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Dr. Michael Halmich, PLL.M. ist Jurist im Schwerpunkt Medizinrecht und Vorsitzender der . Gesellschaft für Ethik und Recht in der Notfall- und Katastrophenmedizin (öGERN).
 
Praxis 10. Februar 2016

Umsichtig geplante Krise

Notfallmedizin am Lebensende – Rechtssicherheit durch Vorsorgedialog?

Nach unserer Rechtsordnung ist ein Arzt nicht verpflichtet, in einen bereits natürlich begonnenen Sterbeprozess eines Patienten durch lebensverlängernde Maßnahmen einzugreifen. Das ist das Ergebnis einer Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Notfall- und Katastrophenmedizin öGERN.

Einschränkend gilt aber: „sofern der Verlauf der Krankheit eine weitere Behandlung nicht sinnvoll erscheinen lässt“ (fehlende medizinische Indikation). Das Problem der präklinischen Notfallversorgung ist, dass sich in der Mehrzahl der Einsätze der Patient und das Behandlungsteam nicht kennen, sodass ein Mangel an Informationen sowohl zur Patientenausgangslage als auch zum Patientenwillen vorliegt. Der hinzu kommende Zeitfaktor mache eine ethisch reflektierte Entscheidung nahezu unmöglich, sodass bei unklarer Sachlage ein sofortiger Reanimationsbeginn die Regel darstellt. Doch es gibt mittlerweile Untersuchungen, dass Sanitäter und Notärzte mit dem Einleiten von Reanimationsmaßnahmen nicht immer gutes Tun, sondern in Einzelfällen auch Leid verursachen!

Um hier als Patient Grenzen setzen zu können, sieht die österreichische Rechtsordnung einige Vorsorgemöglichkeiten, wie etwa die Patientenverfügung oder die Vorsorgevollmacht, vor. Parallel dazu bemühen sich Hospizbewegungen in Österreich im Rahmen eines „Advance Care Planning“ gerade darum, einen Vorsorgedialog zu implementieren. Dabei handelt es sich um ein neues Kommunikationsinstrument, durch welches die Wünsche und Ziele von Personen im letzten Lebensabschnitt, aber auch für (vorhersehbare) lebensbedrohliche Krisensituationen erfragt und dokumentiert werden. In einem ersten Anlauf sollen derartige Gespräche standardisiert in Pflegeheimen eingeführt werden. Zentrale Fragen stellen dabei Sondenernährung, Reanimation, Bedingungen für Therapiezieländerungen und Hospitalisierungen als auch psychosoziale, soziale und spirituelle Bedürfnisse dar.

Der Vorsorgedialog stellt eine Orientierungshilfe dar und nimmt dem Betreuungsteam (Pflegepersonal, Sanitäter, Notarzt) keine Entscheidung ab. Wichtig ist, dieses Dokument nicht als einen „Freibrief“ für ein schnelles Sterben umzudeuten oder zu missbrauchen. Er soll dazu beitragen, dass im Falle eines vorhersehbaren Ablebens einer betreuten Person frühzeitig die entsprechenden Vorbereitungen getroffen werden (z. B. engmaschige Beiziehung von mobilen Palliativteams, palliativmedizinisch geschulten Ärzten), um in der eintretenden lebensbedrohlichen Krisensituation eine den Wünschen und der Indikation entsprechende Entscheidung treffen zu können!

Therapiebegrenzungen liegen stets in der ärztlichen Verantwortung und sollten im Rahmen einer vorausschauenden Planung im letzten Lebensabschnitt schriftlich vorliegen („DNR“/„AND“-Vermerk).

Nach entsprechender ärztlicher Anordnung ist eine Therapiebegrenzung auch vom Pflegepersonal zu berücksichtigen. Da sich das Lebensende als ein dynamischer Prozess darstellt, sind Pflegepersonen bei nicht vorhersehbaren/nicht kontrollierbaren Symptomen berechtigt und verpflichtet, unverzüglich einen (Not-)Arzt beizuziehen.

Michael Halmich, Ärzte Woche 6/2016

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