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Bis heute versuchen die Kurden eine gewisse Form der Freiheit und der Autonomie zu erhalten und menschenwürdig zu leben

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Gerhard Freilinger (rechts) mit dem ehemaligen Repräsentanten der kurdischen Autonomieregion in Wien, Ibrahim Pirot.

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Wunden und Depigmentierung als äußere Symptome der chemischen Vergiftung.

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Allgemeinmedizin 2. September 2013

Mit Giftgas gegen die eigene Bevölkerung

Der Höhepunkt Saddam Husseins Vernichtungskampf gegen die Kurden jährte sich heuer zum 25. Mal

Während die internationale Gemeinschaft über Beweise für einen Einsatz von chemischen Waffen im Syrienkonflikt diskutiert - und eine angemessene Reaktion darauf, ist einer der schwersten Fälle von systematischen Giftagsangriffen seit nunmehr 25 Jahren unter einem Mantel des Schweigens verdeckt geblieben: Der Einsatz eines heimtückischen Giftgascocktails auf die Zivilbevölkerung der kurdischen Stadt Halabja im irakisch-iranischen Grenzgebiet, angeordnet von Diktator Saddam Hussein, der am 16. März 1988 5000 Menschen das Leben kostete und den Höhepunkt der „Anfal-Operation“ darstellte. Bei den Gedenkfeierlichkeiten in der autonomen kurdischen Region im Nordirak forderten Politiker und Vertreter von Menschenrechtsorganisationen Mitte März die internationale Anerkennung der tragischen Ereignisse als Völkermord.

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Insgesamt etwa 180.000 Menschen sind in den mehrere Jahre andauernden Aktionen gegen die kurdische Bevölkerung des Irak verschwunden – verschleppt und getötet. Bis heute leiden die Überlebenden an den psychischen und physischen Folgen.

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Der österreichische Pionier der plastischen Chirurgie, Univ.-Prof. Dr. Gerhard Freilinger, war einer der ersten internationalen Ärzte, der mit Giftgasopfern im Iran-Irak Konflikt konfrontiert wurde. Fälschlicherweise wurden die ersten Opfer zunächst als Brandverletzte eingestuft und der renommierte Kriegschirurg Freilinger daher zu Rate gezogen. „Diese fälschlicherweise als Verbrennungsopfer bezeichneten Patienten waren bereits die ersten Giftgasfälle aus dem Iran“, erzählt der ehemalige Vorstand der Univ.-Klinik für plastische Chirurgie in Wien, der den damaligen Wiener Gesundheitsstadtrat Alfred Stacher davon überzeugen konnte als humanitäre Geste einige der Opfer in Wiener Spitälern behandeln zu können. So kamen die ersten Giftgasopfer überhaupt ins Ausland. „Was ich sah“, so Freilinger, „hat mich mit Grauen erfüllt.“ Klar war bald, dass es sich nicht um Verbrennungen handelte und nach Zuziehung von europäischen toxikologischen Experten stand wenig später die Ursache der schweren Symptome fest: Giftgas, das die Schleimhaut und die inneren Organe angreift und zersetzt. Die äußeren Verletzungen sind eher oberflächlich. Allerdings waren die Informationen über die Wirkung der Substanzen und die Behandlung der Folgen gering. Um mehr Informationen zu erhalten, flog Freilinger mit einer kleinen Gruppe, die im Auftrag der UN geschickt wurde, in den Iran, sah die Frischverletzten Vorort und brachte die ersten Proben des tödlichen Gifts zurück, das sich als Senfgas herausstellte.
Hatten zunächst iranische Soldaten das Ziel dargestellt, so erfolgte der erste Angriff der irakischen Armee auf die kurdische Zivilbevölkerung schließlich 1987 auf zwei Dörfer im Balisan-Tal – aus Rache und Vergeltung gegen die unerwünschte Allianz der Kurden mit dem irakischen Staatsfeind Iran. Am 16. April abends erlebte Dr. Zyryan Younes, der zu jener Zeit als Arzt mit der irakisch-kurdischen Kampftruppe, den Peshmerga, unterwegs war, die Attacke. „Zehn Helikopter und vier bis sechs Kampfflugzeuge flogen über die Ortschaften und warfen Bomben ab“, erzählte er im Gespräch mit SpringerMedizin in Arbil, in der kurdischen Autonomieregion im Nordirak: „Aber die Explosion klang nicht wie eine konventionelle Bombe, es war ein dumpfes Geräusch, dichter Rauch in schwarz und weiß und ein eigenartiger Geruch wie nach Knoblauch oder nach faulen Äpfeln verbreitete sich. Dann war Stille.“
Der Arzt und seine sechs Helfer warteten auf Verletzte. Doch niemand kam. Man hoffte daher, der Angriff hätte keine Verletzten gefordert. Einige Stunden später durchbrach jedoch beängstigender Lärm die Stille: Laute Stimmen, Schreien, Weinen stammten von Menschen, die teilweise blind in der Dämmerung auf das Lager zustolperten, die Körperoberfläche von Blasen bedeckt, blutend, verzweifelt. „Es war wie die Hölle“, beschreibt Zyryan: „Wir wussten nicht, was wir tun sollten, wir hatten keine Erfahrung mit chemischen Waffen und auch keine Medikamente.“ In der Folge kamen die irakischen Bodentruppen, um die Zerstörung zu vollenden. Wer nicht flüchten konnte, wurde verschleppt. Tausende Ortschaften wurden zwischen 1987 und 1989 völlig zerstört, insgesamt 182.000 Menschen verschwanden – ermordet oder unbekannten Ortes deportiert - im Laufe dieser Anfal-Operation von Saddam Hussein, für die er später unter anderem angeklagt wurde. In diesem Prozess sagte Dr. Zyryan Younes, der von 2006 bis 2009 Gesundheitsminister und heute gesundheitspolitischer Berater der kurdischen Regionalregierung ist, ebenso als Zeuge aus wie der österreichische Chirurg Freilinger. Verurteilt wurde Saddam nicht, da er zuvor wegen eines anderen Massakers hingerichtet wurde. Die Chemikalie, die im Laufe der Jahre immer wieder eingesetzt wurde, war mittlerweile zum Cocktail geworden: Aus Senfgas, Sarin und Nervengas sowie Zyanid, um das schädliche Potential zu erhöhen und eine Identifikation zu erschweren. Die Schäden wirken bei den Überlebenden bis heute nach, viele leiden unter Atembeschwerden, Schmerzen und psychischen Störungen, man registrierte erhöhte Zahlen an Leukämiefallen und kindlichen Missbildungen.

