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Abb. 2: Mit welchem Arzt möchten Sie gerne sprechen? Die Ärzte in a und b vermitteln die richtige Dosis von Freundlichkeit und Authentizität.
© (3) Springer-Verlag

Abb. 3: Verschiedene Gesten der Hände. a lockere Hände vor dem Bauch bedeuten Entspannung, b „Gartenzaun“ signalisiert Abwehrhaltung, c Nervosität zeigt sich an den Händen: Spiel mit dem Ringfinger signalisiert hohe emotionale Involviertheit.

 
Allgemeinmedizin 25. Jänner 2016

Sprachlos überzeugen

Serie: Die Kunst der Kommunikation, Teil 1

Die Worte, die wir sagen und die Bedeutung, die wir ihnen beimessen, vermitteln nur einen geringen Anteil unserer Botschaft. Um das Gesprochene zu entschlüsseln, ist es entscheidend, welche Auskünfte unsere Körpersprache erteilt.

Körpersprache entsteht immer aus einem komplexen Zusammenspiel mehrerer Faktoren, wie Mimik, Gestik und Haltung beim Gehen, Stehen oder eben auch beim Sitzen (s. Abb. 1). Fokussieren wir uns aber auf die Interpretation einzelner Details, werden wir in die Irre geleitet beziehungsweise riskieren Fehlinterpretationen; jede Gebärde ist prinzipiell mehrdeutig, zudem spielen kulturelle Unterschiede eine nicht zu unterschätzende Rolle. Unser Körper setzt in eine ganz eigene Sprache um:

• was in unserem Denken vorherrscht,

• welche Energie in uns gerade herrscht,

• welche Ängste uns regieren,

• welche Gefühle wir ausdrücken wollen.

Wichtig ist schließlich, das augenblickliche Umfeld zu berücksichtigen: In Abhängigkeit von der jeweiligen Situation kann das Verschränken der Arme bedeuten „Ich höre gerne zu“ oder aber auch „Jetzt ist genug geredet“, „Ich möchte gern reden“ oder „Ich möchte gar nichts mehr hören“. Kein Mensch kann Körpersprache objektiv bewerten, sie ist stets abhängig von den subjektiven Bewertungssystemen des Betrachters. Die Interpretation von Körpersprache sollte deshalb vorsichtig erfolgen.

Kleidung als Türöffner

Die Wahl der Kleidung und der körpersprachliche Auftritt des Arztes haben erhebliche Auswirkungen auf die Ergebnisse eines auf der Sachebene geführten Gesprächs. Beispielsweise wird der Arzt in seiner Funktion als Assistenzarzt, der den Patienten mit Anzug, Hemd und Krawatte statt dem üblichen weißen Kittel gegenübertritt, erst einmal mit Widerstand und Vorurteilen zu kämpfen haben, bis die Patienten sich auf seine Worte und deren Inhalt einlassen können.

Je unkonventioneller und „schräger“ Sie körpersprachlich auftreten, umso größere verbale Anstrengungen müssen Sie später vollführen. Wird der Auftritt des Arztes körpersprachlich als unpassend empfunden, startet er bei seinem Gespräch bereits mit einem Rückstand, den er erst durch den Einsatz enormer Energien bei der Gesprächsführung wieder wettmachen kann.

Botschaft der Körperhaltung

Körperhaltung ist ein Zusammenspiel von Mimik und Gestik sowie der Stimme. Schon an der Körperhaltung ist in der Regel erkennbar, in welchem emotionalen Zustand sich eine Person befindet. Bei einem Gespräch sendet eine angespannte Körperhaltung negative Signale an die Patienten, da sie den Eindruck gewinnen müssen, der Arzt sei mit der schwierigen Situation überfordert. Treten sie einem Arzt gegenüber, der müde und antriebslos wirkt, der mit erschlaffter Muskulatur hinter seinem Schreibtisch sitzt, so fällen sie wahrscheinlich das Urteil, dieser Arzt bringe ihnen neben Gleichgültigkeit nichts auf.

