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Patient mit Ehefrau am Klavier. Stehend: Stationsärztin Dr. Helga Hornbogner, Prim. Dr. Georg Pinter, Oberschwester Ursula Danhofer (v. li. n. re.)
 
Pflege 28. Februar 2014

Vom „Altersblödsinn“ zur modernen Geriatrie

100 Jahre Haus der Geriatrie in Klagenfurt.

Das Haus der Geriatrie am Klinikum Klagenfurt am Wörthersee feierte vor kurzem sein 100-jähriges Bestehen. Eine Zeitspanne, in der sich nicht nur das Alter der Patienten, Krankheiten und Behandlungen erheblich verändert haben.

„Eigentlich geht die Geschichte meiner Abteilung zurück bis ins Jahr 1896, als das LKH Klagenfurt eröffnet wurde. Damals wurden die Landeswohltätigkeitsanstalten neu gebaut und eröffnet. Dazu gehörten das LKH Klagenfurt, das Irrensiechenhaus, das Kinderspital, das Landeskrankenheim, die Taubstummen- und Blindenanstalt, das Männerblindenheim und das Landessiechenhaus. In letzterem wurden nicht nur ältere Menschen, sondern auch schwer beeinträchtigte und neurologische sowie psychiatrische Patienten untergebracht“, erzählt Prim. Dr. Georg Pinter mit Blick auf das original erhaltene „Siechenstandbuch“, in dem die betreuten Patienten zwischen 1879 und 1925 vermerkt sind.

Idiotie und Altersblödsinn

Was auffällt: Das Alter der Patienten: Kinder mit schweren Behinderungen wurden ebenso aufgenommen wie ältere Männer und Frauen. Die Diagnosen klingen zum Teil skurril. „Die Ärzte diagnostizierten Idiotie oder Altersblödsinn“, so Pinter. Sehr oft litten die Menschen an Epilepsie. Damals konnte diese Krankheit noch nicht behandelt werden und konnte schwere Folgeschäden nach sich ziehen. „Vielen Menschen, vor allem älteren, konnte damals nicht geholfen werden. Die Unterbringung auf der heutigen Geriatrie war eher eine Basisversorgung. Die Patienten bekamen ein Bett, einen Sessel und Essen. Das darf aber nicht gering geschätzt werden, denn international gesehen war das höchstes Niveau. Finanziert wurde diese Versorgung teilweise auch über Stiftungen“, berichtet Pinter.

Deportationen und Ermordungen

Über die Zwischenkriegszeit ist indessen sehr wenig bekannt, dafür gibt es genauere Unterlagen über die traurige Zeit während des Nationalsozialismus. Am Gelände des heutigen Hauses der Geriatrie und der psychiatrischen Abteilung wurden bis 1945 zwischen 700 und 900 Patienten ermordet. Unter der Leitung des damaligen Primarius der Männerabteilung der Landesirrenanstalt, Dr. Franz Niedermoser, und unter Mithilfe der Oberschwester Antonie Pachner, der Oberpflegerin Ottilie Schellander des Landessiechenhauses, sowie noch weiteren Pflegern und Pflegerinnen, wurden sehr vielen Patienten tödliche Dosen Beruhigungsmittel verabreicht. Zudem fanden vier Todestransporte nach Hartheim (OÖ) in den Jahren 1940 bis 1941 statt, durch welche 733 Menschen (davon 25 Kinder) ins Gas geschickt wurden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Niedermoser und drei Mitglieder des Pflegepersonals zum Tode und weitere fünf Personen des Pflegepersonals zu 10 bis 15 Jahren Haft verurteilt. Das temporäre Mahnmal am Friedhof Annabichl, ein Denkmal im Park der Abteilung für Psychiatrie und eine Gedenkstätte am Gelände der Geriatrie erinnern an die Gräueltaten.

1962 – Medizin wird gezielter

In der Nachkriegszeit bis 1962 wurde die heutige geriatrische Abteilung von der 1. Med. mitbetreut. Menschen mit geriatrischen Problemen wurden ebenso betreut wie minderbegabte und beeinträchtigte Patienten oder Menschen mit chronischen und neurologischen Krankheiten. „Auch Palliativpatienten fand man hier“, berichtet Pinter. Einen Quantensprung gab es schließlich 1962 unter Prim. Dr. Karl Janeschitz. Er begann, Medizin gezielt anzuwenden. Das Haus der Geriatrie erhielt den Namen „Landespflegeheim“. Diese Entwicklung läuft parallel zur Gründung der Geriatriegesellschaft in Österreich 1955 durch Prof. Dr. Walter Doberauer. „Das waren damals Meilensteine“, so Pinter.

Akutgeriatrie in den 1990ern

Ein weiterer wichtiger Entwicklungsschritt erfolgte in den 1980er Jahren unter Prim. Dr. Rudolf Hebein mit der Gründung der Langzeitabteilung, einer Einrichtung, die sich gezielt mit Rehabilitation und Wiedereingliederung von älteren und chronisch kranken Patienten befasste. Schließlich erfolgte 1991 die Einführung der Akutgeriatrie in Klagenfurt unter Prim. Dr. Hans Wieltschnig.

