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© Peter Endig / dpa
Der Griff zu glutenhaltigen Lebensmitteln sollte erst dann verpönt sein, wenn die Unverträglichkeit eindeutig bewiesen wurde.
 
Ernährung 24. Mai 2016

Gluten-Verzicht sollte sorgfältig abgewogen werden

Die Gluten-Diät birgt bei Gesunden mehr Nachteile als Vorteile.

Menschen sollten sich eine Gluten-Unverträglichkeit ärztlich bestätigen lassen, bevor sie prophylaktisch eine Gluten-freie Diät anstreben, denn diese ist für Gesunde nicht nur sinnlos, sondern unter Umständen auch ungesund.

Es ist durchaus bemerkenswert und beschäftigt Nahrungswissenschaftler und Allergologen gleichermaßen: Die Inzidenz der Autoimmunerkrankung Zöliakie stieg in den vergangenen Jahrzehnten deutlich an. Der Hintergrund dieser Zunahme ist teilweise unklar und teilweise umstritten. Naturgemäß gibt es daher keine kausale Therapie; man setzt in erster Linie auf den Verzicht glutenhaltiger Nahrungsmittel. Das ist nicht einfach, denn Gluten ist in Weizen, Roggen, Hafer und weiteren Getreidearten vorhanden, also wichtiger Bestandteil beliebter Lebensmittel wie Brot, Nudeln, Pizza oder paniertes Fleisch. Ein Umstand, der die Lebensmittelindustrie bewogen hat, deutlich teurere Alternativen am Markt feilzubieten.

Weniger Gluten, stattdessen mehr Kalorien

Im Journal of Pediatrics wurde nun ein Kommentar von Norelle R. Reilly über Fakten und Mythen der Gluten-Diät veröffentlicht. Darin wird kritisch hinterfragt, warum immer mehr Menschen vorsorglich auf diese Schonkost setzen, darunter viele Eltern, die ihren Sprösslingen ohne Not glutenfreies Essen servieren. Grundlage könnte, so Reilly, der (buchstäblich) schwerwiegende Irrtum sein, dass ein Gluten-Verzicht keine Auswirkungen habe. Leider falsch, vielmehr ist es so, dass gesunde Personen, die sich alternativ ernähren in Gefahr geraten, ihre potenziellen Ernährungsdefizite auszugleichen, indem sie sich verstärkt einer Kalorien- und Fetternährung verschreiben. Reilly beruhigt auch jene Eltern, die aufgrund genetischer Überlegungen ihren Kindern eine Gluten-freie Diät verordnen: Selbst im Falle von Zöliakie-Erkrankungen im engsten Verwandtschaftskreis trage der Nachwuchs nicht unbedingt ein erhöhtes Risiko für diese immunologische Entgleisung. Ein weiteres Missverständnis sei, dass Gluten giftig ist, dabei gibt es keine harten Daten, die diese Theorie untermauern. Reilly: „Eltern möchte ich mit auf den Weg geben, finanzielle, soziale und ernährungsbedingte Konsequenzen abzuwägen, bevor sie auf eine Gluten-freie Lebensweise setzen.“

Fazit: Wenige von der Krankheit betroffene Patienten profitieren von einer Diät und verbessern ihre Lebensqualität, jedoch existieren gegenwärtig keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass gesunde Menschen von dieser Ernährungsweise profitieren. Reillys Kommentar lässt eher den Schluss zu, dass die Gluten-Diät für Gesunde mehr Nachteile berge als Vorteile.

Originalpublikation: Norelle R. Reilly. The Gluten-free Diet: Recognizing Fact, Fiction, and Fad. j.jpeds 2016, DOI 10.1016

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 21/2016

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