In einer anderen Situation kann aber eine solch „unterspannte“ Haltung auch Gelassenheit und Souveränität vermitteln. Befindet sich der Körper nämlich in einer entspannten und dennoch aufmerksamen Haltung, so vermittelt der Arzt im Gespräch Ausdauer, Leistungsfähigkeit, Gesamtüberblick und nicht zuletzt Besonnenheit. Wer sich gut und stark fühlt, steht aufrecht und offen da — und signalisiert dem Gegenüber Aufgeschlossenheit und Souveränität.

Mimik

Die Mimik hat mehrere Funktionen. In erster Linie signalisiert sie Emotionen wie Verärgerung, Zustimmung, Wut und Angst. Auch Ablehnung und Überraschung werden mimisch und körpersprachlich signalisiert. Eine andere Funktion besteht darin, durch gezielte Mimik Gespräche zu steuern, so etwa durch Stirnrunzeln, Augenbrauen hochziehen, Augen aufreißen und Lächeln. Wichtigste mimische Signalgeber sind Ausdruck der Augen sowie Stellung von Mund und Lippen (s. Abb. 2).

Als Säugling erkunden wir über Mund und Lippen die Welt und geben mimische Signale an unsere Umwelt. Die Entspannung eines Elternteils während des stationären Aufenthalts zeigt sich auch in der Gesichtsmuskulatur und an den Lippen. Sind die Lippen zusammengekniffen oder ein wenig geöffnet? Werden die Auskünfte des Arztes von einem aufrichtigen Lächeln oder heruntergezogenen Mundwinkeln begleitet? Ein nicht inszeniertes Lächeln zeichnet sich durch das Mitlachen der Augen aus und ist intensiver als das künstliche Lächeln, bei dem die Augen nicht involviert sind und die Mimik des Gesichtes eher unbeweglich ist.

Zusammengekniffene Lippen signalisieren immer Skepsis und Abwehr — so wie beim Säugling, der den Brei nicht essen will, weil er ihm nicht schmeckt. Die einzige Chance des Säuglings, seine Verweigerung zum Ausdruck zu bringen, besteht darin, den Mund fest und ausdauernd geschlossen zu halten. Ist der Mund jedoch geöffnet, signalisiert der Säugling zugleich Erstaunen, Interesse und den Wunsch, etwas Neues zu erkunden — er bekundet damit im wörtlichen wie übertragenen Sinne „Offenheit“!

Augenkontakt und Gestik

Eine besondere Rolle in der Kommunikation spielt der Augenkontakt. Im westlichen Kulturkreis glauben wir, dass die Augen der Spiegel der Seele sind. Ein stabiler Augenkontakt bedeutet, dass wir mit unserem Gesprächspartner Kontakt aufnehmen, wir keine Angst vor dem Gespräch haben und uns auch nicht „unsichtbar“ machen wollen. Mimik und Augenausdruck begleiten unser Denken und unser Fühlen unentwegt, sowohl beim Sprechen als auch beim Zuhören. Passen Mimik und Wortinhalt nicht zusammen, so messen wir dem körperlichen Ausdruck mehr Gewicht bei als den Worten. Körpersprache, Mimik und Augenausdruck verraten unsere Intentionen — das Gesagte bleibt ungehört.

Verbale Botschaften werden gestisch begleitet. Gestik erleichtert die Kommunikation zwischen Sender und Empfänger, unterstreicht die Signale und Botschaften des Senders. Während der Patient über sein Krankheitsbild spricht, bemerkt er unbewusst, was der Arzt durch Gesten über seine innere Haltung preisgibt: Ist er hektisch oder besonnen, steht er hinter seinen Aussagen?

Der Einsatz von Gestik kann den sprachlichen Nachdruck verbessern; die Chance auf Verständlichkeit des Arztgesprächs erhöht sich. In der Regel werden Gesten über die Hände vermittelt. Beachten Sie die Hände Ihres Gesprächspartners, sie sind wirklich aufschlussreich: Sie sagen sehr viel über die Emotionen und Gedanken des Gegenübers aus. Anspannung und Verunsicherung führen in der Regel zu einer reduzierten Gestik. Gesten können situative Spannungen sowohl reduzieren als auch steigern (s. Abb. 3).

