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Infektiologie 23. August 2016

Ein Super-Keim als Souvenir

Mikrobiologie. Drei von vier Touristen, die von Indien in die Schweiz zurückkehren, sind mit multiresistenten Erregern infiziert. Forscher haben einen Bakterienstamm isoliert, der ein Gen besitzt, mit dem die Erreger der einzigen noch wirksamen Antibiotika-Therapie widerstehen.

Die Ausbreitung von multiresistenten Bakterien stellt Gesundheitssysteme weltweit vor Herausforderungen, da die Therapiemöglichkeiten durch Antibiotika schwinden. Diese „Super-Keime“ können gravierende Infektionen hervorrufen und führen oft zu einem schweren und tödlichen Krankheitsverlauf. Bereits jetzt sterben nach Schätzungen pro Jahr weltweit 700.000 Menschen, weil Antibiotika bei ihnen wirkungslos geworden sind. Einzig mit dem Antibiotikum Colistin konnten solche Infektionen bislang noch behandelt werden.

Nun wurde aber im November 2015 in Stämmen der Bakterien Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae auch eine weitverbreitete Resistenz gegen Colistin entdeckt. Diese Bakterienstämme fanden sich in China im Darmtrakt von Menschen, Nutztieren sowie in Geflügelfleisch; mittlerweile sind sie auch in anderen Ländern aufgetaucht.

Die Colistin-Resistenz wird durch ein Gen verursacht, das mcr-1-Gen. Dieses Gen wird durch Plasmide weitergegeben – DNA-Moleküle in Bakterien – und kann sich deshalb ungehindert in verschiedenen Darmbakterien ausbreiten, auch in der natürlichen Darmflora von Mensch und Tier. Beim Menschen können E. coli Harnweginfektionen, Blutvergiftung und andere Infektionen auslösen, K. pneumoniae verursacht hauptsächlich Harn- und Atemweginfektionen.

Mikrobiologen am Institut für Infektionskrankheiten der Universität Bern haben nun erstmals die Bakterienpopulation im Darm von Reisenden untersucht, die von Indien in die Schweiz zurückkehrten. Sie fanden heraus, dass 76 Prozent der rückkehrenden Touristen mit multiresistenten Bakterienstämmen besiedelt waren. „Noch schwerwiegender ist, dass 11 Prozent der Reisenden in ihren Stuhlproben Colistin-resistente Stämme hatten, darunter auch solche, die das neue Plasmid-vermittelte mcr-1-Gen enthielten“, sagt Prof. Andrea Endimiani, Hauptautor der Studie. Die Ergebnisse wurden nun im Journal „Antimicrobial Agents and Chemotherapy“ publiziert.

Weitverbreitete Resistenz

Das mcr-1-Gen konnte bereits in mehreren Studien in Colistin-resistenten Darmbakterien von Menschen, Nutztieren, in der Nahrungskette und auch in der Umwelt isoliert werden. Die meisten dieser Studien hatten jedoch dafür vorgängig gesammelten Proben untersucht. „Wir wollten nun herausfinden, wie es mit der aktuellen Verbreitung dieses Gens in multiresistenten Darmbakterien aussieht“, sagt Endimiani. „Vor allem, weil bereits bekannt ist, dass rückkehrende Reisende sehr häufig mit Super-Keimen befallen sind.“

Endimiani und sein Team untersuchten Stuhlproben von 38 Personen aus der Schweiz vor und nach einer Indien-Reise im Jahr 2015. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Indien betrug 18 Tage. Die Studienteilnehmer besuchten häufig andere Länder in den zwölf Monaten vor ihrer Indien-Reise, litten dabei jedoch nie an Durchfall. Nach ihrer Rückkehr aus Indien hingegen litten 39 Prozent an Reise-Durchfall und zusätzlichen Symptomen. Antibiotika wurden keine eingenommen. Für die Forschenden überraschend war die hohe Rate entdeckter multiresistenter Darmbakterien: 76 Prozent der Reisenden kehrten mit Super-Keimen zurück. 11 Prozent davon trugen Stämme in sich, die gegen die letzte Antibiotika-Option, Colistin, resistent waren. Einer dieser Stömme besass auch das mcr-1-Gen, welches die Colistin-Resistenz in anderen Darmbakterien in Mensch und Tier fördern und ausbreiten kann. Molekulare Analysen ergaben, dass diese lebensgefährlichen Bakterien durch die Umwelt oder durch die Nahrungskette in Indien aufgenommen worden waren. Dabei besteht auch für gesunde Träger von Super-Keimen ein hohes Risiko, wenn sie zu einem späteren Zeitpunkt an Harnwegsinfektionen oder an einer Blutvergiftung erkranken, da diese Erreger dann schwer zu bekämpfen sind. „Die Ansteckung mit Colistin-resistenten Bakterien auf Reisen ist ein Phänomen, das wir sorgfältig beobachten müssen, um die Ausbreitung von solch unbehandelbaren Super-Keimen in der Schweiz zu verhindern – einem Land, das von diesem Problem noch relativ unberührt ist“, sagt Endimiani.

Universität Bern, Ärzte Woche 29/34/2016

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