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Buchtipp

Apotheker im Kriegseinsatz: So mancher Pharmazeut musste auch ärztliche Tätigkeiten übernehmen.

 
Apotheker 21. August 2014

Pillendreher im Feld

Wie Militärapotheker im Ersten Weltkrieg die Aufgaben mit mangelhafter Ausrüstung zu meistern versuchten.

Die pharmazeutische Industrie war auf einen Krieg nicht vorbereitet. Das trifft auch auf die Militärapotheker zu, die eine Sonderstellung einnahmen. Zu Kriegsbeginn verfügte die k. u. k. Armee über 112 aktive, hoch qualifizierte Militärapotheker, eine kleine, aber in Friedenszeiten ausreichende Anzahl. Das änderte sich mit dem „Großen Krieg“: Bis 1918 wurden rund 3.000 Pharmazeuten einberufen. Sie mussten sich mit wenig Mitteln den Gräueln des Krieges stellen und damit fertig werden.

Den Militärapothekern oblag während des Ersten Weltkrieges die Ausstattung der Felddepots und Feldapotheken mit Arzneien, Verbandstoffen, chirurgischen Bestecken und anderem Operationsmaterial. Gleichzeitig wurde die Versorgung mit Scheren, Nadeln und Spritzen immer wichtiger. In Anbetracht der überlasteten Ärzte mussten auch die Apotheker bei der Versorgung der Verwundeten Hand anlegen. Nicht alle wurden damit fertig. Bekannt ist die Geschichte von Georg Trakl, der als sogenannter Medikamentenakzessist nach der Schlacht bei Grodek mit Kriegsgräuel konfrontiert wurde und daraufhin mit Kokain Selbstmord beging.

Die oberste Priorität galt allerdings der Seuchenbekämpfung. Dazu verfügte jedes Armeekommando über eine sogenannte Salubritätskommission mit mobilen Laboratorien, die für die Einhaltung der Hygienestandards zuständig war. Neben Ärzten und Chemikern arbeiteten hier auch Pharmazeuten mit. Trinkwasser war ein ständiges Problem, insbesondere im Karst.

Pharmazeuten waren auch in den Apotheken der Lazarettzüge und Lazarettschiffe anzutreffen. Im Lauf des Krieges erwiesen sich die organisatorischen und logistischen Fähigkeiten der Apotheker zumindest genauso wichtig wie ihre pharmazeutischen.

Arzneien waren zeitgemäß, jedoch Mangelware

Als Arzneimittel waren in oraler Form u.a. Kodein, Morphin, Pantopon, Veronal, Kalomel, Sublimat, Urotropin oder Neosalvarsan, das gegen Syphilis oder Malaria eingesetzt wurde, verfügbar. Atropinampullen zählten beispielsweise als rasch wirksames Spasmolytikum, etwa bei Krämpfen infolge Giftgaswirkung, zur medizinischen Standardausstattung. Bei den Sappeur-Spezialbataillonen fand die zweiprozentige Solutio Cocaini hydrochlorici breiten Eingang bei chirurgischen Eingriffen im HNO-Bereich.

Neben Atropin, Kokain und Pilokarpin kamen als Ophtalmika insbesondere Zink-, Silber- und Kupfer-haltige Zubereitungen zum Einsatz, ebenso wie die dreiprozentige Cusylolaugensalbe, sowie ein- bis zweiprozentige Kollargol- bzw. Protargol-Augentropfen bei den Trachombataillonen. Bei den topischen Zubereitungen fanden sich sehr häufig schwefel- und quecksilberhältige Bestandteile sowie das bewährte Ichthyol. Für das Alpindepot in Bozen wurden beispielsweise spezielle, fünfprozentige Chinin-Bleichcremen als UV-Schutz für die Hochgebirgstruppen angefertigt. Zu den wichtigsten Desinfektionsmitteln zählten Karbol, Kresol, Chlorkalk und Jodoform. In qualitativer Sicht entsprach die pharmazeutische Ausrüstung durchaus dem letzten Stand. Auch die in Italien 1917 und in Odessa 1918 erbeuteten Sanitätsvorräte zeigten, dass die Gegner qualitativ nicht besser ausgestattet waren. Allerdings konnte die Versorgung der k. u k. Armee mit dem Riesenbedarf nicht Schritt halten.

