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© Daniel Gammert / picture alliance
 
HNO 7. Oktober 2016

Der Nase nach ins Nirgendwo

Der Verlust des Geruchsinns hat gravierende Folgen: Betroffenen schmeckt nichts mehr, sie vermögenihren Körpergeruch nicht mehr einzuschätzen und beklagen das Abflauen ihrer sexuellen Lust.

Das Riechen ist eines der phylogenetisch ältesten Sinnessysteme. Durch Gerüche werden basale Fakten für die Selbst- und Arterhaltung signalisiert: Gibt es verträgliche Nahrung, potenzielle Partner oder Feinde im Umkreis? Beim Menschen werden Informationen durch andere Sinneskanäle präziser und schneller verarbeitet, allen voran das Sehen und Hören. Daher wird die Bedeutung des menschlichen Riechsinnes eher unterschätzt, obwohl Gerüche für uns höchst wichtige Funktionen im Alltag vermitteln.

Geruchssinn ist auch nachts aktiv

Der Geruchssinn trägt zur Orientierung und Warnung bei Gefahren bei, beeinflusst die Wahl des Sexualpartners, kontrolliert die Nahrungsaufnahme und hat letztendlich Einfluss auf die gesamte Gefühlswelt und unser Sozialverhalten. Während beispielsweise das Sehen im Schlaf abgeschaltet ist, funktioniert der Geruchssinn Tag wie Nacht und lässt sich auch nicht willentlich abstellen.

Riechen bestimmt, was wir essen und ob Essen eine Freude oder Pflicht ist. Über unsere Fähigkeit des retronasalen Riechens nehmen wir Aromen wahr und damit den Feingeschmack des Essens. Der Wegfall des retronasalen Riechens nimmt uns meist auch die Freude am Essen.

Ekel schützt vor Krankheiten

Gerüche können uns vor Gefahren warnen, indem sie rasch Ekelgefühle auslösen, was eine wichtige Funktion zur Abwehr potenzieller Krankheiten hat. Gerüche beeinflussen – häufig unbewusst – menschliches Sozialverhalten. So signalisieren Gerüche beispielsweise die Gefühlslage anderer Menschen, spielen eine Rolle in der Mutter-Kind-Bindung und können die Partnerwahl beeinflussen, was ihre wichtige Rolle in der zwischenmenschlichen Kommunikation widerspiegelt.

Auch haben sich Gefühle und Riechwahrnehmung vermutlich evolutionär gemeinsam entwickelt. Die zentrale Verarbeitung olfaktorischer Stimuli beruht weitgehend auf limbischen Strukturen, und als Resultat der evolutionären Geschichte werden Riechfunktionen hauptsächlich in den gleichen Zentren verarbeitet, die auch das Gefühlsleben steuern.

Beeinträchtigte Gemütslage

Diese Verbindung macht den Effekt von Gerüchen unmittelbar und emotional. Fehlt der Riechsinn, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für Depressionen deutlich. Umgekehrt zeigen sich auch bei Menschen mit Depressionen deutliche Einschränkungen in der Riechfunktion und -verarbeitung, die teilweise reversibel sind. Daher hat der Riechsinn entscheidenden Einfluss auf die Aufrechterhaltung unseres psychischen Gleichgewichts.

Etwa 5 % der Gesamtbevölkerung sind von einer funktionellen Anosmie betroffen und circa 20 % von einer Hyposmie. Dabei nimmt die Riechleistung ungefähr ab dem 60. Lebensjahr in einer Weise ab, dass 50 % der 65- bis 80-Jährigen und mehr als 70 % der über 80-Jährigen als hyposmisch bezeichnet wer- den. Frauen weisen typischerweise ein besseres Riechvermögen als Männer auf und interessieren sich auch weitaus mehr für Düfte als soziale Signale (z. B. Körper- und Essensgerüche).

Die häufigsten Ursachen von Riechstörungen sind sinunasale Erkrankungen (Entzündungen der Nase und der Nasennebenhöhlen, nicht entzündliche respiratorische Störungen). Sehr oft werden ebenfalls Patienten mit Riechstörungen nach Virusinfekten und nach Traumata vorstellig. Eine große Gruppe bilden die Patienten mit idiopathischer Riechstörung; bei einigen von diesen Patienten liegt jedoch eine neurodegenerative Ursache zugrunde, und im Verlauf entwickelt sich eine neurologische Erkrankung.

