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Praxis 1. März 2016

Darf man Patienten googeln?

Ja, wenn Gefahr droht oder wenn der Arzt das Gefühl hat, dass der Patient ihn anlügt.

Das Internet ist voller Informationen. Doch untergräbt es das Arzt-Patienten-Verhältnis, wenn Mediziner gezielt ihre Patienten googeln? Und wie rechtfertigen die ihre Suche im Web? Eine Studie unter 207 Psychotherapeuten sucht nach Antworten.

Dass sich Patienten vor einer Therapie im Internet über ihren Arzt oder Psychotherapeuten informieren, ist bekannt. Ist die Website der Praxis oder die Leistung in einem Arztbewertungsportal doch ein beliebtes Marketinginstrument. Dass die Patienten bei der Recherche im Internet auch auf private Informationen über den Arzt stoßen können, ist ebenfalls nicht neu. Doch wie häufig drehen Mediziner den Spieß um und durchforsten das Netz ganz gezielt nach privaten Informationen ihrer Patienten?

Forscher der Universität Wien haben hierzu 207 österreichische und deutsche Psychotherapeuten befragt. Dabei zeigte sich: Rund 40 Prozent haben schon einmal Patienten gegoogelt. 39 Prozent kennen zudem Kollegen, die dies tun. Die Online-Umfrage der Forscher ( http://bit.ly/1Lc3lXA ) ist zwar nicht-repräsentativ, sie vermittelt aber einen guten Eindruck darüber, wie Mediziner mit den neuen Medien umgehen. 85 Prozent der teilnehmenden Psychotherapeuten nutzen das Internet ohnehin täglich für berufliche Zwecke. Diejenigen, die ihre Patienten googeln, tun dies im Schnitt bei 5,8 Fällen. Drei Viertel, ohne sich vorher die Erlaubnis zum Datensammeln im Web bei den Patienten eingeholt zu haben. Ein Fünftel hat diese Erlaubnis. Nur vier Prozent führen die Internet-Recherche gemeinsam mit dem Patienten durch.

Interessant ist auch, dass von den 60 Prozent der befragten Psychotherapeuten, die ihre Patienten noch nicht gegoogelt haben, lediglich rund 13 Prozent dies damit begründen, dass die Patienten wohl nicht damit einverstanden wären.

Aber: 37 Prozent haben immerhin ethische Zweifel an der Web-Recherche. Ein Drittel vertraut den Informationen im Internet schlicht nicht. 23 Prozent wollen aber auch keine Extra-Arbeit leisten, die mit der Web-Recherche zwangsläufig anfallen würde. Wie auch immer die Ärzte sich selbst verhalten, die Forscher wollten von ihnen wissen, welche Gründe das Googeln eines Patienten rechtfertigen könnte. Für über ein Drittel bleibt die Web-Recherche unvorstellbar.

Zwei Drittel der teilnehmenden Psychotherapeuten finden aber durchaus, dass es mitunter bestimmte Situationen gibt, die trotz des sensiblen Arzt-Patienten-Verhältnisses ein solches Vorgehen erlauben oder gar anzeigen.

Für 13 Prozent ist dies der Fall, wenn Gefahr droht: für den Therapeuten, den Patienten oder andere. So beschreibt ein Umfrageteilnehmer sehr deutlich eine solche Situation mit einem selbstmordgefährdeten Patienten. Da der dringende Verdacht bestanden hätte, dass der Patient sich mit einer Schusswaffe selbst töten wolle, habe er im Internet geprüft, ob der Patient etwa Mitglied in einem Waffenverein ist und Zugang zu Schusswaffen hat. Rund zehn Prozent der befragten Therapeuten konsultieren das Internet außerdem, wenn sie das Gefühl haben, dass der Patient lügt. Einige nutzen das Internet generell, um die Anamnese zu vervollständigen. Nur eine Minderheit googelt Patienten aus reiner Neugier. Ein Drittel der Psychotherapeuten mussten aber auch zugeben, dass sie im Internet keine brauchbaren Informationen über die Patienten gefunden hatten.

springermedizin.de, Ärzte Woche 9/2016

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