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Nur in wenigen Fällen stellt sich ein Verbrechen bar jeder Motivation und losgelöst von jeglichem psychiatrischen Verständnis dar.
 
Allgemeinmedizin 31. August 2015

Einfach so

Expertenbericht: Bei sorgfältiger Exploration wird in fast allen Fällen unmotiviert anmutender Verbrechen eine psychische Störung oder ein Substanzmissbrauch entdeckt.

Bei einigen psychischen Erkrankungen fällt die gering ausgeprägte Psychopathologie auf. Da bei der forensisch-psychiatrischen Analyse vor allem die großen psychischen Störungen ausgeschlossen werden müssen, besteht die Gefahr, dass leichtere Störungen übersehen werden.

Die in der Kriminalliteratur und Philosophie vielfältig abgehandelte Frage, ob es Verbrechen ohne Motiv gebe, speziell den grundlosen Mord, wurde in der forensischen Psychiatrie bislang kaum wissenschaftlich bearbeitet. Dies erstaunt umso mehr, als dass die Klärung des Motivs von allen Beteiligten an einem Verbrechen bzw. an der Verbrechensaufklärung als zentral betrachtet wird: Die Täter plädieren auf fehlende Zurechnungsfähigkeit, weil sie die Tat selbst nicht verstehen können und diese „völlig motivlos“ gewesen sei. Bei den kriminalistischen Ermittlern gilt der Grundsatz „keine Tat ohne Motiv“ und für die Anklage hat der Nachweis eines Motivs höchste Priorität. Vonseiten der Verteidigung wird die scheinbare Motivlosigkeit als De- oder Exkulpationsgrund angeführt. Medien und Öffentlichkeit üben, wohl auch der Entängstigung willen, einen erheblichen Druck aus, für jede Tat eine Erklärung zu bekommen. Von der forensischen Psychiatrie werden, obwohl sich diese nicht in die Motivfrage einmischen sollte, Erklärungsmodelle und vor allem Diagnosen verlangt.

Fanal der Gekränkten

Die Durchsicht forensisch-psychiatrischer Gutachten der letzten 20 Jahre hat erbracht, dass die Ermittler in weniger als einem Prozent der Straftaten kein Motiv finden konnten. Dabei handelte es sich vor allem um Diebstahl bzw. Kleptomanie, Einbruch, Sachbeschädigungen, Brandlegung bzw. Pyromanie, Sexualdelikte und vereinzelt um Tötungen. Besonders bei jugendlichen Aggressionshandlungen und den spektakulären und folgenschweren Amoktaten der jüngsten Zeit gestaltet sich der Motivnachweis als sehr schwierig. Meist lassen sich in solchen Fällen keine psychiatrischen Diagnosen stellen oder zumindest keine pathologischen Motive erheben. Vielmehr stellen sich diese gerade bei erweiterten Morden oder Suiziden als Versuch dar, gegen die innere Leere, das Gefühl der Gefühllosigkeit oder das als sinnlos empfundene Leben zu kämpfen. Fast immer liegen bei den Tätern schwere Kränkungen vor, die hinter der Maske der „Coolness“ nicht erkannt werden. Der überwältigende Wunsch, sich an der scheinbar uninteressierten, abweisenden und verständnislosen „heilen Welt“ zu rächen, mündet dann im Fanal der Gekränkten. Da die Täter bei solchen Anschlägen meist ihr Leben verlieren, sind der Motivanalyse enge Grenzen gesetzt.

Bei allen scheinbar motivlosen oder –armen Verbrechen ist allerdings zu bedenken, dass die Motive oft hartnäckig geleugnet oder im schwer fassbaren Unbewussten liegen, weshalb man korrekt von nicht erkennbaren oder nicht fassbaren Motiven sprechen sollte.