Das Auftreten der kongenitalen Anosmie wird mit 1 : 5.000-10.000 angegeben, wobei diese Erkrankung immer noch häufig übersehen wird. Neben den bereits genannten sind rund 200 weitere Ursachen von Riechstörungen dokumentiert.

Qualitative Riechstörungen sind deutlich seltener als quantitative Defizite. In der Allgemeinbevölkerung wird das Auftreten einer Phantosmie (Wahrnehmung eines objektiv nicht vorhandenen Geruchs) mit 0,8-2,1 % und einer Parosmie (veränderte Wahrnehmung eines vorhandenen Duftstoffes) mit circa 4 % angegeben. Unter Patienten mit Riechstörung schwanken die Angaben jedoch zwischen 10 % und 60 %.

Riechstörungen sind mit gravierenden Einschränkungen in vielen Bereichen des Lebens assoziiert. Diese betreffen insbesondere die Essensaufnahme und -zubereitung, soziale und allgemeine Sicherheit, persönliche Hygiene und das Sexualleben. Vor diesem Hintergrund wurden weltweit bereits verschiedene Fragebögen erarbeitet, um die mit einem Riechverlust verbundenen Veränderungen systematisch zu erfassen.

Essen schmeckt nicht mehr

Etwa zwei Drittel der Patienten berichten, ihr Essen seit Beginn der Störung weniger genießen zu können, über die Hälfte beklagen Probleme bei der Essenszubereitung. Bei circa 30 % der Patienten hat der Appetit deutlich abgenommen, wobei sowohl Gewichtsabnahmen als auch Gewichtszunahmen durch den kompensatorischen Gebrauch von Süßstoffen beschrieben werden.

Ein weiteres Problem ist das Fehlen der Warnfunktion zum Beispiel vor Gas oder Feuer, das von der Hälfte der Patienten benannt wird. Bei Menschen mit Riechverlust finden sich zudem häufig hygienebezogene Sorgen, die unter anderem den eigenen Körpergeruch, schlechten Atem und die Hygiene der eigenen Kinder betreffen. Das mag ein wichtiger Grund für eine erhöhte soziale Unsicherheit bei etwa einem Drittel der Befragten sein. Auch die eingangs genannte Bedeutung der Gerüche für die zwischenmenschliche Kommunikation führt dazu, dass sich bei Patienten mit erworbenen oder angeborenen Riechstörungen eine erhöhte soziale Unsicherheit und ein verminderter sexueller Appetit finden.

Entscheidend mag dabei auch eine mit der Riechstörung assoziierte Depression sein, die sich bei ungefähr einem Drittel der Patienten einstellt. Dabei sind insbesondere Patienten mit begleitender qualitativer Störung betroffen, die durch die wiederkehrenden Fehlwahrnehmungen ständig auf das Defizit fokussieren und sich stark stigmatisiert fühlen.

Riechverlust für Frauen schlimmer

Ein weiterer Faktor ist das Geschlecht der Betroffenen. Frauen geben eine stärkere Beeinträchtigung durch die Riechstörung an als Männer, was sich auch aus der größeren Bedeutung des Riechens für Frauen im Alltag ergibt.

Die überwiegende Mehrheit der Personen mit einem erworbenen und angeborenen Riechverlust scheint relativ gut mit den Einschränkungen klarzukommen. Bei mindestens einem Drittel der Betroffenen treten jedoch stärkere Schwierigkeiten bei der Bewältigung ihrer Situation auf, sodass es zu einer deutlichen Einschränkung ihrer Lebensqualität kommt.

PD Dr. Antje Hähner und Dr. Ilona Croy sind Mitarbeiterinnen am Interdisziplinären Zen-trum „Riechen und Schmecken“ der Klinik für HNO-Heilkunde und Klinik für Psychosomatik am Universitätsklinikum der TU Dresden.

Der Originalbeitrag mit allen Literaturhinweisen ist erschienen in der Zeitschrift „HNO Nachrichten“ 2016; 46 (4), © Springer Verlag

Probleme im Alltag bei Patienten mit Riechstörungen

Antje Hähner Ilona Croy

, Ärzte Woche 41/2016

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