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PD Dr. Fahmy Aboulenein-Djamshidianist Facharzt für Neurologie in Wien. Fahmy AboulEnein-Djamshidian
 
Praxis 15. Februar 2016

Frauenarzt fühlt sich benachteiligt

Einen Wunsch nach mehr Gynäkologinnen mag es geben, wissenschaftlich belegt ist er nicht.

Wollen Frauen lieber von Ärztinnen als von Ärzten gynäkologisch untersucht werden? Das VfGH Erkenntnis V54/2014 unter der Lupe.

Der Sachverhalt in aller Kürze: Ein Gynäkologe aus Salzburg klagt, weil er sich durch die Reihungskriterien-Verordnung des Bundesministers für Gesundheit und Soziales sachlich nicht gerechtfertigt und eben nur aufgrund seines männlichen Geschlechts benachteiligt sieht. Die Reihungskriterien-Verordnung sieht einen Punktevorsprung von 10 Prozent der zu erreichenden Gesamtpunktezahl für Mitbewerberinnen um eine Kassenvertragsstelle als Fachärztin für Gynäkologie vor, und zwar konkret für die durch das weibliche Geschlecht zusätzlich vermittelbare besondere Vertrauenswürdigkeit (Abs 2 Z1 der Reihungskriterien-Verordnung). Kurzum, Gynäkologinnen bekommen aufgrund ihres weiblichen Geschlechts und der damit verbundenen zusätzlich vermittelbaren besonderen Vertrauenswürdigkeit einen Punktevorsprung von 10 Prozent, das sind 7,5 Punkte, gegenüber ihren männlichen Mitbewerbern. Die Ratio dahinter ist ganz klar, den Anteil von niedergelassenen Kassenvertragsfachärztinnen für Gynäkologie zu erhöhen, um den krankenkassenpflichtversicherten Patientinnen zu ermöglichen, auch eine Kassenleistung bei einer Gynäkologin wahrnehmen zu können.

Das Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs (VfGH) stieß auf Unverständnis. Nicht wegen dem an sich verständlichen Versuch als „Behüter der österreichischen Verfassung“‚ und als „moralische Autorität“‚ kraft Gesetzes gesellschaftspolitisch im Sinne der Gleichstellung von Mann und Frau zu agieren, sondern aufgrund der 16 Seiten langen Begründung des Erkenntnis. Kurz und überspitzt formuliert: der VfGH kommt aus objektiven Gründen zu dem Schluss, dass „Frauen lieber von Ärztinnen als von Ärzten gynäkologisch untersucht werden wollen und demnach die Benachteiligung von Bewerbern um eine Kassenstelle gerechtfertigt sei“.

Ein Blick auf die Begründung des VfGH Erkenntnis zeigt aber, dass die Basis der wissenschaftlichen Begründung ein Meinungsartikel ist, der eben wie die Natur von Meinungsartikeln ist, die sehr spezielle Meinung seiner beiden Autorinnen – zwei Gynäkologinnen – wiedergibt und eben keine wissenschaftliche Originalarbeit und Studie und auch keinen „peer review“-Prozess passieren musste. Außerdem – dies ist bei jeder weiteren Betrachtung des Erkenntnis wesentlich – haben die Autorinnen den Inhalt der von ihnen zitierten „peer reviewed“–Artikel unrichtig wiedergegeben bzw. fehlzitiert.

Nur um ein Zitat herauszugreifen: Die beiden Autorinnen schrieben unter anderem: „[…] Es war kein wesentlicher Unterschied in den Prozentzahler der Geburtshelfer und den Gynäkologen zu verzeichnen. […].“ Das liest sich dies bereits im Abstrakt der Originalarbeit von Plunket et al (American Journal of Obstetrics & Gynecology, 2002) anders: „[…] For most women, physician gender is not of primary importance in the selection of an obstetrician or gynecologist.“ Ähnlich hatte bereits Kläger vor dem LG Salzburg argumentiert.Die zitierten Arbeiten legen nahe, dass die Frage, ob „Frauen lieber von Ärztinnen als von Ärzten gynäkologisch untersucht werden wollen“ nur sehr schwierig, wenn überhaupt wissenschaftlich zu beantworten sein wird. Warum beispielsweise eine Quotenregelung oder aber auch regelmäßige Mitgliederbefragungen von den versicherten Patientinnen keine Option sein sollten, um dieses Dilemma zu lösen, muss unklar bleiben.

Fahmy Aboulenein-Djamshidian, Ärzte Woche 7/2016

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