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In heimischen Fluren lauert ein noch wenig erforschtes Bakterium.
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Bevor die Zecke Nahrung aufnimmt, spritzt sie durch ihren Stechrüssel ein Drüsensekret.

 
Infektiologie 11. März 2016

Erfolgreiche Kandidatensuche

Wiener Forscher diagnostizieren erstmals „Neoehrlichiose“ erstmals bei immungesunder Patientin.

Das intrazelluläre Bakterium „Candidatus Neoehrlichia“ kann, wie Borrelien, von Zecken übertragen werden. Rund 4,2 Prozent der heimischen Zecken sind mit diesem noch wenig erforschten Bakterium infiziert. Bisher konnte es aber ausschließlich bei Patienten mit einer Beeinträchtigung des Immunsystems – Leukämie, Rheuma oder nach Organ-Transplantation – als krankheitsauslösender Keim identifiziert werden.

„Die Tatsache, dass nun auch ein Fall einer Infektion einer ansonsten völlig gesunden Patientin beschrieben ist, verleiht dem Bakterium und dem Krankheitsbild der humanen Neoehrlichiose einen völlig neuen Charakter, da offenbar jeder Mensch, unabhängig von einer spezifischen Veranlagung, daran erkranken kann“, sagt Heimo Lagler von der Universitätsklinik für Innere Medizin I (Klinische Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin). Außerdem waren die klinische Abteilung für Mikrobiologie, die Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie und das Klinische Institut für Pathologie der MedUni Wien/AKH Wien beteiligt.

Entdeckt wurde das nicht kultivierbare intrazelluläre Bakterium mit Hilfe einer bakterienspezifischen Breitspektrum-Polymerase-Ketten-Reaktion (PCR), nachdem die Patientin wochenlang unter Fieberschüben, Gelenkschmerzen und Abgeschlagenheit gelitten hatte und zur Abklärung eines „Fiebers unbekannter Ursache“ ins Spital gekommen war. Diese bakterienspezifische PCR ist eine Labormethode zum Nachweis jeglicher bakterieller Erbinformation und kommt bei Verdacht auf eine bakterielle Infektion bei negativen herkömmlichen mikrobiologischen Nachweismethoden zum Einsatz.

Die MedUni Wien verfügt über eines der wenigen Labors in Österreich, in denen diese sowohl arbeits- als auch kostenintensive Methode verfügbar ist. „Damit konnten wir letztendlich im Plasma der Patientin Neoehrlichien-spezifische DNA nachweisen“, erläutert Lagler.

Da es bisher keine anerkannte Empfehlung zur Therapiedauer gibt, wurde die antimikrobielle Behandlung mittels regelmäßiger PCR-Messungen kontrolliert.

Nach einer Woche hoch dosierter Therapie mit dem Wirkstoff Doxycyclin war kein DNA-Signal mehr messbar, und die Patientin konnte beschwerdefrei nach Hause gehen.

Dieses diagnostische und therapeutische Vorgehen wurde nun in Emerging Infectious Diseases, dem Top-Journal der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention), veröffentlicht ( 1.usa.gov/1RCKJPZ ).

Der Wirkstoff Doxycyclin wird schon länger zur Behandlung der Borreliose eingesetzt, aber auch zur Therapie anderer Infekte, insbesondere solcher, die durch intrazelluläre Erreger bedingt sind.

Ob sich die junge Frau auf einer vorangegangenen Afrikareise oder in Österreich infiziert hat, ist nicht bekannt, ebenso wenig, ob das Bakterium ohne antimikrobielle Therapie chronische Krankheitsverläufe verursachen kann oder wie viele Menschen sich in Österreich, einem Hochrisikoland für Zeckenstiche, jährlich damit infizieren und wie viele davon auch tatsächlich erkranken.

„Angesichts der vorliegenden Daten zur Infektionsrate von Zecken in Österreich ist eine hohe Dunkelziffer an Erkrankungen durchaus realistisch“, sagt Lagler. Daher sei es nach einem Zeckenstich auch wichtig, eine Infektion durch das Bakterium Candidatus Neoehrlichia abklären zu lassen. Auch eine gemeinsame Übertragung mit Borrelien, den Verursachern der Lyme-Borreliose, ist prinzipiell denkbar.

Lagler: „Heimische Zecken könnten gleichzeitig mit beiden Bakterienarten infiziert sein und daher mit nur einem Stich beide Krankheiten übertragen. Das wäre aus therapeutischer Sicht wichtig, da die antimikrobielle Behandlung einer Borreliose im Frühstadium mit einem Beta-Laktam-Antibiotikum gegen die Neoehrlichiose mit großer Wahrscheinlichkeit unwirksam wäre.“

Noch intensivere interdisziplinäre Forschungen an der MedUni Wien bzw. im AKH Wien rund um die Neoehrlichiose sollen dazu beitragen, stabilere Daten zur Häufigkeit, Diagnostik und Therapie zu erlangen.

Das AKH verfügt über eine Borrelioseambulanz. Dr. Lagler auf die Frage, ob jetzt alle Borreliose-Patienten auf Neoehrlichiose gescreent werden sollten, schließlich ist dieses Verfahren weder einfach noch billig:

„Nein, das würde ich nicht. Wenn jemand Fieber mit unbekannter Ursache hat, dann schon. Die Breitspektrum-PCR ist ein Instrument, das man einsetzt, wenn man sonst keinen anderen Hinweis hat, klinisch und/oder laborchemisch aber eine bakterielle Infektion vermutet.Aber ich würde nicht alle Borreliose-Patienten darauf screenen.“

In unseren Breiten dauert die „Zecken-Hochsaison“, während der die „Mini-Vampire“ aktiv sind, von März bis Oktober.

Martin Burger, Ärzte Woche 10/2016

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