1994 erfolgte der Abriss des „Hinterhauses“ und mit dem Neubau der geriatrischen Tagesklinik (diese ist mit 20 Betreuungsplätzen die größte in Österreich) und der Klassestation im Süden des Altbestandes wurde ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung des Hauses der Geriatrie gesetzt. Die akutgeriatrischen Stationen wurden renoviert. Pinter: „Diese Schritte in der Geschichte waren verbunden mit bundesweiten Entwicklungen: Prof. Dr. Franz Böhmer, von 1995 bis 2007 Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie, etablierte die Geriatrie zunehmend als Zusatzfach für die Fächer Innere Medizin, Neurologie, Psychiatrie, physikalische Medizin und Allgemeinmedizin. Zusätzlich wurden verstärkt Ausbildungen für Geriater national und international forciert und etabliert.“

Geriatrie in der Gegenwart

Heute hat sich die Geriatrie zu einem wichtigen Partner für andere Fachdisziplinen entwickelt. „Wir arbeiten sehr eng mit vielen Abteilungen des Klinikums (Notfallmedizin, Unfallchirurgie, Neurologie, Psychiatrie etc.) zusammen“, erzählt Pinter aus dem Alltag. Die häufigsten Krankheitsbilder seiner Patienten, die im Schnitt 85 Jahre alt sind, sind chronische Herzschwäche, chronische und akute Lungenerkrankungen, kognitive Störungen, Inkontinenz, chronischer Schmerz, Folgen von Frakturen und vor allem Gebrechlichkeit (Frailty).

Wichtigstes Ziel der modernen Geriatrie: Die Erhaltung oder Rückgewinnung von Funktionalität und Lebensqualität. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wieder: Rund 75 Prozent der Patienten werden schon nach 10 bis 14 Tagen wieder von der Akutgeriatrie nach Hause entlassen. „Das Haus der Geriatrie besteht heute aus der Akutgeriatrie/Remobilisation (3 Stationen, 76 Betten), der geriatrischen Tagesklinik (20 Behandlungsplätze) und der Abteilung für chronisch Kranke (120 Betten). Etwa 1.400 Patienten werden jährlich an der Akutgeriatrie behandelt, 300 an der Tagesklinik und an der Abteilung für chronisch Kranke wurden 2013 40.000 Pflegetage gezählt“, so Dr. Hartwig Pogatschnigg, Medizinischer Direktor des Klinikum Klagenfurt.

Künftige Herausforderungen

Wir befinden uns in einer Phase des demografischen Überganges zu einer alten Gesellschaft. Die Menschen werden immer älter. Das ist wohl eine der gravierendsten Veränderungen in den letzten 100 Jahren“, so Pinter. 1910 waren etwa sechs Prozent der Bevölkerung älter als 65 Jahre, 2015 werden es 18 Prozent und 2025 21 Prozent sein.

„Die demografische Entwicklung wird eine sehr große sozialpolitische Herausforderung werden“, sagt Pinter. Aber auch für die Medizin und die Pflege gibt es Fragen zu klären. So sollen Behandlungen gezielter eingesetzt werden. „Im Wesentlichen kann man sagen, dass sich durch das höhere Alter der Bevölkerung, die gesamte Medizin geriatrisieren und gleichzeitig individualisieren wird.“ So wird es etwa eine Alterstraumatologie oder eine Alterschirurgie geben. Die Entwicklung ist heute schon spürbar und wird im Klinikum Klagenfurt auch schon gelebt. Allein die Patienten, die in der Aufnahme und Beobachtungsstation an der Zentralen Notfallaufnahme betreut werden, sind jetzt schon zu 30 Prozent über 80 Jahre alt.

Um ältere Menschen bestmöglich zu betreuen initiierte Pinter gemeinsam mit Prof. Dr. Rudolf Likar, Prof. Dr. Herbert Janig, Mag. Dr. Olivia Kada und Mag. Dr. Karl Cernic das Projekt „Gut versorgt im Pflegeheim“, das von der Politik unterstützt und aus Mitteln des Kärntner Gesundheitsfonds finanziert wird. „Mit diesem Projekt können wir einen doppelten Mehrwert erzielen, denn einerseits steigt die Lebensqualität der Pflegeheimbewohner, weil belastende Fahrten ins Krankenhaus auf das notwendige Maß reduziert werden können. Andererseits erreichen wir so natürlich auch eine Entlastung der Ambulanzen indem nicht für eine Spitalsambulanz indizierte Behandlungen direkt im Pflegeheim durchgeführt werden können“, betont Kärntens Gesundheits- und Krankenanstaltenreferentin LHStv. Dr. Beate Prettner.

Beste Spitalsabteilung Österreichs

Daneben ist es Pinter ein Anliegen, das negative Altersbild und die Vorurteile gegen alte Menschen abzubauen. „Man sollte das Alter als Chance sehen“, betont er. Außerdem will der Primarius das Image der Geriater verbessern. „Uns stehen zwar kaum hochmoderne Techniken wie anderen Disziplinen zur Verfügung, stattdessen wird bei uns Teamwork groß geschrieben.“ Die wesentliche „Technologie“ der Geriatrie ist das geriatrische Assessment, ein interdisziplinärer und multidimensionaler Prozess zur Erfassung der funktionellen Defizite und auch der Ressourcen des Patienten mit dem Ziel des Erstellens eines individuellen Therapieplanes. Der Erfolg gibt ihm recht: Nicht umsonst wurde das Haus der Geriatrie 2010 von der Fachzeitschrift CliniCum zur besten Spitalsabteilung Österreichs gewählt.

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