, jeden Riss im Holz, jeden Lurch womöglich, kennt, schnallt sich die Gitarre um und behauptet, jedes Instrument spielen zu können, „aber schlecht und das mit großer Freude“. Schuld an seiner Multi-In-strumentalität sind gewissermaßen die Eltern. Der Vater ein Reisebürobesitzer, versuchte ,den Filius „nahezu ausschließlich über Metaphern und Parabeln zu erziehen.“

Alsdann: „Du kannst nicht einen Apfel durch zwei teilen und drei Leuten geben.“

Omars Faible für Musik wurde kritisch beäugt, das hat ihn motiviert und vom Geklimper auf Omas Klavier zum virtuosen Spiel auf dem Keyboard auf der Kabarettbühne gebracht. „Heute stehen meine Eltern voll hinter mir.“ Noch einmal kurz zurück zum Lied „Disco! Disco! Party! Party!“ Hinter der Fassade aus Nonsense leuchtet der Multi-Kulti-Hintergrund des Brunnenmarkts. Kein Zufall ist auch die balkaneske Aussprache des arabisch-stämmigen Wiener Künstlers. „Akzente sind ein zentraler Bestandteil des Programms.“

Offen ist nur, ob er den Urologen, dessen Akzent zu den „urologischen Liedern passen“, im Programm lässt – oder doch lieber die Urologin reinholt, was ja an und für sich fast lustiger ist. Das entscheidet Sarsam spontan, kurz vor oder während des Auftritts, jedenfalls nicht am Schreibtisch, denn „ein leeres Blatt Papier vollschreiben“, das liege ihm nicht. „Was ich brauche zum Lustigsein, ist Publikum. Rampensau ist eines der schönsten Komplimente, die man immer wieder kriegt. Jeder, der auf der Kabarettbühne steht, ist eine Rampensau – und braucht das auch.“

Ein Mediziner – Sarsam arbeitet auf der Kinder- und Jugendchirurgie im Donauspital – unterhält hunderte Menschen auf einer bekannten Kabarettbühne Wiens ohne echte Schauspiel-Ausbildung. „Das ist gar nicht so leicht, im Programm gibt es viel Slapstick und Clownerie, ohne dass ich da eine Ausbildung habe. Eine Clown-Ausbildung hätte ich gern. Clowns sind sehr empathische Menschen, die machen nur positive Comedy, da ist nichts Destruktives dabei.“

Bei der Bühnenarbeit komme ihm sein Arzt-Beruf zu Gute. „Ich habe viel mit Kindern zu tun, da hat man immer nur eine erste Chance, es gibt keine zweite.“

Wenn Kinder einen Hauch an Unsicherheit bemerken, sei es vorbei, „wenn die merken, dass der, der in Kontakt mit ihnen tritt, Angst vor ihnen hat, ist es vorbei. Das verrät man meist durch zu viel Lächeln. Das funktioniert fast immer, ich kann durch Lächeln alle Kinder zum Weinen bringen, weil sie dann glauben, dass ich etwas verstecke. Meistens trete ich den Kindern relativ neutral gegenüber und verändere meine Sprache auch nicht – egal wie alt sie sind, Kinder haben eine normale Sprache verdient“.

Auch umgekehrt, auf der Kinderambulanz, nutzt ihm das Stehen, Singen, Spielen und Schmähführen vor Publikum: „Kinder kann man sehr gut auf einer emotionalen Ebene kriegen, da hab ich sehr viel aus dem Kabarett in den medizinischen Beruf nehmen können.“

Die Kunst der Begegnung

Denn obwohl Ärzte täglich mit kranken Menschen zu tun haben, haben sie laut Sarsam mehr Berührungsängste als andere Menschen. Die Begründung im Wortlaut ist lang, aber lesenswert: „Ärzte sind sehr ängstliche Menschen, weil sie glauben, viel zu wissen, und vor dem, was sie glauben zu wissen, irre viel Angst haben. Manchmal wünsche ich mir, dass ich glaube, weniger zu wissen, ich glaube ja nicht, dass ich wahnsinnig viel weiß, aber nach einigen Jahren in der Medizin hat man natürlich Erfahrungen und greift sehr gerne darauf zurück. Man muss nur vorsichtig sein, dass man nicht vor lauter Absichern aller Erfahrungen den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht und sich immer wieder traut, mit seinen Patienten in Kontakt zu treten. In puncto Berührungsangst hat sich im Lauf der Jahre etwas ganz Wichtiges bei mir ergeben. Erstens spreche ich immer mit meinen kleinen Patienten, nicht mit den Eltern, egal wie alt die Kinder sind. Und ich trete mit den Patienten in körperlichen Kontakt. Ich gebe ihnen zumindest meine Hand auf den Körperteil, der betroffen ist, ich bin sicher kein Esoteriker und glaube an vieles nicht, aber was ich durchaus glaube, ist, dass echter Kontakt, und dazu gehört auch, jemanden zu berühren, viel mehr Informationsfluss zulässt, als in einem gewissen Respektabstand zu bleiben.“

