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Intensiver Gedanken- und Erfahrungsaustausch mit 800 Kolleginnen aus aller Welt (v.l.n.r.): Prof. Dr. Pia Veronika Vécsei-Marlovits, Prof. DDr. Barbara Maier, Dr. Edith Schratzberger-Vécsei, Dr. Alexandra Ciresa-König und Dr. Iris Habitzel.
 
Gesundheitspolitik 27. Juni 2016

Junge verändern den Arztberuf

Neuer Stil: „Einfühlsam zu fragen, haben wir nie gelernt“, sagt Dr. Schratzberger-Vécsei.

Die sogenannte „Generation Y“ hat ganz andere Bedürfnisse und Ansprüche an die Arbeitswelt als sie vor 30 Jahren gang und gäbe waren. Ob und wie das gut gehen kann, diskutieren Experten am 30. Weltärztinnenkongress, der nach 1931 und 1968 zum dritten Mal in Wien stattfindet.

Neben der Herausforderung im Umgang mit den Nachwuchs-Ärztinnen, deren Bedürfnissen und Chancen, stehen die Themen Gewalt gegen Frauen und Migration im Mittelpunkt des viertägigen Erfahrungs- und Meinungsaustausches.

Die Medical Women International Association (MWIA) wurde am 25. Oktober 1919 in New York von amerikanischen Ärztinnen gegründet, die im ersten Weltkrieg Hilfsdienste in französischen Lazaretten geleistet hatten. Sie gilt damit als eine der ältesten ärztlichen Organisationen weltweit, auch wenn von dem Slogan „Die Medizin wird weiblich“ damals noch längst keine Rede war, Frauen meist auf die Rolle einer untergeordneten Krankenschwester beschränkt blieben. Aber wahrscheinlich war genau diese Chancenungleichheit das Motiv für die wenigen „Privilegierten“, sich schon so früh zu vernetzen, um aus Gemeinsamkeit Stärke zu ziehen.

Folgt man dieser These, so lässt sich gut nachvollziehen, warum fast zeitgleich mit der MWIA – wenn auch ursprünglich unabhängig davon – in Wien die nationale „Organisation der Ärztinnen Österreichs“ gegründet wurde. Auch sie gilt somit als eine der ältesten Vereinigungen in der österreichischen Medizin. Seit fast hundert Jahren setzt sich die Organisation also für bessere Berufsbedingungen und Chancengleichheit heimischer Ärztinnen ein. Darüber hinaus ist sie seit jeher bestrebt, den Fokus ihrer Mitglieder über den rein medizinischen Aspekt hinaus auf philosophische, soziologische und medizinethische Fragen zu richten und sich damit im Rahmen internationaler Tagungen und Workshops auseinanderzusetzen. Zudem werden regelmäßig soziale Projekte unterstützt.

1926 schlossen sich die heimischen Ärztinnen schließlich der MWIA an. Diese fungiert heute als globale Dachorganisation auf sechs Kontinenten. 90 Mitgliedsländer sowie Einzelmitglieder aus weiteren 45 Ländern gehören dazu.

Zum 30. MWIA-Kongress an der Universität Wien werden rund 800 Teilnehmerinnen aus aller Welt erwartet. Schon jetzt liegen über 600 Anmeldungen vor. Zum Generalthema der Veranstaltung wurde „Generation Y“ gewählt. „Wenn eine bald 100-jährige Organisation einen Weltkongress ausrichtet, ist es naheliegend, sich nicht nur mit der Vergangenheit zu beschäftigen, sondern vor allem auch mit der Zukunft“, begründet Dr. Mag. Edith Schratzberger-Vécsei, Allgemeinmedizinerin und Präsidentin der Organisation der Ärztinnen Österreichs, die Themenwahl: „Die Generation Y ist eine Medizinerinnengeneration, in der es mindestens so viele Ärztinnen wie Ärzte geben wird, eine Generation, die mit digitalen Medien groß geworden ist und die oft als ‚so ganz anders‘ erlebt wird.“

„Ganz anders“ sei dabei besonders herausfordernd, findet Schratzberger-Vécsei, die auch der European Women’s Lobby als Präsidentin vorsteht: „Die Generation Y ist eine spannende Generation, ihre Repräsentantinnen sind ganz anders aufgewachsen ist als wir, die ganz anders kommuniziert als wir, die auch eine ganz andere Arbeitsauffassung hat.“ Dazu kämen verschärfend noch die veränderten Rahmenbedingungen, unter anderem eine immer größere Nachfrage nach einem immer kleineren personellen Angebot mit entsprechenden Wahlmöglichkeiten, ergänzt Prof. Dr. Pia Veronika Vécsei-Marlovits, MSc, MBA, Primaria an der Augenabteilung des Krankenhauses Hietzing: „Es ist schwierig für uns X-ler damit umzugehen, weil wir noch mit viel Konkurrenz aufgewachsen sind. Aber es ist gleichzeitig auch gesundend für uns. Die neue Generation zeigt uns auch, was wichtig ist, um ein glückliches Leben zu haben.“

Karriere und Leben unter einen Hut zu bringen, sei eine Herausforderung, der „wir uns gerne stellen“, so Vécsei-Marlovits. Mit Flexibilität, Organisation und entsprechend gutem Willen sei das durchaus machbar, auch wenn etwa das Erstellen von Dienstplänen mitunter zum „Sudoku wird, mit vielen leeren Feldern, die es zu füllen gilt“. Primarias sind in der Regel eher bereit, diesen organisatorischen Mehraufwand auf sich zu nehmen, als ihre männlichen Kollegen.

