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© Peter Endig / dpa
Im Jahr 2018 werden die ersten jungen Mediziner erwartet, die dann das neue Ausbildungsmodell innerhalb der Basisausbildung machen müssen.
 
Praxis 20. Jänner 2017

Der Ruf der Lehrpraxis verhallt ohne Finanzierungsidee

 „Lernen, wo auch gearbeitet wird“, das ist das Motto, dass der neuen Ausbildungsordnung für künftige Allgemeinmediziner zugrunde liegt. Die Idee ist bestechend, doch nach wie vor fehlt die erforderliche Finanzierung.

Der Arzt für Allgemeinmedizin stellt die umfassende medizinische Betreuung in allen menschlichen Lebensbereichen sicher. Dieses durchaus breit gefächerte Anforderungsprofil zeigt bereits, dass an die Umsetzung in der Ausbildung dieser Mediziner hohe Anforderungen gestellt werden. Ärzte, die in der niedergelassenen Praxis Patienten betreuen, müssen vor allem selbstständig und meist als Einzelkämpfer agieren können und wollen. Dazu brauchen sie – gleich der eierlegenden Wollmilchsau – auch die notwendigen Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten in vielen Disziplinen: Das reicht von der Diagnostik und Krankenbehandlung unter Berücksichtigung von Alter und Geschlecht bis hin zur psychosomatischen Medizin, Geriatrie, Suchttherapie, Schmerztherapie oder Palliativmedizin.

Basisausbildung

Die postpromotionelle Ausbildung beginnt für den Allgemeinmediziner so wie auch für den Facharzt mit der Basisausbildung im Anschluss an das Studium. Sie dauert neun Monate in konservativen und chirurgischen Fächern und ersetzt bisherige Gegenfächer. In einem Rasterzeugnis sind Diagnose und Behandlung der häufigsten Krankheiten und deren Symptomenkomplexe – Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionsstörungen, Diabetes mellitus, Alzheimer, Demenz, zerebrovaskuläre Erkrankungen – enthalten. Notfallsituationen müssen erkannt und Erstmaßnahmen gesetzt werden.

Die Basisausbildung kann an allen Standard-, Schwerpunkt- und Zentralkrankenanstalten in Form einer Anstellung als Turnusarzt erfolgen. Sonderkrankenanstalten müssen extra bei der Österreichischen Ärztekammer ansuchen. Grundsätzlich entscheidet der Träger über den Einsatz des künftigen Allgemeinmediziners in den Abteilungen, aber es müssen auf jeden Fall alle Ausbildungsinhalte gelehrt werden. Erst danach fällt die Entscheidung über die weitere Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin oder Facharzt. Dazu haben die jeweiligen Krankenhausträger dem Turnusarzt einen Ausbildungsplan vorzulegen, der den zeitlichen und organisatorischen Ablauf festlegt.

Für den Allgemeinmediziner ist ein 27-monatiger Spitalsturnus vorgesehen, zwölf Monate davon können in einer Lehrpraxis absolviert werden. An- und abschließend folgen auf jeden Fall verpflichtend sechs Monate Lehrpraxis bei einem Arzt für Allgemeinmedizin. Der Spitalsturnus umfasst einen Fächerkanon aus neun Monaten Innere Medizin, drei Monaten Kinder- und Jugendheilkunde, drei Monaten Frauenheilkunde- und Geburtshilfe, drei Monaten Orthopädie und Traumatologie, drei Monaten Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin sowie sechs Monaten aus zwei Wahlfächern der Bereiche Haut- und Geschlechtskrankheiten, HNO, Neurologie, Augenheilkunde und Optometrie, Urologie sowie Anästhesie und Intensivmedizin. Verpflichtend ist jedenfalls die Absolvierung von Inhalten für Dermatologie und HNO.

Lehrpraxis-Zeit stufenweise erhöhen

Bisher wurde die praktische Ausbildung vorwiegend in Einrichtungen der allgemeinmedizinischen Erstversorgung, Spitalsstationen oder Spitalsambulanzen und nicht in den niedergelassenen Arztpraxen vorgenommen. Zukünftig ist der letzte Abschnitt in der Ausbildung zum Allgemeinmediziner verpflichtend in Lehrpraxen oder Lehrgruppenpraxen von Allgemeinmedizinern zu absolvieren, um auf die tatsächliche Arbeit als Hausarzt besser vorbereitet zu sein. „Echte Allgemeinmedizin ist nur in der Allgemeinmedizin zu lernen und die findet in Hausarztpraxen statt. Die Einblicke in die tägliche Arbeitsweise im niedergelassenen Bereich, vor allem das Kennenlernen des Kassenarztsystems, können in einem Spital nicht vermittelt werden“, beschreibt Kammeramtsdirektor Dr. Thomas Holzgruber von der Österreichischen Ärztekammer die Motivation dahinter. Zudem könnte die Lehrpraxis auch ein attraktiver Ausgangspunkt für die Übernahme der Ordination sein.

Von den von der Ärztekammer ursprünglich geforderten zwei Jahren sind derzeit lediglich sechs Monate übrig geblieben, doch die Lehrpraxis soll stufenweise ab 1. Juni 2022 auf neun Monate und schließlich ab 1. Juni 2027 auf zwölf Monate ausgeweitet werden. Zudem gibt es die Möglichkeit, neben der Ausbildung in der Lehrpraxis auch in einer Krankenanstalt im Rahmen von Nacht- oder Wochenenddiensten tätig zu werden, wobei jedoch der überwiegende Teil – das sind 30 Wochenstunden gem. § 12 Abs 5 ÄAO 2015 – in der Lehrpraxis zu absolvieren ist. Auch eine Konsiliarausbildung in einzelnen Fächern ist möglich, dazu müssen der Konsiliararzt und der Turnusarzt zumindest 30 Stunden pro Woche zusammenarbeiten.

