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Die Hanfpalme kommt in Wien wild vor.

 

 

(c) Umweltbundesamt

Dr. Franz Essl

 
Immunologie 12. September 2016

Das Ragweed erwirbt Heimatrecht

Entlang von Autobahnen und Gleisanlagen hat sich die Ambrosie mittlerweile tief ins Alpenvorland vorgearbeitet. Ausrotten lässt sie sich nicht mehr, sie gehört mittlerweile zum normalen Artenbestand und ist regional häufig.

Der Pollenwarndienst spricht von einem außergewöhnlichen Ragweed-Jahr, welche Faktoren begünstigen das Ragweed-Wachstum?

Essl: 2016 war bislang ein warmes und relativ feuchtes Jahr, im Vergleich zu den Jahren davor ohne ex-treme Hitze. Das sind gute Wachstumsbedingungen für Pflanzen mit höheren Feuchtigkeitsansprüchen. Ambrosia ist eine wärmeliebende Pflanze. Extreme Sommer-Trockenheit dämpft nicht nur das Wachstum von Kulturpflanzen wie Mais, sondern auch von Unkrautarten.

Die konkrete Pollenbelastung in einer Region hängt auch von der Zahl der Pollen ab, die im Einzugsbereich produziert werden und von den herrschenden Windverhältnissen. Im Osten Österreichs ist es ein wesentlicher Faktor, ob es eine größere Anzahl von Ost- oder Südostwinden gibt, weil aus Ungarn oder dem südosteuropäischen Raum hohe Pollenfrachten mitverweht werden.

Breitet sich Ragweed weiterhin so rasant aus wie in den vergangenen Jahren?

Essl: Der Ausbreitungsprozess ist immer noch recht dynamisch. Beispielsweise war die Art zur Jahrtausendwende im oberösterreichischen Alpenvorland noch eine Rarität, im vergangenen August habe ich sie innerhalb eines Tages an drei Stellen gesehen, ohne sie aktiv zu suchen. Die Standorte waren keine Straßenböschungen oder andere typische Ausbreitungskorridore, sondern Ackerraine. Das zeigt die immer mehr die kühleren Lagen im Westen Österreichs erreichende Ausbreitung an, über die schon länger besiedelten pannonischen Gebiete in Wien, im östlichen Niederösterreich und im Nordburgenland hinaus.

Vom Status gesehen – ist Ragweed in Einbürgerung begriffen oder auf dem Durchzug?

Essl: Nein, Ragweed ist eindeutig eingebürgert und kommt in einigen Regionen verbreitet vor (d. h.: Ragweed gehört mittlerweile zum normalen und stellenweise recht häufigen Pflanzenbestand Österreichs, Anm.). Sie kann dichte Bestände ausbilden, großflächig vor allem auf Eisenbahnanlagen, an Straßenrändern, an Autobahnen, in Unkrautgesellschaften von Mais- und Sonnenblumen-Kulturen.

Einen Alien-Forscher kann nichts mehr überraschen oder doch? Gibt es abseits von Ragweed neue Exoten in unserer Flora?

Essl: Mein persönliches Highlight ist die Hanfpalme, eine Topf- oder Kübelpflanze, die im Sommer oft raus gestellt wird. Die Chinesische Hanfpalme ist die winterhärteste Palme, die es gibt. In wintermilderen Regionen wie im Rheintal oder in Zürich wächst sie bereits im Freien. In Wintern, wie wir sie in den vergangenen zehn Jahre in Wien erlebt haben, kann man sie draußen lassen, -10 ºC hält sie aus. Im Vorjahr habe ich in Wien erstmals verwilderte Pflanzen gefunden (Fund noch unveröffentlicht, Anm.).

 

Franz Essl im Gespräch mit Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 37/2016

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