Anerkennung als Völkermord

Um Gerechtigkeit zu erlangen, aber auch um derartige Vernichtungsaktionen in Zukunft zu verhindern, ist die kurdische Regionalregierung ebenso wie Vertreter von internationalen Menschenrechtsorganisationen bestrebt, die gezielten Angriffe Saddam Husseins und seines Regimes als Völkermord international anerkennen zu lassen. „Die internationale Gemeinschaft war stumm“, sagte der kurdische Premierminister Nechirvan Barzani zum Jahrestag des Massakers am 16. März in der Gedenkveranstaltung am Ort des Geschehens in Halabja. Politische aber auch wirtschaftliche Interessen waren dafür ausschlaggebend. Für die USA stellte Saddam Hussein einen Verbündeten gegen das neue Regime im Iran dar, deutsche und holländische Firmen waren Lieferanten für die chemischen Substanzen. „Nur wenige Stimme getrauten sich damals etwas zu sagen“, stellte auch Aram Ahmed Mohamed, Minister der kurdischen Regionalregierung für Märtyrer- und Anfal-Angelegenheiten fest. „Völkermord wird als Verbrechen der Verbrechen gesehen“, erklärte Peter W. Galbraith, ehemaliger US-Diplomat, der unter anderem einen – letztlich nicht angenommenen – US-Gesetzesentwurf für die Verhinderung von Völkermord formulierte, „und kaum eine Regierung hat ganz saubere Hände. Daher scheuen sich die meisten vor der Anerkennung.“

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Die neue irakische Regierung selbst hat den Völkermord an den Kurden bereits anerkannt, ebenso Schweden, die Niederlande, Norwegen und Großbritannien. „Niemand hat das Recht, sein eigenes Volk zu töten“, unterstrich auch der ehemalige französische Außenminister und Mitbegründer von Medecins sans Frontieres, Bernard Kouchner, und verwies damit auch auf die aktuelle Lage in Syrien. Die Zukunft für die Kurden soll jedenfalls Gerechtigkeit, Hoffnung und Frieden sein und nicht Rache und Verbitterung.

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