Kein Geld für Lehrpraxen

Die Basis für die Lehrpraxen-Ausbildung in Kassenordinationen bildet ein Gesamtvertrag zwischen Hauptverband und Österreichischer Ärztekammer, arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen sind aber nicht Gegenstand der Ärzte-Ausbildungsordnung (ÄAO 2015). Sie müssen zwischen dem Ausbildner, das heißt Praxisinhaber und dem angehenden Allgemeinmediziner individuell nach Maßgabe eines Kollektivvertrages der Österreichischen Ärztekammer vereinbart werden. Die Voraussetzungen, wann eine Ordination als Lehrpraxis fungieren kann, sind im § 12 ÄAO 2015 geregelt. Dazu zählen etwa mindestens vier Jahre Berufserfahrung des Arztes, die Vorlage eines schriftlichen Ausbildungskonzeptes oder der Nachweis, dass pro Quartal mindestens 800 Patienten versorgt werden. Auch ein Lehrpraxisleiterseminar im Ausmaß von zwölf Stunden ist erforderlich, wo vor allem ärztliches Berufsrecht, Praxismanagement und Personalführung sowie Grundlagen der Gesundheitsökonomie vermittelt werden. „Es mangelt nicht an Bewerbern, im Gegenteil, wir hätten genug motivierte Allgemeinmediziner, die gern junge Kollegen ausbilden“, weiß Holzgruber.

So bestechend die Idee der Lehrpraxis ist und vom positiven Feedback der Absolventen gestützt wird, so schwierig ist die Umsetzung, denn: Das Geld fehlt. Der Einsicht, dass künftige Allgemeinmediziner auch nur in der Niederlassung passend ausgebildet werden, folgt kein Budget, das diese Forderung derzeit auch auf solide Beine stellen könnte. „Der erste große Ansturm ist für 2018 zu erwarten, zurzeit befinden sich die jungen Mediziner, die das neue Modell machen müssen, noch in der Basisausbildung“, beruhigt der Ärztekammervertreter fürs Erste, doch die Aussichten sind trist: „Allgemeinmediziner sind nicht in der Lage, die Kosten zu übernehmen, denn für 40 Wochenstunden ist mit Lohnnebenkosten von etwa 4.000,– Euro Aufwand zu rechnen.“ Die bisherige Lehrpraxisförderung von 900.000,– Euro wird nicht ausreichen, um hier den engagierten Ärzten unter die Arme zu greifen. Der Bedarf liegt bei rund 15 bis 20 Millionen Euro, rechnet die Ärztekammer vor.

Bund, Länder und Sozialversicherungen haben sich bisher bereit erklärt, 75 Prozent der Kosten zu fördern. 25 Prozent sollen von den Lehrpraxisanbietern selbst getragen werden. Die Ärztekammer beharrt auf der Forderung einer 100-prozentigen Finanzierung, denn selbst ein Viertel der Kosten könnte von den niedergelassenen Ärzten nicht übernommen werden. „Wenn das System funktionieren soll, fordern wir eine Komplettfinanzierung“, betont Holzgruber und verweist auf die PHC-Diskussion (Primary Health Care). „Wenn dort auch ausgebildet werden soll, wird das Thema der Lehrpraxisfinanzierung ein wichtiger Punkt in den Verhandlungen sein.“

Konsens im Kleinen

Vor der Fertigstellung steht ein Gesamtvertrag für Lehrpraktikanten, der vergleichsweise unspektakulär ist und die Kompetenzen der Lehrpraktikanten festlegt. Neu ist das Verbot des Poolings, also der abteilungs- und organisationseinheitenübergreifenden Tätigkeit von Turnusärzten. Junge Ärzte müssen nun nicht mehr an mehreren Abteilungen Nachdienste machen.

Die Mindestausbildungsquote für Allgemeinmediziner liegt nach Berechnungen des Ministeriums bei 400, ein Wert, der sich aus Pensionierungen und Abwanderungen sowie einem Bedarf für Spitäler berechnet. Bei rund 1.600 Studienanfängern pro Jahrgang liegt der Wert bei rund einem Viertel. „Wir als Ärztekammer und auch die Sozialversicherung hätten hingegen lieber 500 Absolventen prognostiziert, denn bei der Berechnung sind Wahlärzte, Schulärzte oder Arbeitsmediziner nicht berücksichtigt worden“, weiß Holzgruber.

Eine Anerkennung des Allgemeinmediziners als Facharzt wurde vonseiten des Ministeriums abgelehnt, da in diesem Fall auch die Ausbildungszeit gleich lang sein müsste, die Allgemeinmediziner aber rascher versorgungswirksam eingesetzt werden sollen. „Hier gibt es international keine einheitlichen Regelungen und der Kompromiss ist für uns vertretbar. Die EU legt lediglich ein Minimum von drei Jahren fest“, so der Ärztekammervertreter, der abschließend betont: „Die Lehrpraxis ist das am besten bewertete und bei jungen Ärzten am meisten geschätzte Ausbildungstool. Ich bin überzeugt, dass wir auch die Finanzierung dazu auf den Weg bringen werden müssen, denn: Wer Allgemeinmediziner in der Versorgung haben will, wird auch die Ausbildung dazu bereitstellen müssen; und dass es keine Allgemeinmediziner mehr geben soll, hat noch kein Politiker behauptet und wäre auch bei der Bevölkerung vollkommen inakzeptabel. Im Gegenteil, Hausärzte haben extrem hohe Beliebtheitswerte.“

Renate Haiden

, Ärzte Woche 4/2017

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