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Gesundheitspolitik 2. Jänner 2017

Jede Zeit hat ihre Ärzte

Generation Y. Ärztliche Berufsbilder – so wie wir sie heute kennen – werden in der Zukunft keinen Bestand mehr haben. Die Selbstständigkeit könnte auf der Strecke bleiben.

Auf unser Gesundheitswesen rollt eine gigantische Aufgabe heran: Die sogenannten „Babyboomer“ werden in den nächsten Jahren – altersbedingt – medizinische Leistungen in einem immer höheren Maße in Anspruch nehmen.

Diese „Mehrleistungen“ muss jemand erbringen: Die aktuell in den Ambulanzen und Kliniken beschäftigten Ärzte werden das zukünftig nicht mehr leisten können, da der medizinische Nachwuchs wegbricht. Hinzu kommt, dass der medizinische Fortschritt v. a. durch die immer weiter steigende Komplexität der zu bewältigenden Aufgaben zu einer Zunahme der Arbeitsbelastung führt. Die Folge ist der klare Ruf nach mehr Fachpersonal.

Es ist dabei unerheblich, ob die Rekrutierung aus der Folgegeneration oder von außen kommt – sie wird schlicht ohne eine Änderung der bisherigen Ausbildungsstrukturen in der erforderlichen Qualität nicht zu leisten sein. So zeigt sich, dass die unbestreitbar positive Entwicklung – nämlich die Steigerung des Anteils von berufstätigen Frauen nominell eine Erhöhung der Arztzahlen erbracht, aber nicht zur Steigerung der Präsenzzeit am Krankenbett geführt hat. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass die Ärztinnen Beruf und Familie koordinieren müssen und können. Eine reine Steigerung der Medizinerzahl kann aber schon deshalb nicht die richtige Antwort auf das Problem darstellen, da völlig unklar ist, was in ca. 25 Jahren mit diesem „Personalzuwachs“ passieren soll, wenn sich dann die Anzahl potenzieller Patienten mit über 65 Jahren wieder deutlich reduziert hat.

Über effektivere Strukturen im Gesundheitswesen nachdenken

Statt eine neue „Ärzteschwämme“ zu produzieren (oder über das Ausland zu generieren), sollte man dringend über effektivere Strukturen im Gesundheitswesen nachdenken, die uns helfen mit den vorhandenen Kräften Sinnvolleres und Besseres zu leisten. Gerade das erfordert aber ein höheres Maß an Flexibilität – sowohl auf der Seite der Etablierung neuer Strukturen – als auch auf der Seite der Ärzteschaft und des Nachwuchses, nämlich der Generation Y.

Neue Versorgungsstrukturen

Hinsichtlich der Flexibilität und Anpassungsfähigkeit des Gesundheitssystems dürfte eine große Hürde in Deutschland die fest verankerte und international einmalige Sektorengrenze zwischen „ambulant“ und „stationär“ sein. Diese potenziell ineffiziente und oft hinderliche Abgrenzung der beiden Säulen des Gesundheitswesens aufzulösen, erscheint mehr als schwierig. Zu unterschiedlich sind die Strukturen der beiden Vergütungssysteme und deren Finanzierungsgrundlagen.

Seit dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz im Jahre 2004 versucht die Politik eine Öffnung dieser Grenzen, vornehmlich indem zunächst die ambulante Versorgung für die Krankenhausträger geöffnet wurde, inzwischen aber auch zu Lasten der Kliniken, denen der medizinische Dienst mit immer schärferen Bandagen die Vergütung streitig macht. Dabei sollen Konstrukte der gemeinsamen Leistungserbringung wie die ASV (ambulante spezialfachärztliche Versorgung) Mediziner beider „Lager“ in eine gemeinsame Arena führen, in der sie von nun an spezielle Leistungen zum Wohle der Patienten in nie erreichter Qualität unter unbudgetierten Bedingungen gemeinsam erbringen sollen. Die ASV wird dabei nur der Einstieg sein, denn es ist davon auszugehen, dass sich dieser Trend in den nächsten Jahren weiter verstärkt: Ärztliche Berufsbilder – so wie wir sie heute kennen – werden in der Zukunft keinen Bestand mehr haben.

