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© APA/HELMUT FOHRINGER
Ein Flüchtlingskind läuft zwischen Zeltreihen in Nickelsdorf. Einige Kinder kommen in Sandalen ohne Socken an, andere tragen nur Socken, aber keine Sandalen. Ihre Eltern wollen nach Deutschland – und irgendwann zurück nach Syrien.
© Hasan Kelani

Vielfältig engagiert in der Flüchtlingsbetreuung: Dr. Tammam Kelani.

 
Allgemeinmedizin 29. Oktober 2015

Doppelt heimatlos

Syrisch-stämmige Ärzte und ihr Engagement in der aktuellen Flüchtlingskrise.

Studenten und Mediziner aus Syrien, die in den 1960er-, 70er und 80er-Jahren nach Österreich gekommen sind, wurden hierzulande willkommen geheißen. Daher haben zahlreiche Ärzte im niedergelassenen und im stationären Arbeitsbereich ihre Wurzeln in der arabischen und persischen Region.  Einige der syrischen Mediziner engagieren sich seit dem heftigen Ausbruch des Konflikts in ihrem Herkunftsland mit unterschiedlichen Projekten und auch tatkräftig vorort in der Hilfe für ihre geflüchteten Landsleute. Die Ärzte Woche hat zwei von ihnen getroffen.

Sie haben nicht nur den Vorteil der gleichen Sprache, sie wissen auch über das Leben, die Kultur und die geografischen Gegebenheiten des anderen Bescheid. Das kurze Gespräch, das sich zwischen dem syrischen Familienvater und dem syrisch-österreichischen Arzt Dr. Tammam Kelani am Rande einer medizinischen Erstversorgung im Rotkreuz-Zelt gleich nach dem Grenzübertritt ergibt, erzeugt da große Vertrautheit, auch Ruhe. Mit seiner Frau und seinen fünf Kindern ist der Mann aus Homs gekommen, mit Schleppern über die Türkei, in einem völlig überfüllten Boot nach Griechenland, von dort auf dem Landweg nach Ungarn.

Der sechsjährige Sohn wurde an diesem sonnig-kalten Samstag zwischen der Bahnstation auf ungarischer Seite und dem Ankunftszentrum in Nickelsdorf von mehreren Wespen gestochen. Ein stilles, ernstes Kind, das geduldig, aber auch neugierig, um sich blickt. Die Stiche sind schnell mit lokalem Antihistaminikum und Kortison versorgt. Vater und Sohn bleiben noch kurz zur Beobachtung im ansonsten unbelegten Rotkreuz-Zelt in der Abteilung für Mütter und Kinder. Sie sind die ersten Patienten an diesem einstweilen letzten Tag der Neuankömmlinge in Nickelsdorf.

Medizinischer, emotionaler und sprachlicher Hilfsbedarf

Etwa 4.000 sollten es an diesem Nachmittag und Abend noch werden. Der medizinische Hilfsbedarf ist überschaubar – für die Betroffenen aber in jeder Hinsicht von großer Bedeutung: Eine hochschwangere Frau, die seit einiger Zeit keine Kindesbewegungen mehr spürt wird sicherheitshalber mit der Ambulanz ins Spital gebracht. Einer Frau mit einem vier Monate alten Baby schmerzt die Kaiserschnittnarbe. Ein junger Mann auf Krücken, der eine Wunde am Bein hat und noch vor dem Betreten des Sanitätszeltes seine Krankheit „Hämophilie“ wiederholt kundtut, um vorsichtig behandelt zu werden. Er erhält nach der sorgfältigen Behandlung seiner Wunde ein paar größere – diesmal passende – Schuhe. Die kleineren Kinder tragen oft nur Sandalen ohne Socken oder Socken ohne Schuhe. Die meisten haben banale Beschwerden: Halsschmerzen, Erkältungen, Augenentzündungen.

Drei bis vier Ärzte stehen für die Versorgung bereit, fallweise sind auch arabischsprachige darunter, sie kommen eher in die städtischen Sammelstellen, um zu helfen. Kelani, Augenarzt in Gänserndorf und während der großen Flüchtlingswelle über diese Grenze zweimal pro Woche in Nickelsdorf, wird nicht nur für die Behandlung benötigt, sondern in vielen Fälle auch als Übersetzer. Mit manchen Hilfesuchenden können sich die Ärzte, Sanitäter und anderen freiwilligen Helfer in Englisch, mit dem einen oder anderen sogar auf Deutsch unterhalten. Dann gibt es noch Farsi und Kurdisch und andere Sprachen. Kelanis Beobachtung: Iraker und Syrer kommen überwiegend mit Familie, die Afghanen sind meist einzelne junge Männer.

Der vielfältige Nutzen weitverzweigter Netzwerke

Kelani hat als Präsident der Österreichisch-Arabischen Ärzte- und Apothekervereinigung einen Dolmetschdienst für Nickelsdorf organisiert, sodass – solange dort Flüchtlinge ankommen – rund-um-die-Uhr ein Übersetzer für Arabisch zur Verfügung steht. Das Netzwerk ist groß. Mit dem Smartphone organisiert Kelani mit einer Gruppe von 60 bis 70 Personen für die Flüchtlingsunterkünfte in den Pavillons des ehemaligen Geriatriezentrums am Wienerwald Sachspenden, Lebensmittel, Hol- und Bringdienste und weitere Übersetzer. Er arbeitet mit anderen engagierten Gruppen wie „Train of Hope“, der aus der Freiwilligenhilfe am Wiener Hauptbahnhof entstandenen Flüchtlingshilfe, zusammen.

Mit der humanitären Hilfe für die syrischen Kriegsflüchtlinge begann die Österreichisch-Arabische Ärzte- und Apothekervereinigung schon Ende 2012/Anfang 2013 im syrisch-türkischen Grenzgebiet, zunächst auf syrischer nun auch auf türkischer Seite. Hilfslieferungen werden jedoch zunehmend erschwert. So verbietet die Türkei seit einem Jahr den Transfer von Medikamenten durch ihr Staatsgebiet. Ein kleines Projekt für Sanitäranlagen wurde vor sechs Monaten umgesetzt, derzeit ist ein Projekt zur Errichtung von Brunnen im Laufen, Zigtausende sind ohne Trinkwasser.

200 Ärzte aus Syrien in Österreich

Unter den syrischen Flüchtlingen dürften schätzungsweise 200 Ärzte sein, die zwar freilich nicht in Österreich praktizieren dürfen, aber, wo das möglich ist, mithelfen. Spracherwerb und Nostrifizierung der Ausbildung sind Grundvoraussetzung für die Berufsberechtigung. Kelani, Jahrgang 1951 und aus Hama stammend, kam 1982 nach seiner Ausbildung als Augenarzt in Syrien zunächst als Gastarzt an die Wiener Augenklinik zu Prof. Heinrich Freyler. Er schaffte diesen Prozess innerhalb von zwei Jahren und lebt heute mit seiner Familie in Wien.

Rückkehr als Ziel

Die meisten Flüchtlinge, die derzeit durch Österreich ziehen, wollen nach Deutschland, manche nach Dänemark oder Schweden. Die Entscheidung darüber fällt manchmal innerhalb von zwei oder drei Minuten. Andererseits: „Der Großteil der syrischen Flüchtlinge will (Anm.: nach Ende der Kampfhandlungen) nach Syrien zurück“, sagt der plastische Chirurg Doz. Rafic Kuzbari. Wie Kelani ist Kuzbari ein österreichisch-syrischer Arzt, der 1976 als 13-Jähriger mit seiner Familie nach Österreich kam und hier Schule und Medizinstudium absolvierte. Gemeinsam mit einem Freund gründete er drei Monate nach dem Ausbruch der Gewalt in Syrien 2011 die Organisation IHR International Humanitarian Relief ( www.ihrelief.org/en ) mit dem Hauptziel, die Lebensbedingungen in den Flüchtlingslagern in den syrischen Grenzgebieten zu verbessern: Mit Essen, Kleidung, Medikamenten und medizinischer Versorgung, aber auch mit Wohncontainern und Angeboten für Schulbildung.

„Ein Drittel der Bewohner im Libanon sind bereits Syrer, in der Türkei werden bald zwei Millionen Flüchtlinge leben“, erläutert Kuzbari. IHR sei mittlerweile eine der erfolgreichsten NGOs in den Nachbarländern, unterstützt von der UNO, vom Internationalen Roten Kreuz und auch von Ärzte ohne Grenzen. Dennoch reichen die Mittel bei weitem nicht aus, um den Flüchtlingen in der Region eine Perspektive zu bieten.

Trübe Aussichten

Solange keine politische Lösung in Syrien gefunden wird, werden die Flüchtlingsströme nicht aufhören, sind sich Kelani und Kuzbari einig: „Die Syrer sind stolze Menschen und sie wünschen sich ein würdevolles Leben.“ Aber nicht nur die Syrer verlieren ihre Heimat, denn wie ein Sprichwort sagt: „Jeder Mensch hat zwei Heimaten: Seine eigene und Syrien.“

Verena Kienast, Ärzte Woche 44/2015

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