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Leben 8. Juni 2015

Die Sprache der Selbsttäuschung

Gewichtige Argumente für den ehrlichen Umgang mit überschüssigen Kilos.

Das ist kein Diät-Ratgeber und kein Buch über das Dicksein, verspricht der Verlag. Aber sicher! Wir sind skeptisch. Doch schon der erste Satz, obwohl eigentlich eine Unterstellung, eine Frechheit, vermag zu gefallen: Wenn Sie das lesen, sind Sie dick!

Dr. Burkhard Jahn, das ist der Autor, weiß was er da schreibt, und relativiert sich selbst sofort, indem er hinzufügt: Ich weiß nicht, wie dick Sie sind, aber Sie wiegen definitiv mehr, als Sie wollen, mehr als gut für Sie ist, und das macht Ihnen Probleme.

Kluge Strategie für einen Einstieg, Herr Jahn, Sie geben dem Leser kalt-warm. Und womit? Mit recht. Mit Beschönigen und Verharmlosen erreicht man gar nichts, manchmal helfen nur harte Geschütze. Die fährt der Autor auf, findet deutliche Worte. Und tut mit diesen unbequemen Wahrheiten dem Leser den größtmöglichen Gefallen. Denn ein Leben mit massivem Übergewicht bringt massive Beeinträchtigungen mit sich: Von alltäglicher Diskriminierung und schlechten Chancen auf dem Arbeits- und Partnermarkt bis hin zu ernsten gesundheitlichen Problemen und einer deutlich reduzierten Lebenserwartung.“ Das dicke Ende“ nimmt neben der medizinischen auch die soziale, wirtschaftliche und emotionale Komponente ins Visier.

Burkhard Jahn wurde 1967 in Hannover geboren und studierte Medizin in Marburg, Kiel und Sheffield (England). Er ist Allgemeinmediziner und Ernährungsmediziner mit Zusatzqualifikation Diabetologie sowie Lehrbeauftragter an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Dass Burkhard Jahn gut schreiben kann, kommt nicht von ungefähr: Er war wiederholt in großen Publikumsblättern (Bild am Sonntag, Frau von heute, FIT FOR FUN u. a.) sowie in Radio- und Fernsehsendungen (NDR) Experte für die Themen Ernährung und Übergewicht.

Tacheles reden als Empfehlung: Heilung beginnt mit Ehrlichkeit. Und Ehrlichkeit fängt mit der Sprache an. Darum bitte ich Sie: Hören Sie als Erstes auf, sich „übergewichtig“ zu nennen — Sie könnten sonst einfach auch sagen: Ich bin untergroß. Das Wort Übergewicht ist bereits eine gewisse Distanzierung von der Wahrheit. Die These von der Veränderlichkeit der Schönheitsideale ist verlockend. Doch auch wenn sich Moden ändern, sind sie nicht beliebig. Schönheit liege eben nicht im Auge des Betrachters, es existieren Kriterien, über alle Kulturen hinweg. Bei Frauen ist es die Sanduhrfigur, bei Männern die V-Form.

„Das dicke Ende“ von Dr. Burkhard Jahn ist 2015 im Braumüller Verlag erschienen, 208 Seiten, 21,90 €,

ISBN 978-3-99100-148-5

Martin Burger, Ärzte Woche 23/2015

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