Dieser Trend wird verstärkt durch die Ambulantisierung in der Medizin, die wiederum die Veränderung der Versorgungslandschaft durch die Krankenhäuser (Krankenhauslandschaft) beschleunigt. Weniger Betten und zunehmend komplexere ambulante Versorgung bei gleichzeitig steigenden Standards, die in den Sektoren nicht unterschiedlich sein dürfen, tun ihr Übriges, die zukünftige Versorgungsrealität grundlegend zu verändern.

Der Wandel ist in vollem Gange

Der Wandel ist, so langsam er auch empfunden wird, bereits in vollem Gange. Zu guter Letzt werden auch die gestiegenen Qualitätsansprüche zu einer Diversifikation und Spezialisierung – auch in einem scheinbar „kleinen Fachgebiet“ wie der Urologie führen. Die logische Konsequenz ist eine Stärkung der Schnittstelle „ambulante/stationäre Versorgung“ – Krankenhäuser und Praxen werden sich zu gemeinsamen Versorgungsstrukturen zusammenwachsen. Der Gesetzgeber hat hierfür in weiser Voraussicht die Rahmenbedingungen längst geschaffen.

Das derzeitige Zauberwort der Gesundheitspolitiker heißt „Medizinisches Versorgungszentrum – MVZ“. Keine andere Struktur genießt zum jetzigen Zeitpunkt mehr rechtliche Förderung (als diese). Die im SGB V (Sozialgesetzbuch) hinterlegten Rechtsnormen überholen dabei zuweilen Arbeits- und Sozialgesetz – ja sogar das Steuerrecht und zuletzt sogar das Strafrecht (im Unwort „Antikorruptionsgesetz“ manifestiert) einander.

Die neue Arbeitswelt wird komplexer, auf der Strecke könnte die Selbstständigkeit bleiben, am Ende sogar der Verlust der Freiberuflichkeit drohen. Darunter könnte die Attraktivität des Arztberufs erheblich leiden, der mehr denn je im Wettbewerb mit anderen Berufsbildern steht. Mediziner, die nur der Ethik und des Ethos wegen „antreten“, die sich bis zur Selbstausbeutung hingeben, wird es kaum noch geben (wenn es sie je gegeben hat).

Vorangegangene Strukturen hatten darauf gebaut, dass diese ethische Verpflichtung das Pfund ist, mit dem man jenseits von Arbeitsrecht und Vernunft, wuchern konnte und das trotz Ausbeutung und bar jeder Wertschätzung sichergestellt hatte, dass eine Versorgung in einem maroden System funktionieren konnte.

Work-Life-Balance

Genau hier müssen alle Beteiligten innehalten und neben den strukturell notwendigen Modifikationen auch über die nachfolgenden Generationen nachdenken. Es erscheint in der Tat unwahrscheinlich, dass eine „Freiberuflichkeit“, wie sie derzeit teilweise noch gelebt wird, in Zukunft als erstrebenswert erachtet wird. Auch das in langen Jahren der entbehrungsreichen Ausbildung geprägte Bild der allumfassend ausgebildeten Chef- und Oberärzte, welche für die medizinische Karriere das soziale Umfeld vollständig vernachlässigt und ausgeblendet haben – taugt für kommende Generationen ganz sicher nicht als Vorbild.

Die Generation Y, aus der sich der medizinische Nachwuchs rekrutiert, hat sicher – und aus gutem Grund – anderes im Sinn. Unter der Generation Y werden Personen subsumiert, die nach dem Jahr 1985 geboren sind. Sie sind digital vernetzt, gut ausgebildet und haben eine klare Vorstellung von dem Begriff der „work-life-balance“. Das bedeutet, dass völlig unabhängig vom ergriffenen Beruf, dieser als „Job“ mit einer klar definierten Abgrenzung zum Privatleben empfunden, gelebt und gepflegt wird.

Diese Generation arbeitet gern und auch viel – solange es den eigenen Zielen dient und ohne sich ausbeuten zu lassen. Die derzeitige gesellschaftliche und politische Förderung von Familie und der Vereinbarung von Familie und Beruf lässt sie selbstbewusst diese Förderung auch durch den Ausbildungsbetrieb einfordern. Bei der zukünftigen Arbeitnehmerknappheit ist dieser Anspruch auch zunehmend durchsetzbar. Dabei treffen oft unterschiedliche Welten aufeinander: Nicht selten finden sich derzeit Chef- und Oberärzte im Amt, welche ihrerseits noch 36-h-Dienste abgeleistet haben, die ihre Weiterbildungsinhalte nicht vollständig im Rahmen der „offiziellen“ Weiterbildungszeit absolviert haben, oder niedergelassene Kollegen, deren wirtschaftliches Überleben an der reinen Selbstausbeutung hängt.

