zur Navigation zum Inhalt
©  Erik S. Lesser/dpa
Ein schwerer Eingriff ohne sterile Instrumente: Nachgestellte Gehirn-Op in einem Konförderierten Lazarett des Bürgerkriegs nahe Gettysburg.

© EPA/ERIK S. LESSER
© EPA/ERIK S. LESSER

Einfache Feldscher-Ausrüstung der Konförderierten Armee. Vorgeführt beim 150-jährigen Jubiläum der Schlacht von Gettysburg.


(c) Picture Alliance/ AKG-Images

Wussten Sie, dass der Konföderierten-General Stonewall Jackson bei einem Erkundungsritt im Mai 1863 von einem Minié-Geschoss au sden eigenen Reihen getroffen wurde.

 
Leben 12. September 2016

Der kleine Gott des Gemetzels

Im Krimkrieg und im amerikanischen Sezessionskrieg kam eine neuartige Munition mit verheerender Wirkung zum Einsatz: ein neuentwickeltes Projektil, genannt Minié-Ball, hatte für Verwundete gravierende Folgen.

Die Minié-Ball schrieb tragische Geschichte: Die Chirurgen in den Feldlazaretten konnten das Leben der dadurch Verwundeten – wenn überhaupt – so nur durch Amputation retten.

Waffentechnische Neuentwicklungen bringen meist verheerende Folgen mit sich. Erfunden wurde die neuartige Munition 1847 von einem Franzosen, Claude Étienne Minié, Oberst in der französischen Armee. 1850 entwickelte der im Arsenal in Harpers Ferry als Waffenmeister tätige James Burton Miniés Projektil weiter, das erstmals im Krimkrieg eingesetzt worden war und nun als Bleihohlmantel-Geschoss günstig massenhaft hergestellt werden konnte.

Während des amerikanischen Sezessionskrieges verringerte dieser Munitionstyp die Zeit für das Nachladen der Gewehre erheblich, die damit bestückten Gewehre hatten zudem eine deutlich höhere Treffsicherheit.

Beide Kriegsparteien, die Union wie auch die Konföderierten setzten die neuartige Munition etwa bei der Schlacht von Gettysburg ein. Fatal war jedoch, dass man ihre Wirkungsweise völlig unterschätzt hatte: Die Oberbefehlshaber behielten nämlich die alte Taktik bei auf den Nahkampf zu setzen, ohne ins Kalkül zu ziehen, dass durch das schnellere Nachladen und die erhöhte Treffsicherheit die Anzahl der Toten und Verwundeten sprunghaft anstieg.

Beim Abschuss verformte sich das Blei-Projektil und zersplitterte im Körper des Getroffenen mit verheerender Wirkung für Knochen, Organe, Muskeln und Arterien.

Schwerwiegende Folgen

Überlegungen, ob solche Munition wie die Minie-Balls überhaupt eingesetzt werden sollten, wurden dennoch nicht angestellt. Erst um 1870 forderten Mediziner einen internationalen Bann dieser Art von Munition. Die Knochen von Verwundeten brachen nicht wie bei der Verwendung normaler Musketenkugeln, sondern splitterten. Die Eintrittswunde war zwar nur etwa daumengroß, die Austrittswunde entsprach jedoch oft der einer Faust. Um der Gegenseite höchstmögliche Verluste zuzufügen war diese Art der Munition tragischerweise bestens geeignet. Die Militärärzte beider Seiten waren jedoch mit solch schweren Verwundungen völlig überfordert. Eine Überlebenschance gab es nur durch die Amputation der betroffenen Gliedmaßen. Kopf- oder Bauchwunden, die durch Minié-Balls verursacht wurden, konnten nicht behandelt werden und waren somit tödlich. Durch Militärhistoriker wurde die Anzahl der auf beiden Seiten durch den Einsatz der Minié-Ball tödlich Verwundeten mit 234.000 beziffert. Die Gesamtverluste betrugen im Vergleich dazu zwischen 620.000 und 750.000. 95 Prozent der Verwundungen wurden durch Kleinkaliberwaffen verursacht. Amputationen waren folglich an der Tagesordnung. Dennoch führten Infektionskrankheiten durch mangelnde Hygiene und schlechte Verpflegung zu weit höheren Verlusten auf beiden Seiten.

Chirurgen im Feld

Die während des Krieges tätigen Ärzte, die nur zu oft als „Schlachter“ bezeichnet wurden, waren in keiner Weise auf die durch die Auswirkung der Munition verursachten Wunden vorbereitet. Der medizinische Direktor der Potomac-Armee, Dr. Jonathan Letterman, schrieb in seinem Bericht nach der Schlacht beim Fluss Antietam – zitiert auf der Homepage der Ohio State University zum Thema „Civil War Battlefield Surgery“: „Die Chirurgie auf diesen Schlachtfeldern wurde als Schlachterei bezeichnet [...]. Es steht außer Frage, dass es inkompetente Chirurgen in der Army gab [...]. Aber diese um sich greifende Herabsetzung gegen eine Gruppe von Männern, die keinen positiven Vergleich mit den Militärchirurgen anderer Länder scheuen müssen, nur wegen der Inkompetenz und dem Unvermögen weniger ist falsch und tut diesen Männern, die gut und aufrichtig gearbeitet haben unrecht.“

Diese Einschätzung ist sicher richtig, aber man muss sich vergegenwärtigen, dass es in den Feldlazaretten an nahezu allem fehlte. Ein Militärchirurg verfügte meist nur über ein einfaches Feldbesteck, dazu kamen Pflaster, Bandagen und einige Schienen. Rum, selbstgebrannter „Moonshiner“ fallweise auch Opium wurden als Betäubungsmittel eingesetzt. Wegen der großen Schmerzen wurden viele Verwundete ohnehin oft ohnmächtig. Chinin war mit 20 Dollar die Unze fast unerschwinglich, Morphium ebenfalls sehr teuer und auch Chloroform kaum bezahlbar. Die Eingriffe erfolgten zunächst nicht antiseptisch. Schwämme zur Wundreinigung wurden nur in kaltem Wasser gesäubert, Operationsbesteck abgespült, bevor es wieder verwendet wurde. Die antiseptische Wundbehandlung wurde erst ab 1865 durch die Forschungserkenntnisse des englischen Arztes Joseph Lister, den Begründer der antiseptischen Chirurgie gebräuchlich.

30.000 Amputationen wurden etwa in der Konföderierten Armee durchgeführt. Amputationen eines von einer Minié-Ball getroffenen Oberarms – wie im Falle des Konföderierten-Generals Thomas Jackson, genannt „Stonewall“, oder des Generals Oliver O. Howard aufseiten der Union, die diese Verwundung überlebten – hatten dennoch eine Mortalitätsrate von 24 Prozent.

Die im Sezessionskrieg tätigen Ärzte waren denkbar schlecht auf ihre Aufgabe vorbereitet: von 11.000 in der Unionsarmee hatten nur 500 Erfahrung mit praktischen chirurgischen Behandlungsmethoden. Bei den Konföderierten waren es nur 27 von insgesamt 3.000, wie den Angaben auf der Homepage der Ohio State University zum Thema „Civil War Battlefield Surgery“ zu entnehmen ist. Viele Ärzte waren schlicht überfordert mit der Anzahl der Verwundeten, und den oft schweren Verwundungen die durch die Minié-Ball verursacht worden waren. Viele von ihnen sammelten so unter widrigsten Umständen in den Feldlazaretten, wo sie teils bis zur Erschöpfung arbeiteten, ihre ersten chirurgischen Erfahrungen.

Thomas Kahler

, Ärzte Woche 37/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben