zur Navigation zum Inhalt
© simonkr / Getty Images / iStock
Im Angesicht des Todes ändern Patienten manchmal ihre Meinung.
© S. Furgler

Dr. Eric Stoiser, MA ist Medizinischer Leiter in den Geriatrischen Gesundheitszentren der Stadt Graz.

 
Praxis 13. Jänner 2017

„Mach mas‘ lieber doch“

Expertenbericht. Im Ernstfall kann es zu einer Relativierung der Patientenverfügungen kommen, beispielsweise bei einer Beatmungsnotwendigkeit.

Bereits seit dem 1. Juni 2006 ist das neue Patientenverfügungs-Gesetz (PatVG) in Kraft. In diesem Gesetz wird zwischen beachtlichen und verbindlichen Patientenverfügungen unterschieden. Eine Patientenverfügung ist keine letztwillige Verfügung im eigentlichen Sinn, weil darin keine Verfügung für die Zeit nach Todeseintritt getroffen wird. Jedoch ist sie eine sehr gute Möglichkeit, um den eigenen Willen für den Anlassfall transparent und nachhaltig kundzutun.

Beachtliche Patientenverfügung

Dabei handelt es sich um eine schriftliche Willenserklärung, mit der der künftige Patient ersucht, im Fall einer an sich zum Tode führenden Erkrankung, Verletzung oder Bewusstlosigkeit auf künstliche lebensverlängernde Maßnahmen zu verzichten und alle Möglichkeiten der Schmerzlinderung zu nutzen. Der Arzt muss sich vor einer Behandlung überlegen, welche Behandlung der Patient wünscht, das heißt den konkreten Patientenwillen ermitteln.

Verbindliche Patientenverfügung

Bei dieser Form müssen die abgelehnten Maßnahmen ganz konkret beschrieben werden und der Patient muss aufgrund eigener Erfahrung die Folgen der Patientenverfügung zutreffend einschätzen können. Eine verbindliche Patientenverfügung muss schriftlich vor einem Rechtsanwalt, einem Notar oder vor einem rechtskundigen Mitarbeiter der Patientenvertretung errichtet werden.

Davor muss eine umfassende ärztliche Aufklärung mit medizinischen Informationen über das Wesen und die Folgen der Patientenverfügung geschehen und dokumentiert worden sein. Sie gilt jeweils für fünf Jahre und muss dann wieder bestätigt werden. Die Patientenverfügung verliert dann nicht nach Ablauf von fünf Jahren ihre Verbindlichkeit, solange sie der Patient mangels Einsichts-, Urteils- oder Äußerungsfähigkeit nicht erneuern kann.

Vorsorgevollmacht

Daneben gibt es auch die Möglichkeit, seine Willenserklärung für maßgebliche Entscheidungen (Sonden- bzw. parenterale Ernährung, Beatmung, Wiederbelebungsmaßnahmen etc.) Vertrauenspersonen verbindlich zu übertragen. Die Rechtsgültigkeit der getroffenen mutmaßlichen entscheidungsrelevanten Willenserklärungen tritt erst mit der Unfähigkeit der eigenen Willenserklärung ein.

Vorsorgedialoge

Durch dieses Gesprächsformat wird der Wille der Bewohner für krisenhafte Situationen frühzeitig und kontinuierlich erkundet und dokumentiert. Dadurch stehen dem Betreuungsteam und eventuell beigezogenen (Notfall- bzw. Bereitschafts-) Medizinern in krisenhaften Situationen grundlegende Informationen für die Entscheidungsfindung zur Verfügung. Der Vorsorgedialog kann somit die Schaffung von Sicherheit und Klarheit in der Entscheidungsfindung im Sinne der Bewohner unterstützen. Damit ist der Vorsorgedialog eine bedeutende Grundlage der Lebensqualität der Bewohner. Der Vorsorgedialog stärkt zugleich die Kompetenz der Mitarbeiter im Pflegeheim sowie ermöglicht er den Bewohnern ein gutes Leben und ein würdiges Sterben.

Patientenverfügungsregister

Bei drei Stellen – Rechtsanwalts-, Notariatskammer sowie Patientenanwaltschaft – kann die Patientenverfügung mit Inhalt gespeichert werden. Damit wird abfragenden Krankenhäusern die Gelegenheit geboten, über www.rechtsarchiv.at den Inhalt einer Patientenverfügung abzurufen.

Prävalenz der Patientenverfügung

Insgesamt muss von einer geringen Inanspruchnahme der Patientenverfügung gesprochen werden. 2014 wurde eine Folgestudie der 2009 durchgeführten Erhebung der Anzahl vorhandener Patientenverfügungen durchgeführt.

Dabei ergab sich keine wesentliche Zunahme. Mit 4,1 Prozent liegt die Rate beispielsweise auch deutlich hinter Deutschland mit 15 Prozent. 2014 waren 23.500 verbindliche Patientenverfügungen bei den oben genannten drei Stellen registriert. Zudem wurde erhoben, dass 76 Prozent der Bevölkerung die Patientenverfügung kennen und sich rund 40 Prozent damit näher befasst haben.

Die Gründe für das Nichterrichten einer Patientenverfügung waren – nach Wichtigkeit geordnet:

- Wunsch nach Maximaltherapie von etwa der Hälfte der Befragten

- Fehlende Zeit

- Angehörige sollen entscheiden

- Fehlendes Wissen über Errichtungsmodalitäten

- Ärzte sollen entscheiden

- Zu viel Aufwand

- Sinnlos

- Kosten

In einer großen geriatrischen Betreuungseinrichtung in Österreich liegen 6,5 Prozent Patientenverfügungen auf, und bei 70 Prozent der Pflegewohnheimbewohner wurden Vorsorgedialoge durchgeführt. In Zusammenhang mit dem dort unterstützenden geriatrischen Konsiliardienst wurden unter anderem 48 Prozent der ungeplanten Transferierungen in Akutkrankenhäuser reduziert.

Reflexion der praktischen Erfahrung

Aufgrund der jahrzehntelangen Erfahrung des Autors und zahlreicher Gespräche mit beratenden Ärzten sowie begleitenden Personen muss auf folgende Einflussfaktoren für eine aktuelle und schriftlich gefertigte Willensäußerung eingegangen werden:

- Sie wird meist in gutem Gesundheitszustand verfasst.

- Sie wird meist aufgrund themenbezogener autobiografischer Erlebnisse (positiv/negativ) beziehungsweise beachtenswerter Erzählungen verfasst.

- Vor diesem Hintergrund ist eine vorstellbare Akzeptanz von ausgeprägten Selbstständigkeitsverlusten und damit vermeintlich unerträglichen Belastungen tendenziell unvorstellbar oder zumindest stark eingeschränkt.

- Die Akzeptanz dieser krankheitsrelevanten Beeinträchtigungen und der Wunsch nach lebenserhaltenden oder unter bestimmten Umständen sogar lebensverlängernden Maßnahmen sind zum Zeitpunkt des Vorhandenseins dieser Umstände häufig weit höher, als zum Zeitpunkt des Verfassens einer Patientenverfügung. Ich denke beispielsweise an Patienten mit weit fortgeschrittenen neurologischen Erkrankungen wie ALS oder MS, die weit häufiger als erwartet sogar eine maschinelle Beatmungsunterstützung einfordern.

In hohem Maße beeinflussend ist die Qualität der begleitenden Rahmenbedingungen in fachlicher und psychosozialer Hinsicht. Das Erkennen des individuellen Status, in welchem Menschen sich in bestimmten Lebensphasen befinden, bedarf neben einer hohen fachlichen Kompetenz ein großes Maß an Achtsamkeit. Leben bis zuletzt mit der Akzeptanz von krankheitsbedingt hochgradigen Beeinträchtigungen kann damit absolut möglich werden.

Fazit für die Praxis

Da in Österreich derzeit eine geringe Anzahl an zumindest verbindlichen Patientenverfügungen registriert ist, wird es erforderlich sein, noch mehr Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung für Grenzfragen des Lebens zu betreiben. Wesentliche Schnitt- und Nahtstellen sind in diesem Zusammenhang das Bildungssystem, das medizinische Primärversorgungssystem und themenspezifische Einrichtungen oder Organisationen, wie beispielsweise die Hospizvereine.

Das Bewusstsein einer möglichen Veränderung zu wesentlichen Entscheidungsfragen in dieser Thematik bedingt auch ein kritisches Reflektieren von Willenserklärungen. Jedenfalls muss der mutmaßliche Wille eines betroffenen Menschen ausführlich und umfassend, und wenn möglich interdisziplinär unterstützt, erfasst werden. Immer bedeutet das Vorliegen einer Patientenverfügung, ob beachtlich oder verbindlich, den Auftrag, sich mit dem mutmaßlichen Willen intensiv zu befassen. Um auf sich ändernde Umstände flexibel gut eingehen zu können, ist die Form der verbindlichen Vorsorgevollmacht für Vertrauenspersonen sehr gut dafür geeignet, zeitnah möglichst optimale Entscheidungen zu treffen. Vorsorgedialoge in Betreuungseinrichtungen geben wiederum sowohl den Bewohnern als auch den Mitarbeitern vor Ort viel Sicherheit und Kompetenz in der Betreuung bis zuletzt.


Eric Stoiser

, Ärzte Woche 3/2017

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben