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Friedrich Freiherr von der Trenck auf dem Weg zum Schafott, 1794. Kupferstich koloriert.
 
Leben 24. Mai 2016

Henker wider Willen

Zur Ehrenrettung von Dr. Guillotin: Er hat das Fallbeil befürwortet, nicht erfunden.

Keinem Beruf wird so viel Vertrauen entgegengebracht wie dem Arztberuf. Doch Mediziner, die sich um ein humanes Antlitz der Barbarei bemühen, hat es auch immer gegeben. So regte Joseph-Ignace Guillotin die Entwicklung eines mechanischen Enthauptungsgeräts an – besser als von einem betrunkenen Henker den Kopf abgehackt zu bekommen sei dies allemal, so die sinngemäße Begründung.

„Exekutionen sind brutale Barbarei, und nichts kann das beschönigen.“ Das sagt der amerikanische Bundesrichter Alex Kozinski. Unter dem Eindruck einiger unnötig grausamer Exekutionen aufgrund fehlerhafter Giftmischungen kam der Richter am neunten US-Berufungsgericht in San Francisco zu dem Schluss: „Die Guillotine ist wahrscheinlich immer noch die beste und effektivste Tötungsart.“ Begründung: Sie sei schnell, simpel und zuverlässig.

Stimmt das wirklich? Hamida Djandoubi war der letzte Mensch, der in Frankreich guillotiniert wurde. Nachdem sein Gnadengesuch abgelehnt worden war, bestieg er um 4 Uhr 40 am 10. September 1977 das Schafott im Marseiller Gefängnis „Les Baumettes“. Marcel Chevalier, der oberste französische Scharfrichter, ließ das Beil fallen.

Ein bei der Exekution anwesender Arzt bezeugte danach, dass Djandoubi – oder dessen Kopf – noch etwa 30 Sekunden lang auf Zurufe reagiert habe. Dies war nicht das erste Mal, dass Zeugen einer Hinrichtung darüber berichteten, der Geköpfte habe noch während einer quälend langen Zeitspanne Lebenszeichen gezeigt, bevor der Tod endgültig eingetreten sei.

Solche Berichte widersprechen medizinischen Erkenntnissen, wonach eine Enthauptung sofortige Bewusstlosigkeit auslöse und bewusste oder höher verarbeitete Reaktionen des abgetrennten Kopfes auf Zurufe nach Ablauf von 300 Millisekunden zuverlässig auszuschließen seien.

Die Guillotine verdankt ihren Namen dem französischen Arzt Joseph-Ignace Guillotin, der 1789 aus humanitären Gründen die Einführung eines mechanischen Enthauptungsgeräts angeregt hatte, um andere grausame Hinrichtungsarten abzuschaffen. Guillotin litt später darunter, dass dieses Gerät nach ihm benannt wurde, obwohl er es gar nicht erfunden hatte. Die Guillotine stammt trotz ihres Namens nicht aus Frankreich. Vor der Revolution pflegte man dort Delinquenten vornehmlich mit dem Rad zu töten. Rädern war eine bestialische Prozedur, bei der dem Todeskandidaten Arme und Beine gebrochen wurden, damit ihn der Scharfrichter auf ein großes Wagenrad flechten konnte.

Das Fallbeil gelangte in anderen europäischen Ländern schon sehr früh zum Einsatz. Bereits 1268 wurde Konradin, der letzte Hohenstaufer, in Italien mit einer guillotine-ähnlichen Maschine enthauptet. Weitere Vorläufer der Guillotine waren die „Schottische Jungfrau“ (Scottish Maiden) oder das Fallbeil von Halifax. Ludwig XVI. führte 1792 die Guillotine als „humane“ Hinrichtungsart in Frankreich ein. Im Januar 1793 durfte sich der Monarch persönlich von der Richtigkeit seiner Worte überzeugen. Die Guillotine blieb in Frankreich das offizielle Exekutionsgerät bis zur Abschaffung der Todesstrafe 1981.

In Österreich wurden Menschen traditionell am Würgegalgen aufgehängt. Die Guillotine kam erst mit den Nationalsozialisten ins Land.

Martin Burger, Ärzte Woche 21/2016

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