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Lange Arbeitszeiten und viel Bürokratie vermiesen Klinikärzten den Spaß am Beruf.

 
Praxis 18. Jänner 2016

Hart aber herzlich

Jeder zweite Arzt weint gelegentlich am Arbeitsplatz, jeder vierte sogar vor Patienten.

Ist es angebracht, dass ein Arzt im Patientengespräch weint, wenn die Emotionen zu stark sind? In einer Online-Umfrage haben Leser der deutschen Ärzte Zeitung auf die Frage „Dürfen Ärzte vor Patienten weinen?“ geantwortet.

Weniger als ein Viertel der Leser meint, Ärzte müssten im Kontakt mit ihren Patienten ihre Emotionen stets im Griff haben. Dass Weinen vor Patienten nicht passieren sollte, meinen knapp 23 Prozent in der Umfrage. Fast die Hälfte ist der Auffassung, Ärzte sollten sich um Haltung bemühen, zeigen aber Verständnis für Emotionalität.

Hintergrund war eine holländische Studie unter Ärzten mit dem Ergebnis, dass knapp die Hälfte von ihnen am Arbeitsarbeitsplatz Tränen vergossen haben, ein Viertel sogar vor Patienten. Frauen reagierten dabei emotionaler als Männer. Auch fachspezifisch zeigten sich Unterschiede. Besonders cool sind männliche Chirurgen und Hausärzte.

Die meisten der befragten Ärzte in den Niederlanden sehen solche emotionalen Reaktionen nicht als Schwäche und halten sie auch nicht für unprofessionell — sie haben Verständnis dafür, dass starke Emotionen zu Tränen führen können.

Als akzeptable Gründe gelten das Leid der Patienten oder eine Situation beim Patienten, die sie an persönliche Erlebnisse erinnert. Dagegen werden Tränen vor Patienten aufgrund persönlicher Umstände oder Probleme bei der Arbeit als inakzeptabel betrachtet.

Wenn von Emotionen im Praxisalltag die Rede ist, sind üblicherweise jene der Patienten gemeint, wie man auch aus dem folgenden Text herauslesen kann: „Gefühle – sind wir den Emotionen ausgeliefert? Ignorieren geht gar nicht – so müssen wir auf die Emotionen der Patienten „irgendwie“reagieren: Im besten Fall erkennen wir eine Melodie, fragen uns nach dem Dahinterliegenden, nehmen die Töne wahr und suchen nach passenden Antworten; manchmal nehmen wir die Töne auf, wiederholen sie und improvisieren damit ähnlich wie es Jazzmusiker tun, oder wagen sogar einen „Tanz“. Psychosomatisches Denken, Fühlen und Handeln sind unserem täglichen Tun selbstverständlich geworden, MUPS (medically unexplained physical symptoms) sind Praxisalltag.“ Das Zitat stammt von Dr. Bernhard Panhofer Präsident der Gesellschaft für Psychosomatik und Psychotherapie in der Allgemein- medizin.

Ganz normale Menschen

Aber was geht in dem Arzt vor, der einem Patienten die Krebs-Diagnose mitteilen muss. Die Wissenschaft spricht von Gefühlsansteckung (social referencing), damit ist gemeint, dass Gefühle und Affekte unbewusst übernommen werden, und zwar ohne von Einsicht kontrolliert zu sein. Dieses Phänomen ist gerade bei Helferberufen häufig. Der Arzt braucht Empathie, aber er braucht auch Abgrenzung. Er muss sich klar sein, wo seine Handlungskompetenz zu Ende ist. Nämlich dort, wo es um die Trauerarbeit des Patienten geht. Die kann ihm niemand abnehmen – auch nicht der Arzt, schreibt das ärztemagazin. Was nicht bedeute, dass Mediziner keine Gefühle zeigen dürfen: Ein Arzt, der weint, wenn ein Patient, zu dem er eine lange Beziehung hatte, stirbt, sei eben ein ganz normaler Mensch.

 

ÄZ/ÖGPAM/RM, Ärzte Woche 3/2016

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