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© Maja Hitij/dpa
Ein Mann demonstriert die „CardioSecur“-App. Das ist ein mobiles 22-Kanal-EKG-System für Tablet und Smartphone. Die Beobachtung der Funktionen des Herzens und eine direkte Interpretation der Ergebnisse sind damit möglich.
 
Praxis 21. Dezember 2015

EKG mit dem Smartphone

Der mündige Patient will und kann künftig banale Erkrankungen selbst managen.

Die Versorgung der Patienten verlagert sich stückchenweise in die digitale Welt. Selbst Medizintechnik wandert aufs Smartphone. Ein Trend, den Ärzte für sich nutzen können, sagen Experten.

Eine Flatrate für den Haus- und Facharzt mit garantiertem 24-Stunden-Service? Und das sieben Tage die Woche 365 Tage im Jahr? Was sich für viele niedergelassene Ärzte, die ohnehin mit überfüllten Praxen kämpfen, wie ein Horrorszenario anhört, ist in der digitalen Welt kein Problem. So nutzen 1,5 Millionen Patienten die Telemedizin-Plattform Doctome des israelischen Unternehmens MedTrix Ltd., die genau diesen Service bietet ( http://doctome.co ).

Beim App-Wettbewerb auf der Medizinmesse Medica in Düsseldorf stellte Itamar Bitton, CEO von MedTrix, die Plattform und die zugehörige App vor. Die Patienten buchen ein monatliches Abo für ihre Familie und können dann über das Smartphone via Video-Chat einen Arzt genau in dem Moment konsultieren, in dem sie Rat oder Hilfe benötigen.

Familien-Abo für Arztkontakte

Auf der Plattform ist eine komplette Patientenakte hinterlegt und auch Rezepte lassen sich unkompliziert bestellen. Sie werden papierlos an die Apotheke in der Nähe übermittelt, damit der Patient schnell sein Arzneimittel erhält. Die Lösung soll nicht nur in Israel laufen, vier weitere Märkte stehen im Fokus des Unternehmens. Außerdem ist laut Bitton geplant, dass der Service künftig durch Versicherer gedeckt werden kann.

In Deutschland kommt das Lübecker Start-up Patientus mit einer ganz ähnlichen Lösung daher – und das bereits seit vergangenem Jahr. Erst im vergangenen September ist ein Pilotprojekt mit der Techniker Krankenkasse (TK) für eine dermatologische Sprechstunde angelaufen.

Bei Patientus treffen sich Patient und Arzt in einem geschützten virtuellen Wartezimmer. Als Voraussetzungen sind nur ein PC oder Laptop mit Webverbindung und eine Webcam erforderlich.

Der Arzt kann sich mit seinem Patienten zu einem festen Termin zur Video-Sprechstunde verabreden, erklärte eine Sprecherin des Start-ups auf der Medica.

Abgerechnet werde die Leistung wie eine telefonische Beratung oder als Selbstzahlerleistung nach der GOÄ. Der Arzt zahlt für die Nutzung eine monatliche Grundgebühr, aber keine Provision. Der Patient zahle nur die ärztliche Leistung. 2014 sei die Plattform mit 100 Ärzten gestartet, mittlerweile würden rund 200 mitmachen.

Medizingeräte werden mobil

Die digitale Welt ersetzt immer mehr Medizinprodukte. Damit können Patienten Diagnose-Daten zum Teil zu Hause ermitteln. Eine echte Innovation stellte die Berliner Personal Medsystems GmbH beim App-Wettbewerb vor. Mit CardioSecur können nicht nur Ärzte in der Praxis mit nur vier Elektroden und einem Tablet-PC ein 22-Kanal-EKG mit 360-Grad-Ansicht des Herzens anfertigen. Für Patienten gibt es ebenfalls eine mobile EKG-Lösung – fürs Smartphone. Mit der App Cardio- Secur Active kann der Patient, sowie er Symptome verspürt, seine Werte ermitteln. Das System übersetzt ihm die Messung in drei Stufen: neutral, gelb oder rot. Die Daten lassen sich gleich an den Arzt übermitteln. Die Praxen arbeiten ebenfalls mit einer App, ProSecure® Pro. Mehr Geräte sind nicht notwendig, der Tablet-PC oder das Smartphone fungieren nämlich gleichzeitig als Batterie.

