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Brandstätter Verlag 2017, 224 S., Softcover 19,90 Euro

© Dominic Lipinski / picture alliance

Melatonin ist das Schweizermesser unter den Hormonen, u. a. triggert es unsere Innere Uhr.

 

© privat

Dr. Jan-Dirk Fauteck, Arzt und Chronobiologe, erforscht die Inneren Uhren im menschlichen Organismus.

 
Praxis 16. Mai 2017

Ruhe, bitte!

Chronobiologie. Melatonin ist ein unterschätztes Hormon. Es sorgt nicht nur für ungestörten Schlaf, sondern ist auch als Therapeutikum einsetzbar. Das sagt der Chronobiologe Jan-Dirk Fauteck. Er warnt vor einer Supplementierung nach Mitternacht.

Hätten Sie sich gedacht, dass Chronobiologie einmal so populär wird?

Fauteck: Ich persönlich ja. Ich kümmere mich aber auch schon seit meiner Doktorarbeit 1988 um das Thema, das mich seither nie mehr losgelassen hat. Tatsächlich ist Chronobiologie eine uralte Forschungsrichtung, die in Vergessenheit geraten ist und jetzt ganz langsam wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurückkehrt. Melatonin ist die bekannteste Substanz, die mit Chronobiologie in Verbindung gebracht wird.

Dennoch ist der Forschungszweig relativ klein, es werden meist kleine Studien durchgeführt, mit sehr wenigen Teilnehmern.

Fauteck: Idealistische Forschung hat aber auch einen großen Vorteil: Es wird in alle Richtungen geforscht.

Womit beschäftigt sich die Chronobiologie?

Fauteck: Wir fragen uns ganz grundsätzlich: Was ist Rhythmizität? Antwort: Fast alles ist rhythmisch. Was passiert, wenn Störungen auftreten, das ist die Chronopathologie. Die Zukunft der Chronobiologie ist die Chronopharmakologie: Wann gebe ich welche Substanz zu welcher Uhrzeit?

Ein Beispiel, bitte.

Fauteck: 2006 hat Prof. Alfred Lewy in Frankreich herausgefunden, dass wenn man bestimmte Chemotherapeutika nicht dann verabreicht, wenn in der Ordination gerade Zeit dafür ist, sondern nach den Gesetzen der Chronobiologie, kann man die Wirksamkeit fast verdoppeln und die Nebeneffekte fast um die Hälfte reduzieren. Ich propagiere das bei fast jedem Kongress, wo man es hören will.

Und was ist die Antwort?

Fauteck: „Hochinteressant, passt aber nicht in unseren Praxisalltag.“

Gegenbeispiele? Ordinationen, die sich an natürliche Rhythmen anpassen?

Fauteck: Ich habe in Potsdam vor Kurzem den Organisator eines Workshops kennengelernt, der auch im hiesigen Brustkrebszentrum tätig ist. Ungewollt musste er die Chemotherapie anders in seinen Praxisalltag einfügen und hat durch Zufall die Behandlung der Chronobiologie angepasst – siehe da: Er konnte seine Remissionsraten von 75 auf 100 Prozent steigern.

Ist das die Geschichte, die Sie mit Ihrem neuen Melatonin-Buch erzählen wollen?

Fauteck: Dieses Hormon haben wir jahrelang unterschätzt. Wir verbinden mit Melatonin fast ausschließlich die Regulierung des Schlafes, Melatonin brauchen wir, um einen gesunden Schlaf zu bekommen. Das ist zwar richtig, aber wir unterschätzen die therapeutische Wirksamkeit dieses Hormons. Melatonin ist eigentlich unser innerer Zeitgeber, dieses Hormon triggert unsere Innere Uhr. Dadurch, dass wir auf der Erde leben, können wir uns der zunehmenden Lichtverschmutzung nicht mehr entziehen, und das beinhaltet automatisch, dass wir ein erhöhtes Risiko an verschiedenen Krankheiten haben. Es wäre ein Einfaches, dem präventiv durch die richtige Supplementierung von Melatonin entgegenzuwirken.

In den USA gibt es Melatonin im Supermarkt zu kaufen. Wie sehen Sie diese Entwicklung im Hinblick auf eine mögliche Überdosierung im privaten Bereich?

