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Forschung 26. September 2016

Probiotikum statt Stuhlspende

Darmleben. Grazer Forscher wollen ein Medikament aus lebenden Mikroorganismen entwickeln, dabei dienen Stuhlbakterien als Grundlage für den neuen mikrobiellen Schutzschild.

Intensiver Einsatz von Antibiotika kann bei schwer kranken Menschen dazu führen, dass das Mikrobiom gestört wird. Gefährliche Keime können sich besser ausbreiten und beispielsweise schweren Durchfall hervorrufen – vor allem bei Intensivpatienten heikel. Grazer Forscher wollen nun ein Medikament aus lebenden Mikroorganismen entwickeln, das die Darmflora wieder aufbaut. Ein ausgewogenes Mikrobiom sorgt beim Menschen dafür, dass aggressive Pathogene nicht ungehindert in den Körper eindringen können, erläutert Prof. Dr. Gregor Gorkiewicz, Professor für Mikrobiomforschung in der Humanmedizin an der MedUni Graz gegenüber der APA.

In Spitälern ist das menschliche Mikrobiom besonders gefordert: „Viele Bakterien des natürlichen Mikrobioms, wie zum Beispiel auf der Haut oder den Schleimhäuten, gehen auf der Intensivstation durch den Einsatz von Antibiotika, allgemeiner Raumdesinfektionsmaßnahmen sowie das Fehlen einer normalen Ernährung verloren“, beschrieb Gorkiewicz. Besonders heikel wird die Situation, wenn multiresistente Keime auftreten.

Der menschliche Dickdarm zählt, laut Gorkiewicz, wiederum zu den mikrobiell am dichtesten besiedelten Habitaten der Erde. Einige 100 bis vielleicht 1.000 verschiedene Bakterienspezies bilden die humane Darmflora. „Der Verlust einer funktionierenden Darmflora kann beispielsweise zu schweren choleraartigen Durchfällen führen“, sagte Gorkiewicz. Bei manchen Intensivpatienten wird dann die Stuhltransplantation, bei dem der gefilterte Stuhl von gesunden Spendern in den Patientendarm eingebracht wird – die letzte Option, wie der Grazer Mediziner schilderte. Hier setzt die Forschergruppe aus dem interuniversitären Grazer BioTechMed-Forschungsverbund an.

Richtiger Mix gesucht

Die Forscher um Gorkiewicz und seine Kollegin Prof. Dr. Gabriele Berg vom Institut für Umweltbiotechnologie der TU Graz wollen ein Medikament entwickeln, dass den Wiederaufbau der Darmflora bewerkstelligen soll. Dabei greifen sie auf die Mikroorganismen, die bei der Stuhltransplantation hilfreich sind, zurück.

Der erste Schritt der Forscher ist es, mithilfe von DNA-Sequenzierung jene Mikrobenstämme zu identifizieren, die für die Wirksamkeit der Stuhltransplantation maßgeblich verantwortlich sind. „Wir haben bereits eine ganze Reihe von Datensätzen im Analysestadium“, sagte Gorkiewicz. Wenn die Mikroorganismen identifiziert sind, sollen sie in Graz in einem speziellen Labor weiterkultiviert werden und der „richtige Mix“ der lebenden Mikroorganismen erhoben werden. Dann könnten erste Versuche im Tiermodell erfolgen. „Das ganze erstreckt sich noch über Jahre“, sagte Gorkiewicz. Die Grazer Forscher kooperieren mit einer weiteren Gruppe aus Deutschland und einem Start-up-Unternehmen aus Boston.

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