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Florence Nightingale (1820-1910), die Begründerin der modernen Pflege war trotz ihres von Krankheiten geprägten Lebens eine unermüdliche und leidenschaftliche Kämpferin für die Menschlichkeit. Als „Lady with the Lamp“ ging sie in die Geschichte ein.
 
Leben 19. Oktober 2015

Die Lady mit der Lampe

Die mysteriöse Erkrankung der Florence Nightingale löst bis heute Spekulationen aus.

Die mysteriöse und über drei Jahrzehnte anhaltende Krankheit Florence Nightingales (1820 – 1910) ist Gegenstand zahlreicher Hypothesen und Spekulationen gewesen. Die Kombination von drei Diagnosen liefert eine plausible Erklärung.

Der Krimkrieg von 1853 bis 1856 zwischen dem Osmanischen Reich, unterstützt unter anderem von Großbritannien, sowie Russland gilt militärhistorisch als einer der ersten modernen Stellungskriege. Er markiert zudem den Beginn einer Reform des Lazarettwesens und später der modernen Krankenpflege, maßgeblich begründet durch Florence Nightingale. Sie wird bis heute weltweit aber insbesondere in Großbritannien als die „Lady mit der Lampe“ verehrt, weil sie während des Krimkriegs die Verletzten nachts mit einer Lampe besuchte.

Florence Nightingale war am 4. November 1854, wenige Monate nach Ankunft britischer Truppen an der Westküste des Schwarzen Meeres, zusammen mit 38 Krankenschwestern im Lazarett von Scutari eingetroffen (das heutige Üsküdar ist der asiatischen Stadtteil von Istanbul). Zu diesem Zeitpunkt waren fast 1.000 Soldaten gestorben, lange bevor der erste Schuss fiel. Schuld waren die klimatischen und katastrophalen hygienischen Bedingungen. In den folgenden Monaten sollten Nightingale und ihre Kolleginnen unvorstellbares Leid erleben. Sie war — zumindest offiziell — die Leiterin aller in der Türkei arbeitenden britischen Pflegerinnen. Mit vergleichsweise einfachen hygienischen Maßnahmen gelang es ihnen, die Sterberate in den Krankenhäusern und Lazaretten drastisch zu senken.

Die Arbeitsbelastung unter äußerst ärmlichen und beengten Verhältnissen war überwältigend. Die Möglichkeiten, sich selbst oder die Wäsche zu reinigen waren sehr beschränkt. Darüber hinaus waren die Unterkünfte zugig und undicht und der Winter dementsprechend eiskalt. Die wenig nahrhafte Ernährung war eintönig und bestand vor allem aus Ziegenfleisch, grobem Brot, ranziger Butter und Tee.

Zusammenbruch am Geburtstag

Am 12. Mai 1855, ihrem 35. Geburtstag, brach die bis dahin mit aufopferungsvoller Hingabe und großer Strenge arbeitende Nightingale zusammen. Diagnose: „Krimfieber“. Drei Tage war sie dem Tode näher als dem Leben, in den weiteren zwei Wochen fiel und stieg das Fieber immer wieder, in den Tagen darauf, war sie so schwach, dass sie nicht selbstständig essen und nur flüstern konnte. Ihre Ärzte vermuteten einen „extremen Erschöpfungszustand“, der bereits lange vor Ausbruch des Fiebers eingesetzt habe.

Im August 1855 nimmt sie ihren Dienst wieder auf, jedoch entwickelt sie im Herbst Ischiasbeschwerden, Ohrenschmerzen, eine chronische Laryngitis, Dysenterie, Gliederschmerzen sowie Schlafstörungen.

Sie verzweifelt zunehmend auch in der Arbeit, nicht nur weil mehrere Krankenschwestern dem Fieber zum Opfer gefallen sind, sondern auch über das organisatorische Chaos der britischen Behörden und der militärischen Führung. Mittlerweile berichtet auch die britische Presse über die logistischen Fehler und medizinischen Defizite. Dies belastet Nightingale nicht nur, sondern nährt auch ihre Selbstzweifel.

Als sie nach dem Krieg wieder nach Hause kommt, ist sie vorgealtert, schläft oft nicht mehr als zwei Stunden pro Nacht, hat regelmäßig Fieber und verlässt kaum ihr Zimmer. Beim Anblick von Nahrung wird ihr schlecht, weshalb sie kaum etwas zu sich nimmt. Sie ist sie reizbar, nervös und depressiv, jedoch können die Ärzte keine Krankheit feststellen. Später klagt sie über Palpitationen und Tachykardien.

Nach einer erneuten Fieberepisode im September 1857 erklärt sie sich selbst für invalide und kapselt sich zunehmend ab. Kurzatmigkeit, Schwäche, Verdauungsstörungen, Synkopen, Flushing des Gesichts und der Hände, nervöser Tremor, Wirbelsäulen- und Kopfschmerzen, Unfähigkeit zu laufen, Muskelspasmen — das und mehr sind die Symptome in der Folgezeit. Für fast sechs Jahre hütet sie das Bett. Der Neurologe Dr. Charles-Édouard Brown-Séquard diagnostiziert eine Blockierung der Wirbelsäule aufgrund „konstanter Kümmernis“. Aus Briefen geht hervor, dass Nightingale zeitweise suizidale Gedanken hat.

