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© Mark J. Porubcansky / AP Photo/
Kontrollraum eines Tschernobyl-Reaktors, Juli 1986: Nach dem Unfall erschwerte die Geheimhaltung der Sowjetunion die Einschätzung der Lage. Mit der Kernschmelze in Fukushima 2011 gibt es ähnliche Probleme.
 
Onkologie 29. März 2016

Strahler 30 – das horrible Jubiläum

Die Folgen von Tschernobyl: Auch bei uns seien Schilddrüsenkrebsfälle auf die Reaktorkatastrophe zurückzuführen, sagt der britische Radiologe Ian Fairlie. Für Umweltmediziner Moshammer sind Fairlies Zahlen „plausibel“.

Zwischen acht und 40 Prozent der Fälle seien ursächlich mit der Reaktorkatastrophe von 1986 verbunden, sagt Dr. Fairlie. Großangelegte Untersuchungen fehlen allerdings, kritisieren die „Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“.

Etwas Erfreuliches zuerst: Freunde des Tuber aestivum können heuer unbesorgt mit ihren Trüffelhunden (Anm.: Trüffelschweine gibt es nicht mehr) durch den Wald streifen und sammeln. Die unter Feinschmeckern beliebte Burgundertrüffel weist keine gefährlichen Konzen- trationen an radioaktivem Cäsium-137 mehr auf. Darüber berichten, 30 Jahre nach dem Reaktorunglück in der Ukraine, deutsche und Schweizer Forscher im Fachmagazin Biogeosciences ( bit.ly/1U3xzzp ).

Aber sonst?

Die Auswirkungen des schwersten Atomunfalls der Geschichte sind noch nicht ausgestanden. Eine von Wiens Umweltstadträtin Dr. Ulrike Sima vor Kurzem präsentierte aktualisierte Untersuchung der gesundheitlichen Auswirkungen kommt zu dem Schluss, dass mit in Summe mindestens 40.000 tödlichen Krebserkrankungen weltweit zu rechnen sein wird. Der Atomsprecher Dr. Reinhard Uhrig von Global 2000: „Nach Weißrussland war Österreich mit 13 Prozent seiner Gesamtfläche weltweit am stärksten von der hohen Cäsium-Belastung (Anm.: mehr als 40.000 Zerfälle in der Sekunde pro Quadratmeter) vom Fallout in Tschernobyl betroffen, auch radioaktives Jod traf Österreich stark.“

Die Politikerin und der Umweltlobbyist berufen sich auf den britischen Radiologen Dr. Ian Fairlie, der seinen Bericht „The other report on Chernobyl“ im Auftrag der Umweltanwaltschaft auf den aktuellen Stand gebrach hat ( http://bit.ly/1LnYums ). Zu seinen weiteren Ergebnisse:

• 5 Millionen Menschen in Weißrussland, der Ukraine und Russland leben noch heute in radioaktiv hoch belasteten Regionen;

• 37 Prozent des Tschernobyl-Fallouts fielen auf Westeuropa, 42 Prozent der Fläche Westeuropas wurden mit mehr als 4.000 radioaktiven Zerfällen pro Quadratmeter kontaminiert (Österreich 83 %);

• 6.000 Schilddrüsenkrebsfälle wurden bislang diagnostiziert, weitere 16.000 werden erwartet;

• erhöhte Inzidenz von Leukämie, Herzkreislauferkrankungen und Blutkrebs registriert;

• erhöhte Fehlbildungsrate bei Neugeborenen, vermehrt psychische Störungen und Diabetes;

• Kinder in verseuchten Gebieten sind häufiger krank.

Die Ostregion Österreichs wurde in den Tagen nach dem 26. April 1986 stark von einer Wolke mit radioaktivem Jod getroffen, das sich in der Schilddrüse besonders von Kindern und Jugendlichen ablagert und dort Schilddrüsenkrebs verursachen kann. Die Auswirkungen zeigen sich laut Fairlie genauso deutlich wie in anderen betroffenen Regionen. Seine vorsichtige Schätzung: Acht bis 40 Prozent der erhöhten Schilddrüsenkrebsfälle in Österreich nach 1990 sind wahrscheinlich von Tschernobyl verursacht.“

Um den Zusammenhang zwischen Atomunfällen und Schilddrüsenkrebs eindeutig herstellen zu können, bräuchte es weitere Untersuchungen, so Uhrig. Die Vorsicht hat möglicherweise seine Ursache in Fairlies Recherchen bei heimischen Experten. Menschen wie den Umweltmediziner PD Dr. Hanns Moshammer, den der Brite im Vorfeld konsultiert hat. Moshammer findet Fairlies Berechnungen zur Epidemiologie plausibel, wenn auch „ein bisschen zu großzügig“ (siehe Interview unten).

Nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 habe es vor allem wegen der Geheimhaltung der Sowjetunion kein umfassendes Bild von dem Atomunfall und seinen Folgen gegeben, sagt Dr. Alex Rosen, der stv. Vorsitzende der Organisation „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“. Und weiter: „Aber auch jetzt in Japan sehen wir, dass es große Interessen gibt, nicht angemessen und seriös zu untersuchen. Die in Japan einflussreiche Atomlobby und die Atomwirtschaft haben daran kein Interesse“, sagt Rosen. „Um die Folgen einer Atomkatastrophe abschätzen zu können, braucht man große epidemiologische Studien“, er bezieht sich auf den Atomunfall von Fukushima.

In Fukushima war infolge eines schweren Erdbebens und eines Tsunamis am 11. März 2011 das Kühlsystem ausgefallen, woraufhin es in mehreren Reaktoren zur Kernschmelze kam.

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