Letztendlich wären also auch die Ärztinnen der neuen Generation mit Stereotypen konfrontiert, Gender-Medizin bzw. ein geschlechtsspezifischer Zugang in der Medizin nach wie vor nicht selbstverständlich. Initiativen wie die der MedUni Innsbruck, die erstmals im deutschsprachigen Raum Gender-Medizin als Pflichtfach in das Curriculum implementiert hat, oder die des Ärztekammer-Gender-Medizin-Diploms, das im Wintersemester 2016/2017 erstmals gemeinsam mit der Medizinischen Universität Wien startet, bilden immer noch Ausnahmen.

So verwundert es kaum, dass der Anteil an weiblichen Führungskräften in der Medizin mit acht bis zehn Prozent weltweit immer noch verschwindend gering ist, obwohl es mittlerweile in etwa gleich viele Ärztinnen und Ärzte gibt. In Österreich sind etwa nur fünf der 82 Primariatstellen mit Frauen besetzt. Eine gewisse Vorreiterposition nimmt in diesem Zusammenhang der Wiener Krankenanstaltenverbund KAV ein, wo es inzwischen immerhin 30 Prozent weibliche Führungskräfte gibt. Für Vescei-Mariovits ist dieser Umstand einem „klaren politischen Statement“ zu verdanken, das es „hier in Wien gibt“.

Gewalt gegen Frauen

Ein anderer Themenschwerpunkt am Kongress widmet sich dem Thema Gewalt gegen Frauen.

Laut WHO leiden alleine 35 Prozent aller Frauen weltweit unter häuslicher Gewalt – über alle Regionen, Schichten, Generationen oder Religionen hinweg. Viele davon kämpfen mit Folgeerkrankungen, erläutert Dr. Alexandra Ciresa-König, Oberärztin an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Innsbruck. So wäre etwa das Risiko einer Depression unter Betroffenen doppelt so hoch. Auch bei ihren Kindern erhöht sich die Wahrscheinlichkeit signifikant, später selbst Opfer oder auch Täter zu werden.

Obwohl Ärztinnen in vielen Fällen erste Ansprechpartnerinnen für Gewaltopfer sind, werde das Thema im Medizinstudium bis heute tabuisiert, kritisiert Ciresa-König: „Wir wissen, dass Frauen oft zuerst zu Ärztinnen gehen und auf Unterstützung hoffen, auch wenn sie das Thema nicht direkt ansprechen.“ Darauf müssten Ärztinnen besser vorbereitet werden. Manchmal würde schon eine einfache, aber einfühlsame Frage helfen, um den Knoten zu lösen und Vertrauen aufzubauen. „Aber einfühlsam zu fragen, haben wir nie gelernt“, weiß Ciresa-König. „Wir fragen immer nach Fakten. Das ist aber zu wenig.“

Kongresse wie die MWIA-Tagung würden die Chance bieten, durch einen länderübergreifenden Austausch die Situation für alle Beteiligten zu verbessern, ist Ciresa-König überzeugt. Insbesondere die Frage „Wie erkennt man Gewaltopfer und was ist dann zu tun?“ sei letztendlich ein länder-, religions- und geschlechtsübergreifendes Thema.

Auch zum Thema Migration und ihren Auswirkungen auf die Medizin wird es am Kongress Vortragsblöcke geben, erzählt Prof. DDr. MMag. Barbara Maier, Primaria der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe des Wilhelminenspitals: „Migration hat dramatische Folgen für die Gesundheit von Frauen. Flucht, Migration und später die Integration in eine andere Umwelt sind Herausforderungen für Betroffene wie für unsere medizinischen Versorgungssysteme.“

Eine erste große Hürde sei dabei oft das Sprachproblem. Dazu gäbe es gute Lösungsansätze, ergänzt Ciresa-König, etwa das von der Plattform für Patientensicherheit entwickelte Videodolmetsch-System. Ciresa-König selbst hat das System als erste Spitalsabteilung in Tirol eingeführt und damit „die Qualität der Patientenversorgung deutlich verbessert“. Es wäre daher wünschenswert, würde die Sozialversicherung dieses Tool auch im niedergelassenen Bereich finanzieren und damit helfen, Patientenströme aus der viel teureren Krankenhausmedizin in die Niederlassung umzuleiten.

Über all das und noch viel mehr soll am Welt-Ärztinnenkongress diskutiert werden, wünscht sich Schratzberger-Vécsei: „An diesem Ort der Begegnung und der Verständigung soll Gelegenheit sein, über die engen Fachgrenzen hinaus zu denken und anzuhören, was Kolleginnen aus anderen Kulturen denken. Es ist eine Gelegenheit, voneinander zu lernen und einander kennenzulernen. Wir freuen uns auf unsere Gäste aus der ganzen Welt.“

Volkmar Weilguni, Ärzte Woche 26/2016

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