Subkutane Opiuminjektionen

Mit subkutanen Opiuminjektionen versucht man, ihre schlimmsten Schmerzen zu lindern, doch akzeptiert sie das Opium nur ab und zu, weil es ihre Geisteskraft beeinträchtige, schließlich ist sie trotz des schlechten Allgemeinzustandes publizistisch sehr aktiv. Alternative Therapiemethoden sind die Hydrotherapie, man verordnet die Gesellschaft eines Hundes oder einer Katze, sie soll singen, Vögel füttern, Briefe schreiben, viel lesen und Besuche meiden.

30 Jahre — bis 1887 — währt diese Leidensphase, in der Angehörige und Freunde sie oft dem Tode nahe sehen. Nun, im Alter, lüftet sich allmählich der dunkle Schleier ihrer mysteriösen Krankheit, so beschreibt es heute der Pathograf Philip A. Mackowiak, Professor an der University of Maryland School of Medicine. Graduell verschwinden die Symptome ebenso wie die Depression. Sie sucht den Kontakt zu Freunden und Familienangehörigen. „Der kalte, obsessive und tyrannische Workaholic der frühen Jahre verwandelt sich langsam ist eine nachgiebige, milde Matrone, die schließlich so etwas wie normale Beziehungen zur Bekannten und Freunden haben konnte“, so Mackowiak.

Drei Diagnosen

Mackowiak stellt auf der Grundlage seiner Recherchen drei Diagnosen:

Bipolare affektive Störung: Zeitlebens ließen sich bei Nightingale Zeichen und Symptome finden, die zu einer bipolaren Störung passen, so Mackowiak mit Verweis auf die DSM-IV-Kriterien und eine Analyse der Psychiaterin Professor Katherine Wisner, Chicago. Nightingales depressive Seite bis hin zu suizidalen Gedanken lässt sich aus zahlreichen Dokumenten herauslesen — mit etwa 14.000 überlieferten Briefen gilt Nightingales Leben als eines der am besten dokumentierten Biografien des viktorianischen Zeitalters. Der manische Aspekt äußerte sich unter anderem in ihrer außerordentlichen Kreativität während des Krimkrieges und danach sowie in ihrer erstaunlichen Produktivität bei der Sammlung und Analyse von Daten, beim Erarbeiten von Reformen der Krankenpflege mit zahlreichen Veröffentlichungen. Dazu unterhält sie eine umfangreiche Korrespondenz zu Intellektuellen, Politikern, Ärzten, Epidemiologen, Ingenieuren.

Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD): Die posttraumatischen Wirkungen ihrer Erlebnisse im Krimkrieg dürften durch das Vorliegen einer bipolaren Störung verstärkt worden sein. Mackowiak verweist auf typische Symptome und vergleicht sie mit jenen von US-Veteranen des Vietnam-Krieges: Depressionen, Schlafstörungen, Gefühle der Wert- und Hilflosigkeit, Konzentrationsstörungen, suizidale Gedanken. Viele phantasieren sich das Leben eines Eremiten herbei — etwas, das für Nightingale selbstgeschaffene Realität wurde. Die vergeblichen Bemühungen, die Gedanken an das Erlebte zu unterdrücken, führen tendenziell zur Selbstisolation. Nightingale hat nie über ihre Kriegserlebnisse gesprochen. Von Angehörigen werden PTSD-Patienten als emotional „tot“ beschrieben. Nightingale sei nach dem Krimkrieg „bestenfalls kalt“ in ihren persönlichen Beziehungen gewesen, so Zeitgenossen, sie erschien nach außen herzlos, tyrannisch und vorwurfsvoll im Auftreten. Ein typisches und auch bei Nightingale sichtbares PTSD-Symptom seien außerdem Schuldgefühle, weil man im Unterschied zu vielen anderen überlebt habe („survival guilt“).

Brucellose: Mit „Krimfieber“ (auch Mittelmeer- oder Maltafieber) wurden damals Erkrankungen mit undulierendem Verlauf der Körpertemperatur bezeichnet. Eine der wichtigsten Ursachen ist die Infektion mit Bruzellen. Brucella melitensis kommt vor allem in Mittelmeerländern bei Ziegen und Schafen vor. Die gramnegativen, aeroben Stäbchen gelangen über Hautverletzungen, die Konjunktiven oder durch den Genuss nicht pasteurisierter Milch in den Körper. Die Art der Ernährung Nightingales während des Krimkriegs und die folgende Symptomatik lassen eine Infektion mit Brucella melitensis als wahrscheinlich erscheinen. Auch heute noch sind bei unzureichender antibiotischer Behandlung Rezidive häufig, die durch persistierende Infektionsfoki in Knochen, Leber oder Milz unterhalten werden (chronische Brucellose). Vor allem die B.-melitensis-verursachte Endokarditis kann zum Tode führen.

Wenn auch die Brucellose der zeitliche Ausgangspunkt des über drei Jahrzehnte andauernden Leidens Nightingales wäre, erklärt sie wohl nicht diesen langen Verlauf, gerade wenn man die publizistische Produktivität Nightingales in dieser Zeit und die Veränderungen Ende ihres siebten Lebensjahrzehnts ansieht. Im Vordergrund standen daher wohl nach dem Krimkrieg ihre psychischen Probleme. In ihren letzten Lebensjahren entwickelte sie eine Demenz. Florence Nightingale wurde 90 Jahre alt.

Der Originalartikel „Schimmernde Düsternis: Die Lady mit der Lampe“ ist erschienen in CME 6/2015, © Springer Verlag

Thomas Meißner, Ärzte Woche 43/2015

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