Er sei ein Gegner des überzogenen Respekts gegenüber dem Beruf Arzt. Dieser überzogene Respekt errichte eine Wand, die vor der richtigen Diagnose trennt. „Wenn die Wand weg ist, erst dann kann ich eine Diagnose stellen – unabhängig vom Fachwissen, niemand hat was von Fachwissen, wenn er die Wand zum Patienten nicht durchbrechen kann. Beides ist wichtig.“

Sein, nicht spielen

Es gibt Künstler, Hans Moser, Maxi Böhm, Louis de Funès, Pierre Richard – die Liste ist subjektiv und prinzipiell endlos –, die eine Bühne oder ein Filmset betreten und das Publikum in ihren Bann ziehen, zunächst ohne etwas zu tun, die nur durch ihr bloßes Dasein eine Emotion hervorrufen.

„Ich glaube, ein bisschen funktioniert das auch bei mir“, sagt Sarsam ernsthaft. „Ich muss gar nicht so viel machen, außer demütig und dankbar sein, dass das Publikum sich jemanden anschaut, der da oben auf der Bühne herumhüpft, das genügt dann auch.“ Um es mit Wolfgang Ambros zu sagen: „Soll söba kumma und si überzeig’n wer’s net glaubt“.

Kleinkunst aktuell

Roland Düringer:

Der zum Philosophen gereifte Schauspieler, Kabarettist und Autor ist mit „Weltfremd?“ auf Tour. Fragen wie diese stellt sich Düringer seit sechs Jahren: „Als Teil der Wirklichkeit sind wir Personen, Verbraucher, Stimmvieh, Arbeitssklaven, ein Wirtschaftsfaktor. Liegt es nur daran, dass wir einen festen Klescher haben, oder sollen wir ganz einfach nur das wollen, was wir wollen sollen?“ Am 3. März gibt es die Antworten in der Stadthalle Fürstenfeld ( www.dueringer.at ).

Andreas Vitásek

In seinem 12. Soloprogramm „Sekundenschlaf“ wandelt der Künstler auf dem dünnen Eis der Realität mit ihren Sollbruchstellen, Gewinnwarnungen und Paradigmenwechseln. Auf seiner Tour de Farce durch die seelische Provinz trifft er Cerberus, den Höllenhund, versucht einen WLAN-Verstärker zu kaufen, besucht seine Ahnen, erinnert sich an sein Europa, pflanzt Wunderbäume, erklärt die richtige Art Harakiri zu verüben und verliert vorübergehend sein Herz. Zu sehen am 2. März in Klagenfurt ( www.vitasek.at ).

C. Grissemann, D. Stermann

Die schrägsten Entertainer zwischen Zwettl und Seattle interpretieren den Broadway-Klassiker „Sonny Boys“ neu. Jahrzehntelang waren Christoph und Dirk ein gefeiertes Komikerduo. Doch die beiden Star-Kabarettisten konnten sich privat nicht ausstehen und irgendwann war dann mit der Karriere Schluss, die Trennung folgte. Aus den erhofften Solokarrieren wurde nichts. Stattdessen versuchen sie sich mit zweitklassigen Werbespots über Wasser zu halten ... Vormerken: 4. März ( www.rabenhoftheater.com ).

R. Palfrader, F. Scheuba

In ihrem Programm „Flügel“ sehen sich die beiden Satiriker mit einer für sie neuen Situation konfrontiert. Zwar ist der Umgang mit dem „roten Tuch“, bei dem es darum geht, den durch provokantes Auftreten zum Heranstürmen gebrachten Gegner ins Leere laufen zu lassen, für Palfrader und Scheuba Berufs-Routine. Doch diesmal sollen sie es mit einem Stier aufnehmen, der selbst rot ist. Die Taktik: „Den Stier bei den Flügeln packen“. Next Try: 2. März ( www.rabenhoftheater.com ).

Nadja Maleh

Wer´s glaubt, wird selig! Wer´s nicht glaubt, auch! „Placebo“ lautet der Titel des neuen Programms, das am 14. April im Kabarett Niedermair zu sehen ist. Placebo – ein Scheinmedikament ohne Wirkstoff, das dennoch wirkt! Aber warum? Macht Ihr Kopf, was Sie wollen oder was man von ihm erwartet? Werden wir auch in Zukunft hinters Licht geführt? Neueste medizinische Erkenntnisse sagen: Schenken Sie Nadja Maleh Ihren Glauben – dann sind Sie ihn los! ( www.nadjamaleh.com )

Zur Person

Dr. Omar Sarsam

Der Arzt am Wiener Donauspital hat irakische und kroatische Wurzeln, ist aber in Österreich aufgewachsen, „ein Privileg“. 2004 stand er bei der Improvisationsshow „Hands Up“ im Niedermair erstmals auf der Bühne. 2006 war er als Affe im Franz-obel-Stück „Moni und der Monsteraffe“ zu sehen.

 

Martin Burger, Ärzte Woche 8/2016

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