Für diese Generation von Medizinern ist z. B. das Wort „Elternzeit“ vollkommen fremd. Sie kennen noch eine Knappheit der Weiterbildungsstellen, Teilzeit als einen Begriff der Arbeitsverweigerung, Anstellung als die Aufgabe der Freiberuflichkeit und die Erlangung der „leitenden Position“ als eine erstrebenswerte Lebensaufgabe, für die auch der kulturüberschreitende Wechsel der Wohnstelle akzeptabel war.

Alte Zöpfe abschneiden

Diese Aufzählung lässt sich problemlos weiter ergänzen und birgt dann ein Konfliktpotenzial, wenn nicht auch von der Vor-Generation X, den Babyboomern, Zöpfe endlich abgeschnitten werden. Der Versuch, die Folgegeneration zu ändern und ihr den Stempel der Vor-Generation aufzudrücken muss – und sollte – scheitern. Wir würden nach wie vor mit der Keule durch die Lande ziehen, hätte nicht die nachfolgende Generation etwas Anderes gemacht und gelebt als die jeweilige Generation davor.

Ausblick

Ein Umdenken wird gefragt sein, das die notwendigen strukturellen Veränderungen und die angepasste Flexibilität mit dem Nachwuchs der Generation Y zusammenbringt. Der Arbeitnehmermarkt, wie das der Ökonom nennt, wird dieses Umdenken erzwingen!

Auch, oder gerade wenn der eine oder andere Kollege den „alten Zeiten“ hinterhertrauert – sind es genau diese jungen Kollegen, für welche die Tätigkeit in kommenden neuen Versorgungsstrukturen zu schaffen sind. Sie sind es gewohnt, flexibel an verschiedenen Orten zu arbeiten. Der digitale Informationstransfer und die Vernetzung stellen keine Hürde für sie da.

Das Streben nach einer guten Ausbildung, das Rotieren durch verschiedene Positionen, der Zwang zu einer Spezialisierung und die Arbeit in flachen Hierarchien kommen ihrer Einstellung hinsichtlich des Berufslebens entgegen.

Kurzum die Generation Y erscheint wie geschaffen für die Versorgungsstrukturen der Zukunft.

Alternativlos ist sie ohnehin.

PD Dr. Moritz Braun, der korrespondierende Autor, ist am Klinikum Leverkusen, Klinik für Urologie, tätig.

Der Originalartikel ist erschienen in „Der Urologe“ 8/2016, DOI 10.1007/s00120-016-0184-4, © Springer Verlag.

Literaturempfehlung

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- Liao JM, Co JP, Kachalia A (2015) Providing educational content and context for training the next generation of physicians in quality improvement. Acad Med 90(9):1241–1245;

- Gassen A (2015) Müssen ambulante und stationäre Versorgung weiterhin vor dem jeweils Anderen geschützt werden? Recht Polit Gesundheitswes 21(1):14–17;

- Ihle J (2015) Das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz: was bringen die geplanten Gesetzesänderungen den Versicherten? Soz Sicherh 64(4):158–162;

- Rixenn S (2014) Ambulante spezialfachärztliche Versorgung – eine grundrechtsfreie Zone? Gesundheitsrecht 13(8):449–456;

- Klakow-Franck R (2013) Qualitätssicherung (QS) im Vergleich ambulant – stationär. Gesundh Pflege 3(4):147–154;

- Seitz I (2012) Die Erbringung ambulanter Leistungen durch Krankenhäuser, 1. Aufl. Nomos, Baden Baden, S 436;

- Wöllert B (2014) Königswege der Gesundheitsversorgung?: Zwei-Klassen-Medizin, Wettbewerb und Freiberuflichkeit. Gesellschaftspolit Komment 55(6/7):19–21;

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- Pfeifer U (2008) Schicksalsgenerationen: Von der Kriegs- und Krisen- zur Packeselgeneration. Neue Ges Frankf Hefte 10:54–59;

- Schidt C, Möller J, Windeck P (2013) Vier Generationen unter einem Dach. Dtsch arztebl 19:928–933.

 

M. Braun, P. Goebell, J. Salem, J. P. Struck, L. Stahl, M. Oelke, H. J. Sommerkamp, R. Schwaibold, R. Berges und M. Schöneberger

, Ärzte Woche 49/2016

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