Patienten, die gefragt wurden, was sie im Arzt-Patient-Gespräch als Störquellen auf nonverbaler Ebene empfanden, beklagten das Fehlen von Blickkontakt, zustimmendem Nicken und/oder Gestik und störten sich daran, wenn der Arzt während des Gesprächs in seinen Computer tippte.

Nonverbale Signale bestimmen wesentlich die Aufnahme des Inhalts unserer Sprachbotschaften. Gleichzeitig ist es jedoch äußerst schwierig, unser nichtsprachliches Verhalten gezielt einzusetzen, denn:

• wir senden und empfangen gleichzeitig auf vielen Kanälen, wie etwa Mimik, Gestik und Körperhaltung,

• der Empfang einer Aussage ergibt sich immer aus dem Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Signale,

• die Bedeutung der einzelnen Signale wird erst in der Situation, in der sie entstehen, analysierbar.

Der Versuch, bewusst einen bestimmten Eindruck zu vermitteln, kann nur gelingen, wenn dieser tatsächlich unserer inneren Haltung entspricht. Versuchen wir, einen unserer Haltung widersprechenden Eindruck zu vermitteln, wird unser Verhalten schnell als unecht und nicht authentisch decodiert.

Der beste Ansatzpunkt, die nonverbale Seite des Gesprächs überzeugend zu gestalten, liegt darin, uns zunächst für die zahlreichen nichtsprachlichen Signale unseres Gegenübers zu sensibilisieren. Erklärt ein Arzt einer Mutter zum Beispiel gerade, warum angesichts der Krampfanfälle ihres Sohnes eine antikonvulsive Schutzmedikation dringend notwendig ist, sollte er gleichzeitig in der Lage sein körpersprachlich einzuschätzen, ob sie mit diesem Therapievorschlag einverstanden sein wird.

Gerade Ärzte, die mit Kindern zu tun haben, haben eine gute Chance, sich Kenntnisse über die Körpersprache zu erarbeiten, denn Kinder senden wunderbare und interessante Sprachbotschaften. Daneben sollte sich der Arzt aber auch bewusst machen, dass im Gespräch mit den Eltern für den Erfolg seine eigene Körpersprache genauso bedeutsam ist wie der Inhalt seiner Formulierungen. Wer die Rolle eines „Halbgotts in Weiß“ spielt, darf sich nicht wundern, wenn seine noch so wohlgewählten Worte am Schutzschild der Eltern abprallen.

Erst wenn Sprache und Körpersprache übereinstimmen, ist davon auszugehen, dass die Sprachbotschaft die Patienten authentisch und glaubwürdig erreicht. Aufgabe des Arztes ist es, sich seine Körpersprache bewusst zu machen und diese zu kontrollieren. Allerdings nicht um den Preis des Verlustes von Natürlichkeit und Authentizität.

Wichtig ist es, den Zusammenhang zwischen gesprochenem Wort und nonverbaler Äußerung herzustellen — bei sich und beim Gegenüber. Ein Lächeln, ein mitfühlender Blick, eine wohlwollende Geste der Hände können innerhalb kürzester Zeit bei den Eltern Geborgenheit und Akzeptanz erzeugen. Der Arzt ist der Wissende, von dem man nicht nur fachliche Hilfe, sondern ebenso Verständnis und Einfühlung erwartet.

Prof. Dr. Wolfgang Kölfen leitet am Elisabeth-Krankenhaus Rheydt in Mönchengladbach das Zentrum für Kinder- & Jugendmedizin.

Literatur

Ärztliche Gespräche, die wirken

Wolfgang Kölfen,

Springer Verlag 2013, 344 S., Softcover 35,97 €

ISBN 978-3-642-40470-2

eBook 29,99 €

ISBN 978-3-642-40471-9

Der Handwerkskasten für die ärztliche Gesprächsführung mit Eltern und Kind: Von der Körpersprache bis zu Fragetechniken und Überbringen schlechter Nachrichten.

Faktoren der Körpersprache

Wolfgang Kölfen, Ärzte Woche 4/2016

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