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Diabetologie 20. November 2015

Es gibt kein einheitliches Behandlungskonzept für alle

Für jeden Patienten ist ein maßgeschneidertes Management aus Lebensstilmaßnahmen und Arzneimitteln festzulegen.

Immer noch erreichen nur etwa 50 Prozent der Diabetiker ihren Blutzuckerzielwert, warnen Experten. Die Ansätze zur Verbesserung der Situation sind vielfältig: Kooperationen zwischen Pharmaunternehmen, Projekte zur Verbesserung der Arzt-Patienten-Kommunikation, und nun erstmals auch ein Medikament, das die kardiovaskuläre Mortalität senken kann.

Derzeit leben rund 387 Millionen Menschen weltweit mit Diabetes, und bis zum Jahr 2035 soll diese Zahl auf 592 Millionen ansteigen. Die persönlichen gesundheitlichen und auch die finanziellen Kosten für die Allgemeinheit sind hoch, auch deswegen, da lediglich 50 Prozent der Patienten mit Typ-2-Diabetes ihre Blutzuckerzielwerte erreichen, warnen europäische und US-amerikanische Fachgesellschaften.

Wie ist am besten vorzugehen? Eines ist mittlerweile klar: Es gibt keine „eine für alle“ Behandlungsstrategie, für jeden Patienten ist ein maßgeschneidertes Management aus Lebensstilmaßnahmen sowie Arzneimitteln festzulegen. Um die Situation zu verbessern, haben sich nun auch zwei Pharmaunternehmen, Boehringer Ingelheim und Eli Lilly, zusammengeschlossen, um einer möglichst hohen Anzahl an Patienten neue Behandlungsoptionen näher zu bringen: im Früh- oder Spätstadium der Krankheit, jüngere und ältere Patienten, mit renalen oder kardiovaskulären Komorbiditäten.

IntroDiaTM-Schulungsprogramm

Als Teil der Kooperation unterstützen die beiden Unternehmen auch das IntroDiaTM-Schulungsprogramm, das Daten über die Kommunikation zwischen Arzt und Patient in der Frühphase der Erkrankung sammelt, und auf deren Basis Vorschläge zur Verbesserung liefert. Diese Informationen werden via Online-Fragebögen erhoben, die mittlerweile etwa 10.000 Diabetiker und mehr als 6.700 behandelnde Ärzte in 26 Ländern – auch in Österreich – beantwortet haben. Denn ein zentraler Faktor für den Behandlungserfolg ist die Compliance, die auch von der Kommunikation zwischen Arzt und Patient bestimmt wird. Wie am diesjährigen EASD-Kongress in Stockholm vorgestellte Daten zeigen, spielt besonders die ärztliche Aussage zu Diagnosestellung eine große Rolle: Eine unterstützende Aussage, die sich auf die Zusammenarbeit fokussiert, steigert nicht nur die Qualität der Arzt-Patient-Kommunikation, sondern verbessert auch die Behandlungsergebnisse und das Wohlbefinden des Patienten.

Medikamentöse Highlights

Gute Nachrichten gibt es von den medikamentösen Optionen zu berichten. Zunächst sorgt ein Diabetikum für Furore: Empagliflozin (Jardiance®), einem hochspezifischen Hemmer des Natrium-Glukose-Cotransporters 2 (SGLT 2-Hemmer). Dieser Wirkstoff ist überhaupt das erste Diabetesmedikament, welches das kardiovaskuläre Risiko in einer dafür ausgelegten, großen Endpunkt-Studie (EMPA-REG OUTCOME®) nachweislich gesenkt hat*, berichtet der wissenschaftliche Leiter der Untersuchung, Dr. Antony Zinman von der Universität Toronto1 aus Kanada.

Im Detail: Empagliflozin senkte bei Diabetes-Patienten mit makrovaskulärer Vorerkrankung im Vergleich zur Standardbehandlung das kombinierte Risiko von kardiovaskulär bedingtem Tod, nicht-tödlichen Myokardinfarkten oder nicht-tödlichen Schlaganfällen signifikant um 14 Prozent. Die kardiovaskuläre Mortalität konnte um 38 Prozent verringert werden. Auch das Risiko der Gesamtmortalität sowie das Risiko für Krankenhauseinweisungen aufgrund von Herzinsuffizienz konnten jeweils um 32 Prozent bzw. 35 Prozent verringert werden.

Spannende Studienergebnisse

„Das sind nicht nur neue, sondern auch sehr spannende Ergebnisse für Millionen von Diabetikern. Die Senkungen kardiovaskulärer Ereignisse – einschließlich der Todesfälle – steht schließlich im Mittelpunkt der Behandlung unserer Patienten“, kommentiert Zinman. „In dieser Studie konnten wir mit dieser medikamentösen Therapie einen von drei kardiovaskulär bedingten Todesfällen verhindern.“

EMPA-REG OUTCOME® ist eine multizentrische, randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Langzeitstudie, die mehr als 7.000 Patienten mit nicht optimalen Blutzuckerwerten aus 42 Ländern umschloss. Die Nachbeobachtung betrug 3,1 Jahre, die Patienten erhielten entweder Empagliflozin 10 mg oder 25 mg plus Standardtherapie oder Placebo plus Standardtherapie. Mehr als 97 Prozent der Patienten schlossen die Studie ab; das Verträglichkeitsprofil entsprach dem aus vorherigen Studien, die Inzidenz der diabetischen Ketoazidose war in allen Behandlungsgruppen ähnlich und lag bei unter 0,1 Prozent.

In einer weiteren Untersuchung führte Empagliflozin zudem zu einer anhaltenden Blutzuckerkontrolle über zwei Jahre und war signifikant besser als das Vergleichsmedikament Glimepirid in Bezug auf Senkung von Körpergewicht (durchschnittlich 3,26 kg versus 1,35) und Blutdruck (–3,4 mmHg versus –2,7)2. Das Risiko für Hypoglykämien war nicht erhöht und das Nebenwirkungsprofil akzeptabel. Sowohl Empagliflozin als auch die Kombination mit Metformin (Synjardy®) sind in flexiblen Dosierungen erhältlich.

Weitere Updates zu Wirkstoffen:

• Linagliptin ist der einzige DPP-4-Hemmer, der nicht primär über die Nieren ausgeschieden wird (5 % renale Ausscheidung); er ist daher auch für Patienten mit Niereninsuffizienz, langer Krankheitsdauer, höherem Alter, hohem kardiovaskulärem Risiko, Leberstörung oder in Kombination mit Insulin geeignet.

• Abasaglar (Insulin glargin) ist als Biosimilar laut einer Phase-III-Studien seinem Referenzarzneimittel Lantus® vergleichbar: ähnliche Ergebnisse waren bezüglich Blutzuckersenkung, Prozentsatz an Patienten, die ihr HbA1c-Ziel erreichten, Hypoglykämien und Nebenwirkungsprofil zu beobachten. Abasaglar ist daher u. a. in der EU und Japan zugelassen.

* Jardiance® ist nicht zugelassen zur Reduktion des kardiovaskulären Risikos.

Referenzen:

1 Zinman B, et al. Empagliflozin, Cardiovascular Outcomes, and Mortality in Type 2 Diabetes. New England Journal of Medicine 2015, epub ahead of print

2 Ridderstråle M et al, Comparison of empagliflozin and glimepiride as add-on to metformin in patients with type 2 diabetes: a 104-week randomised, active-controlled, double-blind, phase 3 trial. Lancet Diabetes Endocrinol 2014;2:691–700

Lydia Unger-Hunt, Ärzte Woche 47/2015

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