Fauteck: Das sehe ich als sehr problematisch an. Wichtiger ist, dass man sich mit den Grundlagen einer intelligenten Substitution auseinandersetzt. Melatonin hat eine Halbwertszeit von ca. 25 Minuten. Das heißt, wenn Sie jetzt eine gewisse Menge an Melatonin zu sich nehmen, ist das nach 2,5 Stunden komplett abgebaut. Ich brauche dieses Melatonin-Signal aber mindestens für sieben Stunden. Ich müsste mir also einen Wecker stellen und alle zwei Stunden Melatonin nachlegen. Das ist nicht praktikabel. Dann kam die clevere Idee, eine Retardierung zu machen, das Melatonin also langsam freizusetzen. Das ist ein Nachteil, denn das Melatonin muss bei Anbruch der Dunkelheit sehr schnell auf den therapeutischen Level kommen muss, und das bekommt man mit einer Retardierung nicht hin. Die flutet langsam an, und wieder langsam ab. Das entspricht nicht der physiologischen Form. Wir benötigen also eine pulsatile (schrittweise, Anm.) Freisetzung, ich muss jede Stunde mindestens 0,5 mg abgeben, und das sechs Mal, damit ist die Nacht abgedeckt. Es reicht nicht aus, Melatonin zu geben, sondern wir müssen uns über die Darreichungsform Gedanken machen. Die Amerikaner verwenden fast ausschließlich schnell freisetzendes Melatonin oder die retardierte Form, die auch nicht ideal ist. Und: In Amerika ist Melatonin ein Food Supplement. Und wie alle Nahrungsergänzungsmittel unterliegt das dem Nahrungsmittelgesetz. Wenn Sie Äpfel kaufen, verlangen Sie auch nicht, dass jeder Apfel zu 100 Prozent identisch ist. Das ist bei Nahrungsergänzungsmitteln genauso, da kann ein bissl mehr drin sein oder auch ein bissl weniger. Das kann ein bissl schneller oder auch ein bissl langsamer freigesetzt werden. Und das innerhalb von einer Schachtel. Die Standards, die wir an ein Medikament stellen, werden bei Nahrungsergänzungsmitteln nicht unbedingt immer eingehalten, weil sie nicht kontrolliert werden. In eigenen Studien habe ich die acht meistverkauften Präparate analysiert, und bei allen habe ich Missstände festgestellt.

Was tun?

Fauteck: Wir müssen uns auf verlässliche Präparate konzentrieren, die nach Medikamenten-Standards hergestellt sind. Zurück zur Überdosierung: Wir wissen momentan nicht, ob es überhaupt Nebenwirkungen von Melatonin gibt und ab welcher Dosis wir damit rechnen müssen. Kinder haben einen zehnfach höheren Melatonin-Spiegel als Erwachsene, das therapeutische Fenster ist sehr groß. Nächtliche Werte bei Erwachsenen liegen bei 100 pg/ ml, bei Kindern liegen die nächtlichen Werte ungefähr bei 1.000 pg/ ml. Wenn ich niedrigdosiert anfange, komme ich irgendwann auf den Wert 1.000 und bin dann immer noch im kindlichen Bereich. Amerikanische Kollegen haben wesentlich höhere Dosierungen für andere Indikationen genommen und nie einen Nebeneffekt gesehen. Ich weiß zur Zeit noch nicht, welchen effektiven toxischen Effekt Melatonin hervorrufen kann.

Gibt es ein zeitliches Limit für die Einnahme?

Fauteck: Melatonin darf nicht nach Mitternacht eingenommen werden, weil ich dann über die Störung der Inneren Uhr den gesamten Schlafrhythmus verschiebe.

Hat nicht Koffein einen ähnlichen Effekt?

Fauteck: Genau. Oder auch Licht. Wenn Sie Licht in den späten Abendstunden zu sich nehmen, verschieben Sie Ihre Innere Uhr. Das ist ein Mini-Jetlag, mit den Konsequenzen Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Bluthochdruck, Glucosestörung, erhöhtes Brustkrebsrisiko.

Cochrane Austria hat Studien über die Beeinträchtigung des gesunden Schlafs durch blaues Licht kritisch analysiert. Ergebnis: Es gibt keinen eindeutigen Befund.

Fauteck:Ich kenne die Cochrane-Analysen. Das Problem ist, dass man bei vielen Studien nicht genau weiß, welche Lux-Zahl wann appliziert wurde. Wenn ich die Lichtgabe nach Mitternacht vornehme, habe ich eine andere Störung, als wenn ich es vor Mitternacht gebe, mit ein und derselben Lichtintensität. Wenn ich es am Anfang des Schlafes gebe, habe ich primär eine Verkürzung der Schlafdauer. Gebe ich Licht um Mitternacht herum, erhalte ich eine Verschiebung in Richtung des nächsten Tages. Gebe ich es lange nach Mitternacht, ist eine Rückverlagerung die Folge, ich bin am nächsten Tag früher müde. Wenn ich einfach nur den Mittlerwert nehme, wann sind die Studienteilnehmer eingeschlafen, verschwindet der Effekt der Vor- und Rückverlagerung. Dazu kommt dann noch die geringe Zahl an Studienteilnehmern.

Buchtipp

Jan-Dirk Fauteck
Melatonin. Das Geheimnis eines wunderbaren Hormons

Brandstätter Verlag 2017, 224 S., Softcover 19,90 Euro

ISBN 978-3-7106-0056-2

Mit Jan-Dirk Fauteck hat Martin Křenek-Burger gesprochen

, Ärzte Woche 20/2017

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