Versteckte Störungen

Für die Psychiatrie stellt sich daher die Frage in einer etwas geänderten Form, nämlich ob bei kriminologisch als motivlos eingestuften Delikten keine psychische Störung gefunden werden kann, ob diese also „diagnoselos“ sind. Tatsächlich kann man bei sorgfältiger Exploration und genauer Untersuchung in fast allen Fällen unmotiviert anmutender Verbrechen eine psychische Störung entdecken. In erster Linie handelt es sich um klinisch kaum manifest werdende Persönlichkeitsstörungen, speziell um das Borderline-Syndrom oder schizotype Formen. Deren Hauptsymptome, wie etwa chronisches Gefühl innerer Leere, wiederholte emotionale Krisen oder unvermittelte Ausbrüche intensiven Ärgers mit explosiblem und gewalttätigem Verhalten, disponieren geradezu zu motivisch nicht nachvollziehbaren Handlungen. Ebenso können diese aus den zu der Symptomatik gehörenden Beziehungsideen, dem ständigen Argwohn und den paranoiden Vorstellungen resultieren. Häufig liegen bei scheinbar unmotiviert handelnden Aggressionstätern dissoziale Persönlichkeitsstörungen vor, bei welchen aus geringfügigen Anlässen, aus augenblicklicher Verstimmtheit oder unvermittelter Frust, inadäquate Gewalthandlungen begangen werden. Immer muss bei motivisch unklaren Straftaten an Substanzeinfluss gedacht werden, wobei der Zusammenhang bei manchen Drogen wie Amphetaminabkömmlingen (Crystal Meth) angesichts ihrer antriebs- und aggressionssteigernden Wirkung evident, bei andern (z. B. Cannabinoiden) noch nicht wirklich geklärt ist. Die dritthäufigste, oft übersehene Diagnosegruppe ist jene der „Disruptiven, Impulskontroll- und Sozialverhaltensstörungen“ nach DSM V. In Betracht kommt besonders die sogenannte „Intermittierende Explosible Störung“ (DSM V: F 63.81), die als nicht geplanter und nicht zur Erreichung konkreter Ziele eingesetzter aggressiver Ausbruch definiert ist. Als Ursache dieser bei jüngeren Personen eine Prävalenz von 2,7 % aufweisenden Störung werden emotionale Traumatisierungen, aber auch genetische und neurobiologische Faktoren mit Abweichungen im limbischen System und im orbitofrontalen Kortex diskutiert. Weiters ist an die bei jungen Menschen in einer Prävalenz von 2 % vorliegende „Disruptive Affektregulationsstörung“ (DSM V: F 34.8) zu denken. Diese meist aus einer komplexen Vorgeschichte psychischer Probleme resultierende Störung äußert sich durch schwere Wutausbrüche, welche in ihrer Intensität und Dauer in Bezug auf die Situation und den Anlass völlig unangemessen sind. Ebenso mutet das Tatbild meist unmotiviert an, wenn bei klinisch kaum manifest werdenden depressiv-dysphorischen Verstimmungen die betroffene Person versucht, durch eine Impulshandlung die depressive Einengung gleichsam zu sprengen.

All diesen Störungen sind die Symptomarmut und die gering ausgeprägte Psychopathologie gemeinsam. Da bei der forensisch-psychiatrischen Untersuchung in erster Linie die großen psychischen Störungen wie Behinderung, Psychosen, Dämmerzustände oder qualitativ und quantitativ abnorme Berauschungen ausgeschlossen werden müssen, besteht die Gefahr, dass leichtere Störungen übersehen werden können.

Zwischen Wahn und Psychose

Seltenere und noch schwerer zu fassende Basisstörungen bei scheinbar motivlosen Delikten sind wahnhafte Entwicklungen, seltene Anfallsformen oder psychotische Basisstörungen. Wahnerkrankungen, welche unbehandelt generell ein erhöhtes Fremdgefährdungsrisiko aufweisen, sind besonders bei logisch-organisierten Formen schwer erkennbar. Sofern sich eine Straftat aus der Wahndynamik ableitet, wirkt sie oft völlig unmotiviert. Über die Bedeutung abortiver Anfallsäquivalente bei sinnlosen Delikten und Verbrechen wird viel spekuliert. Gesichert scheint die Möglichkeit einer sogenannten limbic-psychotic-trigger reaction, unter deren Einfluss uneinfühlbare Gewalthandlungen verübt und völlig amnesiert werden. Weltweit sind bislang 24 Tötungsfälle dieser Art beschrieben.

Von großem forensischen Interesse wäre insbesondere das auf den Psychopathologen Karl Wilmanns (1902) und den österreichischen Psychiater Erwin Stransky (1950) zurückgehende, in Vergessenheit geratene Konzept des psychotischen Prodromal- und Initialdeliktes. Dieses geht von der Modellvorstellung aus, dass in sehr seltenen Fällen ein Verbrechen erstes und einziges Symptom einer schleichend einsetzenden Psychose sein könnte. Die Straftat, welche motivisch nicht geklärt werden kann, gehe der psychotischen Erkrankung gleichsam wie ein Wetterleuchten voraus.

Keine Motivanalyse

Bei motivisch unklaren Verbrechen ist ein besonders sorgfältiges diagnostisches Vorgehen erforderlich. Dazu gehören neben neuroradiologischer, elektrophysiologischer, toxikologischer und testpsychologischer Abklärung die psychiatrische Untersuchung in zeitlich möglichst unmittelbarem Zusammenhang mit der Tat, die wiederholten Explorationen, die stationäre Langzeitbeobachtung und auch die Begutachtung durch mehrere Experten. Relativierend muss allerdings bedacht werden, dass der psychiatrische Gutachter sich ausschließlich auf den Nachweis schwerer psychischer Störungen zu beschränken und keine Motivanalyse zu betreiben hat. Ähnlich, wie das Motiv laut mehreren OGH Entscheidungen auf der Rechtsebene keine Rolle spielt, ist es auch im psychiatrischen Gutachten auszuklammern, sofern es nicht aus einer schweren psychischen Störung resultiert.

Bei genauer und umfassender Untersuchung wird sich in fast allen Fällen scheinbar motivloser Delikte, ganz im Sinn der Psychopathologielehre von Karl Jaspers, eine psychiatrische Störung nachweisen lassen, durch die solche Taten ein Stück weit verstehbarer werden. Nur in wenigen Fällen wird sich ein Verbrechen bar jeder Motivation und losgelöst von jeglichem psychiatrischen Verständnis darstellen, gleichsam als das absolut Böse. Und dieses ist tatsächlich beunruhigend.

Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist als Ärztlicher Leiter der Stiftung Maria Ebene in Vorarlberg tätig und zählt zu den renommiertesten psychiatrischen Gerichtsgutachtern in Österreich.

Reinhard Haller, Ärzte Woche 36/2015

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