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© Yves Logghe / picture alliance
Schwerwiegende Entscheidung der belgischen Abgeordneten 2014: Der liberale Zugang zur Sterbehilfe wurde auf Kinder und Jugendliche ausgedehnt, nun ist ein Fall eines schwerkranken Teenagers bekannt geworden.

 

 

 
Prof. Wim Distelmans, Sterbehilfekommission, Belgien

 
Leben 30. September 2016

Suizid: „Darüber soll man reden dürfen“

Der Fall eines Teenagers in Belgien, der aktive Sterbehilfe in Anspruch nimmt, macht betroffen. Es wird deutlich, wie unterschiedlich die Einstellungen zum Lebensende in Europa sind.

Die Datenlage ist insgesamt mager, aber einiges weiß man doch über Suizide: 1.250 Suizidfälle gibt es hierzulande pro Jahr. Anfang der 1980er-Jahre waren es noch mehr als 2.000. Was nicht viel sagen will.

Was ist noch bekannt? Menschen, deren Beziehung schlecht läuft, haben eher Suizidgedanken. Sie haben das höchste Risiko, bei Singles schaut es etwas besser aus. Andererseits schützt eine Beziehung auch nicht vor Suizidalität. Das hat eine Studie des Public HealthZentrums und des Instituts für psychologische Grundlagenforschung herausgearbeitet (Till et al. Relationship Satisfaction and Risk Factors for Suicide, Crisis 2016, doi: 10.1027/0227-5910/a000407).

Interessant: Je größer die Anzahl der ungelösten Konflikte in einer Beziehung, desto manifester sind die Suizidgedanken bzw. das Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Depression. Ungelöste oder schwelende Konflikte sind etwa das Temperament des Partners (19,9 %), die Kommunikation (17,4 %), schlechte Angewohnheiten (17,3 %), Sexualität (16,0 %) und Haushalt (15,5 %).

Natürlich ist auch eine schwere oder gar unheilbare und tödliche Krankheit ein Grund, über Suizid nachzudenken. In Belgien kann man seit Inkrafttreten des SterbehilfeGesetzes 2002 mehr als das, man kann ihn legal in die Tat umsetzen. Das Gesetz erlaubt Ärzten die Tötung auf Verlangen von erwachsenen, unheilbar kranken Patienten, sofern die Mediziner den Patienten unerträgliche Leiden bescheinigen. 2014 wurden diese Bestimmungen auch auf Minderjährige ausgeweitet. Nun ist diese Möglichkeit erstmals von einem Teenager genützt worden, was der Leiter der staatlichen Sterbehilfekommission, Prof. Wim Distelmans, bestätigte. Der Experte: „Glücklicherweise gibt es nur wenige Kinder, auf die das (die Ausdehnung der Sterbehilfe, Anm.) zutrifft, aber das bedeutet nicht, dass wir ihnen das Recht auf einen würdevollen Tod verwehren.“

Ausbau von Hilfsangeboten

Die Journalistin Saskia Jungnikl hat den Suizid ihres Vaters literarisch in dem Buch „Papa hat sich erschossen“ (Fischer Taschenbuch, 2014) aufgearbeitet. „Es ist ein riesiger Unterschied, wenn jemand am Ende seines Lebens sagt, er will sein Leben beenden. Darüber soll man reden dürfen, das legal zu machen. Und zwar so, dass der Betroffene seine Angehörigen miteinbeziehen kann und es nicht so weit kommt, dass er glaubt, dass er sich allein töten muss, voller Angst.“

Bei Kindern findet Prof. Thomas Niederkrotenthaler vom Suicide Unit der MedUni Wien die Vorgehensweise ohnehin ungemein problematisch, unter Anderem da erst ab einem gewissen Alter und Reife überhaupt klar sei, dass der Tod etwas Endgültiges sei. „Wir wissen auch aus Studien von sehr schweren Krankheiten, dass Menschen in schwierigsten Lebenslagen auch immer wieder Wege finden, damit umzugehen, wenn sie und die Umgebung angemessene Hilfsangebote erhalten. Diese Angebote, gerade palliativmedizinische, sollten ausgebaut werden.“ Jungnikl kennt Klinikleiter, die ihr erzählt haben, dass viele, die den Wunsch zu sterben äußern, sich nach dem ersten Gespräch nie wieder melden. „Das sind 70 von 100. Denen geht es vielleicht nur darum, einmal mit jemandem zu reden.“

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 40/2016

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