Pharmaindustrie nur rudimentär vorhanden

Seit 1794, der Geburtsstunde der Militärpharmazie, war die Militärmedikamentendirektion in Wien, Rennweg 12, für die zentrale pharmazeutische Versorgung der Armee des Habsburgerreiches zuständig und verfügte über eine eigene Verbandstofffabrik sowie über eigene Laboratorien mit rund 350 Personen, davon 40 bis 50 Apothekern (Stand 1918). Beliefert wurde sie von bewährten Großhändlern wie Röder-Raabe, Pezoldt-Süß oder Thallmeyer-Seitz. Dass die Donaumonarchie keine nennenswerte eigene chemisch-pharmazeutische Industrie etablieren konnte, rächte sich spätestens jetzt. Österreich-Ungarn war in diesem Bereich bis auf wenige Ausnahmen wie Chloroform und Quecksilber von Deutschland abhängig. Neben den begehrten Neosalvarsan- und Digipurat-Präparaten zeigte sich diese Abhängigkeit besonders bei Chinin, das für die k. u. k. Truppen am Balkan, aber auch in den Gebieten nördlich von Venedig unentbehrlich war. Chinin gelangte über holländische Firmen aus Java nach Deutschland, das nach einem von General Ludendorff festgelegten Verteilungsschlüssel wiederum seine Verbündeten belieferte. Die Pressung zu Tabletten erfolgte in der Militärmedikamentendirektion, wobei in Anbetracht der exorbitanten Mengen auch Privatfirmen herangezogen wurden. Chinin war bei den Soldaten wegen des bitteren Eigengeschmackes sehr unbeliebt und mussten daher noch dragiert werden. Aber auch das Osmanische Reich hatte etwas zu bieten: Opium. Durch den kriegsbedingten Wegfall der westeuropäischen Märkte kam es in Smyrna und Konstantinopel sogar zu einem Überangebot an Opium.

Der Mangel an Arzneimitteln sowie wichtiger Grundstoffe für deren Produktion wurde bald spürbar. Das galt für Kautschuk, Perubalsam, Fette, Öle etc. Auch Hilfsstoffe und Gefäße waren betroffen. Militär hatte in Kriegszeiten selbstverständlich Vorrang vor Zivil. So auch bei Karbol, das in erster Linie für die Munitionsherstellung und erst dann als Desinfektionsmittel in den Militärspitälern verwendet wurde. Für den zivilen Bereich blieb da nicht viel übrig. Am Mangel konnten auch Anbauversuche von Arzneipflanzen, u.a. auch in Kriegsgefangenenlagern, nichts ändern, zudem diese leidliche Ergebnisse zeigten. Wesentlich erfolgreicher verliefen die Bemühungen der Militärapotheker, bereits gebrauchte Verbandstoffe in einem Recyclingverfahren zu reinigen, zu sterilisieren und als Regenerat wieder zur Verfügung zu stellen. Verbandbaumwolle wurde durch Zellstoff ersetzt. Im zivilen Bereich sah es noch viel schlechter aus. Arzneimittel wurden erst bewirtschaftet, als die meisten ohnehin nicht mehr vorhanden waren. 1918 häuften sich die Fälle von Beraubungen von Arzneimitteltransporten, zu Kriegsende fand vor dem Hintergrund der Spanischen Grippe ein Wettlauf um die verbliebenen Sanitätsbestände statt.

Die Folgen des Krieges

Welche Folgen hatte der Erste Weltkrieg für die Pharmazie in Österreich? Erstens, in technischer Hinsicht, der industrielle Einbruch. In der Galenik setzten sich Fertigarzneimittel in Ampullen- und Tablettenform, die millionenfach produziert, einfacher gelagert und transportiert werden konnten, nun endgültig durch. Die Innovationen auf dem Gebiet der Arzneimittelforschung vollzogen sich hauptsächlich in Deutschland und betrafen neue Antimalariamittel (z. B. Chloroquin) und antibakterielle Stoffe (z. B Sulfonamide). Zweitens, in organisatorischer Hinsicht: Die staatliche Übernahme der Militärmedikamentendirektion, nun als zivile Österreichische Heilmittelstelle, zeigte die steigende Bedeutung eines öffentlichen Gesundheitswesens. Und drittens, in der Sozialstruktur: Von den rund 4.000 Apotheken der Donaumonarchie blieben nur 600 bei Österreich, wobei die Pharmazeutische Gehaltskasse ein standesinternes Ausgleichsystem – bis heute – gewährleistet. Im Sog des Ersten Weltkrieges vollzog sich auch die Reform des Pharmaziestudiums 1922. Und last, but not least: Die Pharmazie wird „weiblich“: Bereits 1916 überstieg der Frauenanteil an den österreichischen Universitäten innerhalb der Pharmazie die 50-Prozent-Marke, heute hält sie bei rund 80 Prozent.

MMag. Thomas Rehor ist Abteilungsleiter Rezeptverrechnung bei der Pharmazeutischen Gehaltskasse für Österreich.

Thomas Rehor, Ärzte Woche 29/34/2014

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