CardioSecur® hat ein CE-Siegel und ist ein anerkanntes Medizinprodukt der Klasse IIa. Mitte Dezember rechne man zudem mit der FDA-Zulassung, hieß es auf der Medica. Geld verdient das Unternehmen mit dem Verkauf des Features. Patienten zahlen 9,95 Euro pro Monat.

iFeel Labs will mit seiner App iFeel Labs Match 3 sogar die Therapie in die mobile Welt verschieben. Über ein Smartphone-Spiel und einen Biofeedback-Sensor sollen Asthma-Patienten in Stresssituationen ruhiges Atmen lernen. Die Lösung soll den Inhalator ersetzen und ist FDA sowie CE-geprüft.

Komplett ersetzt wird der Arzt durch solche Technik jedoch nicht, das machten Patienten-, Pharma- und Medizinvertreter auf einer Podiumsdiskussion beim Medica Health IT Forum zur Frage „Was wollen die Patienten?“ deutlich. „Heutzutage haben die Patienten damit zu kämpfen, dass es viele Informationen gibt“, erklärte Dr. Martin Danner, Bundesgeschäftsführer der BAG Selbsthilfe. Hier fehle ihnen oft die Orientierung.

Das Ende der Sektorengrenzen

Ärzte sollten laut Dr. Markus Müschenich, Pädiater und Vorstandsmitglied des Bundesverbands Internetmedizin, die digitalen Neuerungen als Chance wahrnehmen. „Meine Hoffnung ist die, dass Patienten, die die Ärzte wirklich brauchen, mehr Zeit bekommen“, sagte er. Patienten mit banalen Leiden könnten hingegen über die digitale Welt versorgt werden.

Die Ärzte haben gar nicht die Möglichkeit, sich der neuen Technik zu entziehen. Die Patienten würden sich für beides entscheiden: den klassischen Arztkontakt und ergänzend dazu die mobilen Lösungen, die ihnen mehr Flexibilität und gefühlt Wertschätzung geben. Wenn man als Patient in der Praxis anrufe, erst einmal in der Warteschleife lande, um dann zu erfahren, dass es erst Wochen später einen Termin gebe, fühle man sich „nicht ernst genommen“. Müschenich: „Das ist kein Vorwurf an die Ärzte.“ Die Probleme lägen eher im Gesundheitssystem. Dennoch: „Als digitales Start-up wissen Sie, dass Sie die Patienten begeistern müssen, um am Markt zu bestehen.“

„Es ist nicht einfach nur eine neue Technik, es ist ein Kulturwandel, der sich hier vollzieht“, warf Birgit Fischer, Hauptgeschäftsführerin beim deutschen Verband der forschenden Pharmaunternehmen ein. Es erfolge eine Emanzipation der Patienten, die nach Wissen suchten und ihre Krankheiten aktiv managen wollten. Der Vorteil der digitalen Welt sei, dass sie orts- und zeitunabhängig ist. „Damit reißt sie die Grenzen zwischen den Sektoren ein und stellt das Ende der Arbeitsteilung dar.“Die geplante Telematikinfrastruktur schaffe dies nicht, so Müschenich. „Sie wurde entwickelt, als es noch kein mobile Health gab.“ Die aktive Kommunikation des Patienten mit dem Arzt komme dort bislang nicht vor. Müschenich: „Es wird eine Plattform geben, die die Gesundheits-Apps bündelt, die Frage ist nur, wer diese betreibt.“

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